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Folge 10: Vorhang auf für das antike Theater

Antike Dramatiker entwickelten die hohe Kunst, Schicksalsschläge in Szene zu setzen. Mit einem Fest für Weingott Dionysos nahm das Theater seinen Anfang. Dann kam die erste Tragödie auf die Bühne.
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Tot liegt der Vater in seinem Blut. Erschlagen von der Hand des eigenen Sohnes. Das Athener Publikum hält sich entsetzt die Hände vor den Mund. Gebannt starrt es aufs Orchestra, die Spielfläche des antiken Theaters. Wer gebildet ist in griechischer Mythologie, der weiß, wie die Geschichte weitergeht: Ödipus, der Vatermörder, wird an seinem eigenen Schicksal verzweifeln. Es kann gar nicht anders sein. Es ist das Grundprinzip der Tragödie.

Kulturgeschichte der Menschheit


Alles Neue im antiken Griechenland kommt aus Athen. Hier soll der Dichter Thespis zwischen 535 und 531 vor Christus die erste Tragödie aufgeführt haben. Entstanden ist sie aus dem beliebten Dionysoskult, dem Fest zu Ehren des Dionysos. Athens Herrscher im 6. Jahrhundert, der Tyrann Peisistratos, hat den Kult aus dem Hinterland importiert: Dort huldigen die Bauern dem Gott des Rausches und der Ekstase mit lautem Gesang, freizügigen Tänzen und Tieropfern. Zum Gefolge des Weingottes, den die Dörfler alljährlich feiern, gehören auch Satyrn - mythische Wesen, halb Mensch, halb Bock.

Städtische Dionysien:
In Athen ist aus den derben ländlichen Dionysien ein Festival voller Religiosität, Ernst und Würde geworden - die städtischen Dionysien. Prozessionen ziehen durch die Stadt, Chöre treten zum Wettstreit an. Höhepunkt ist der mehrtägige Dichterwettbewerb. Peisistratos ordnet an: Drei Tragödien und ein Satyrspiel von acht Stunden Spielzeit sollen inszeniert werden. Wobei das Satyrspiel ein Tribut ist an jenen Ursprungsritus, der auch in der Übersetzung des Begriffs "Tragödie" aufscheint: "Gesang der Böcke".

Tausende Besucher:
Tausende Athener kommen zu den Aufführungen im Dionysostheater an einem Hang südlich der Akropolis. Die Schauspieler auf der Bühne tragen Masken, was ihnen ein starres, erschreckendes Aussehen verleiht. Im Wechsel mit dem Chor tragen sie die Handlung in Versen vor. Immer geht es um einen Protagonisten, der durch schicksalhafte Verstrickungen in eine ausweglose Lage geraten ist, so dass er nur noch schuldig werden kann, egal, wie er handelt. Die Themen entspringen überwiegend dem Mythos, sind aber oft aktualisiert und mit dem aktuellen politischen Geschehen verknüpft.

Reinigung der Seele:
"Durch Leid lernen": Dieser Satz des Dichters Aischylos definiert den Anspruch der Tragödie. Zu erleben, wie der Held kämpft und hofft, nur um letztlich doch zu scheitern, soll den Zuschauer am Ende des Spektakels geläutert nach Hause entlassen. "Katharsis" wird Aristoteles das später nennen. Das Durchleben von Mitleid und Furcht, so glaubt der Philosoph, führt zur Reinigung der Seele von diesen Leidenschaften. Goethe wird den Begriff der Katharsis später nicht mehr auf den Zuschauer, sondern auf die Protagonisten eines Stückes beziehen, die während der Handlung eine seelische Reinigung durchleben.

Schuldlos schuldig:
Das Wort "tragisch" wiederum steht in einem anderen Zusammenhang als dem uns heute vertrauten: In der antiken Tragödie bedeutet es nicht, dass etwas sehr traurig ist. Vielmehr verweist es darauf, dass sich jemand in einem unauflösbaren Dilemma befindet und dadurch "schuldlos schuldig" wird. Die großen tragischen Helden der antiken Tragödie heißen Ödipus und Orestie, Antigone und Elektra.

Solistenrolle:
Das Besondere an der Tragödie aus der Ära des Peisistratos ist der Schauspieler, der aus dem Chor heraustritt, um in Wechselrede mit diesem Verse vorzutragen. Der Theaterkritiker Georg Hensel schreibt dazu: "Es ist ein unerhörter Augenblick in der Geschichte des Theaters: Aus der Masse der maskierten und berauschten Gottesdiener löst sich ein Antwortender, gibt und verlangt Auskunft, gibt und verlangt Rechenschaft - über sich, die Götter und das Schicksal." Die Dionysien, die unter der Herrschaft eines Tyrannen begonnen haben, sind beim Volk beliebt. Sie werden auch fortgeführt, nachdem Athen (ab 510 vor Christus) tyrannenfrei ist.

Produktion im Akkord:
Im 5. Jahrhundert vor Christus erlebt die Tragödie ihre Blütezeit: Rund 1000 Werke werden in diesen Jahren auf die Bühne gebracht. Die Dichter produzieren Dramen wie im Akkord. Allein 300 stammen von den drei größten Autoren der Antike: Aischylos, Sophokles und Euripides. Sie alle schreiben ihre Stücke für nur eine einzige Aufführung - eine damals übliche Praxis. Nur einem einzigen Dichter wird das Recht auf Wiederaufführung eingeräumt: Aischylos. Zu brillant ist, was der Adelige aus einem Athener Vorort schreibt.

Sieger im Dichter-Wettstreit:
Aischylos\' älteste erhaltene Tragödie heißt "Die Perser". Sie wird 472 vor Christus aufgeführt. Das Drama erzählt Zeitgeschichte, die der Dichter selbst erlebt hat: Als Soldat hat er 490 vor Christus in der Ebene von Marathon die attische Demokratie gegen die persische Despotie erfolgreich verteidigt. Die Schlacht von Marathon wird zum Schicksalssieg, aus dem die Polis und ihre Bürger gestärkt hervorgehen. Aischylos nimmt in seiner Tragödie die Perspektive der unterlegenen Perser ein, was die Tragik erheblich steigert. "Die Perser" erringt den ersten Platz im tragischen Agon (Wettstreit) - insgesamt 13-mal wird Aischylos als Sieger ausgezeichnet.

Ödipus und Antigone:
Erst im Jahr 468 vor Christus stiehlt ein junges Talent dem großen Aischylos die Show: Sophokles. Seine dramatische Bearbeitung des Ödipus-Mythos gehört neben der "Antigone" zu den großen Stücken der Bühnenliteratur, die bis heute auf der ganzen Welt gespielt werden. Ödipus, Sohn des Königs von Theben, wird als Kind ausgesetzt, weil sein Vater eine grausame Weissagung erhielt: Er werde von der Hand seines eigenen Sohnes getötet, prophezeit das Orakel von Delphi dem König. Doch der zum Sterben in der Wildnis ausgesetzte Ödipus überlebt, kehrt an den Königshof zurück - nicht wissend, wer er ist und wer seine Eltern sind. Auf dem Weg nach Theben tötet er im Streit erst seinen Vater und heiratet später seine Mutter Jokaste.

Tragik überall:
Als der nun zum König erhobene Ödipus im Lauf der Handlung erfährt, wer er in Wahrheit ist und welche Frevel er selbst begangen hat, blendet er sich voller Verzweiflung, Jokaste erhängt sich. Als armer Blinder wandert Ödipus von nun an durch die Fremde, begleitet von seiner Tochter Antigone. Ihr wiederum ist ein eigenes Drama gewidmet, das vom zivilen Ungehorsam dieser jungen Frau erzählt, die sich gegen Kreon, den König von Theben, stellt, weil sie ihrem toten Bruder ein würdiges Begräbnis bereiten will. Die Sache geht nicht gut aus: Am Ende sind sowohl Antigone als auch ihr Bräutigam tot, der wiederum der Sohn des Kreon ist: Tragik, wohin man schaut.

Spott und Satire:
Durch Leid lernen? Oft genug sind die Theaterzuschauer in der Antike durch die grausigen Handlungen nicht nur geläutert, sondern geradezu erschüttert. Um sie wieder aufzuheitern, etabliert sich bei den Dionysien der Brauch, nach mehreren Tragödien ein erheiterndes Stück aufzuführen: die Komödie. Ursprünglich meint das griechische Wort Komodia den Gesang beim ausgelassenen Umzug. Dabei pflegten sich die Teilnehmer gegenseitig zu verspotten und die Zuschauer zum Lachen zu reizen. Scharfzüngig kann sie sein, die Komödie, kritisch, belehrend, satirisch - unter den antiken Autoren versteht sich darauf keiner so gut wie der Dichter Aristophanes. Sogar über den sakrosankten Sokrates spottet er im 423 vor Christus aufgeführten Stück "Die Wolken". Dort wird der Philosoph als Sophist verunglimpft, der gottlos daherschwätzt und die Jugend verdirbt. Ein Pamphlet? Oder eine Kritik der attischen Gesellschaft, die so manches über Sokrates, den Philosophen der Straßen und Märkte, munkelt? Wir werden es nie erfahren. Fakt ist: Sokrates wird der Prozess gemacht. Was als Spott begann, endet mit dem Todesurteil.
In der nächsten Folge: Die Ursprünge der abendländischen Musik
Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichte

90 Dramen soll Aischylos, der große Dichter der Antike, geschrieben haben. Doch nur sieben von ihnen sind uns überliefert. Alles andere: verbrannt, zerfetzt, ertränkt, verschwunden. Viele Bücher der Antike sind für immer verloren, weil sie auf Papyrus oder Pergament geschrieben waren: Medien, die weder Kriege noch Feuer überstehen. Der Brand der Bibliothek von Alexandria dezimierte die Bestände ebenso, wie es die christlichen Glaubensritter während ihrer Kreuzzüge taten. Forscher schätzen, dass rund 90 Prozent der antiken Literatur auf diese und andere Weise zerstört wurden. Was aber erhalten blieb, wird bis heute in den Theatern gespielt. "Die Perser" von Aischylos, "Medea" von Euripides oder "Antigone" von Sophokles - die Antike ist populär geblieben.

Dichterin Sappho: Platon sah sie als "zehnte Muse", Ovid schrieb seine Oden nach ihrem Versmaß, und noch heute wird sie bisweilen für die größte Lyrikerin überhaupt gehalten. Zu Sapphos (Foto: dpa) Zeit, im 7. Jahrhundert vor Christus, galten dichtende Frauen als unschicklich. Doch Sappho schrieb so brillant, dass sie unsterblich wurde. Ihr schönes Gesicht ziert Vasen, Mosaike, Münzen, zahlreiche Abhandlungen befassen sich mit ihren Götterhymnen und Liebesliedern. Die Dichterin stammt von der Insel Lesbos. Ihr Werk ist voller homoerotischer Andeutungen - ob mehr dahinter war als dichterische Leidenschaft, ist nicht gesichert.

Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages,
den Barbara Abigt im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Tel. 02661/6702, E-Mail: mail@marienberger-akademie.de
Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red

 



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