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Folge 3: Ein etwas anderer Blick auf die Familie

(Trier) Heute gilt die Familie aus Vater, Mutter, Kindern als Urzelle aller Gesellschaften. Stimmt das? Oder hat das christliche Bild der "Heiligen Familie" ein Ideal geprägt, das mit historischer Realität nur bedingt übereinstimmt?
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Kinder zu bekommen und aufzuziehen war bis vor kurzem zwar nicht der einzige, aber ein wesentlicher Zweck von Familie. Mithin galten Zeugungs- und Gebärfähigkeit als Bedingung für die Ehe. Wie aber verhielt es sich bei steinzeitlichen Menschen - zumal diese lange vom Zusammenhang zwischen Zeugungsakt und Kindsgeburt gar nichts wussten? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass sich innerhalb der frühmenschlichen Nomadengruppen lebenslange Paare oder gar Kernfamilien nach dem Modell Vater, Mutter, Kinder ausbildeten. Vielmehr waren Gruppe, Horde oder Sippe das zentrale soziale Bezugssystem.

Kulturgeschichte der Menschheit


Es mag irritieren, aber wir müssen davon ausgehen, dass über die längste Zeit der Menschheitsentwicklung die Kernfamilie auf Basis einer festen Paarbeziehung (Monogamie) keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielte. Es gab einfach keinen Grund für diese Lebensform: Moralische Lehrgebäude, zu vererbende Besitztümer oder Machtansprüche sowie romantische Liebe existierten noch nicht. Zwingend war hingegen: Überleben und erfolgreiche Kindesaufzucht konnte nur die Gemeinschaft mit etlichen Erwachsenen sichern.

Familie = Hausgemeinschaft
Erst mit der vor rund 10 000 Jahren beginnenden Sesshaftigkeit kam der Familie allmählich Bedeutung zu. Wobei der Blick auf das lateinische Wort "familia" erkennen lässt, dass noch die Antike (ab ca. 1000 vor bis 600 nach Christus) darunter etwas anderes verstand als die Gegenwart. Familia bedeutet Hausgemeinschaft und meint den gesamten Besitz eines Mannes mitsamt Ehefrau, Kindern, sämtlichen im Haushalt lebenden Verwandten sowie Sklaven.

Macht und Überleben:
Aber auch im Mittelalter hatten Ehe und Familie eine andere Bedeutung als heute. Liebe und Romantik lagen noch in weiter Ferne. Für die damaligen Menschen galten vielmehr sehr praktische Notwendigkeiten. In den höheren Klassen waren Familienbande ein Instrument der Macht- und Besitzpolitik, in den unteren Klassen eine reine Überlebensfrage. Starb etwa in einem Bauern- oder Handwerkerhaushalt ein Elternteil, trachtete in der Regel der oder die Hinterbliebene danach, sich möglichst bald wieder zu verheiraten. Es war nicht unüblich, dass etwa die verwitwete Meistersfrau einen erfahrenen Gesellen aus der eigenen Werkstatt heiratete.

Der Tod ist allgegenwärtig:
Krieg, Krankheit, Hunger, verdorbene Nahrung, eine kleine Verletzung mit nachfolgender Blutvergiftung, Unfall, Überfall, eine schlecht verlaufende Geburt: Der Tod war im Mittelalter allgegenwärtig. Und entsprechend hoch war die Zahl verwitweter Elternteile, von Waisen und Halbwaisen. Eine Familie ohne tatkräftigen Mann oder Frau stand schnell vor dem Elendsabgrund. Weshalb baldige Wiederverheiratung oder das Eingehen anderer lebenspraktischer Gemeinschaften ein Gebot des Überlebens war.

Unspektakuläre Sache:
Mag auch die monogame Ehe bereits als Ideal gegolten haben, so führten die Wechselfälle des Alltags im Mittelalter doch zu einer erstaunlichen Vielfalt von Familienverhältnissen: mehrfache Wiederverheiratungen, Patchwork-Familien, wilde Ehen, Schwager- und Geschwistergemeinschaften oder Nachbarschaftskommunen kamen häufig vor. Auch waren bis ins 16. Jahrhundert Eheschließungen im Volk eine recht unspektakuläre Sache. Ehen wurden entweder nach regionalen Stammestraditionen geschlossen oder durch ein einfaches Versprechen unter Brautleuten.
Kirche wird zur Schutzmacht: Der Einfluss der Kirche auf Familienangelegenheiten war lange noch recht gering. Das christliche Verständnis vom Ehe-Sakrament widersprach den tief verwurzelten germanischen Traditionen, die auch Scheidungen möglich machten. Etwa im 13. Jahrhundert verstärkte die Kirche ihr Bemühen, den "wildwüchsigen" Familienformen Einhalt zu gebieten. Die lebenslange monogame Ehe sollte zur Norm werden und formal an die kirchliche Trauung gebunden sein. Verpflichtend wurden diese Maßnahmen in katholischen Landen aber erst mit dem "Dekret Tametsi", beschlossen beim Konzil von Trient (1545-1563). Von da an konnten Ehen nur noch durch Priester geschlossen werden. Damit hatte sich die Kirche zur "Schutzmacht" über die Familie erhoben.

Heilige Familie:
Etwa zeitgleich wurde vor allem von jesuitischer Seite die Verehrung der "Heiligen Familie" aus Maria, Josef und Jesuskind im katholischen Brauchtum verankert. Dieser Glaubensaspekt stammt nicht aus frühchristlicher Zeit. Das mag ein weiterer Hinweis sein, dass Vorstellungen über die Bedeutung der Kernfamilie nicht auf einem ewigen Naturgesetz gründen, sondern erst in relativ junger Zeit entstanden sind. Was auch für die Beziehung zwischen Mutter und Kind gilt. Wurden leibliche Mütter immer schon als ideale Erzieherinnen ihrer Kinder angesehen? Die Antwort lautet: nein. "Zur Erziehung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf", sagt ein afrikanisches Sprichwort. Darin kommt zum Ausdruck, was in vielen Epochen und Kulturen üblich war: Spätestens nach der Stillzeit wurden Kinder in kollektive Obhut entlassen - sei es nun die Gemeinschaft eines großfamiliären Haushalts mit Verwandten und Gesinde, seien es Stamm oder Dorf.

Wer die Kinder großzieht:
Aber Säuglinge wurden doch immer und überall von ihren Müttern genährt? Auch diese Annahme kann historisch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Ein Blick auf William Shakespeares Theaterstück "Romeo und Julia" von 1595/96 zeigt, warum. Bei wem findet die junge Julia Vertrauen, Zuwendung, Schutz, Hilfe angesichts der väterlichen Pläne zu ihrer Zwangsverheiratung? Nicht bei ihrer Mutter, sondern bei ihrer Amme. Bei einer nicht blutsverwandten Frau also, von der Julia als Säugling gestillt wurde, später umsorgt, gepflegt, großgezogen.

Welt voller Ammen:
Shakespeares Amme ist kein Einzelfall: Die historische Welt war voller Ammen. Bereits in der Antike gaben Mütter der gehobenen Stände ihre Kinder in die nährende Fürsorge eigens angestellter Frauen. Ammen-Dienste waren üblich quer durch die meisten Kulturen und Epochen. Noch Ende des 19. Jahrhunderts gehörten in Berlin die sogenannten "Spreewald-Ammen" zum Straßenbild. Meist waren das jüngere Frauen aus der Niederlausitz, die ihre Schützlinge ausführten - Kinder fremder Leute, die sie gegen Löhnung stillten und versorgten. Im schweizerischen Bern wurde die letzte gewerbsmäßige Amme 1954 in den Ruhestand geschickt.

Verwaiste Säuglinge:
Aber nicht nur Reiche nahmen Ammen in Anspruch. Man muss sich vergegenwärtigen, dass in historischer Zeit jedes zweite oder dritte Neugeborene starb. Zugleich kamen sehr viele Frauen bei der Niederkunft ums Leben. Es gab also stets Frauen, die einen Säugling hätten stillen können, aber keinen mehr hatten. Und es gab viele Neugeborene, deren Mütter bei der Geburt gestorben waren. Konsequenz: Überlebende Mütter und verwaiste Säuglinge wurden zusammengebracht. Das geschah nicht ausnahmsweise, sondern vieltausendfach.

Ideelle Überhöhung:
Das Wissen über diese Umstände ist verdrängt worden durch ideelle Überhöhung von Mutterschaft und Kleinfamilie im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Überhöhung, die bisweilen fast mystische Züge annimmt. Hierzu passt die Reduzierung der Frau auf Nestpflege und Kinderumsorgung. Doch eine derartige Beschränkung war keineswegs der historische Normalfall. Denn trotz aller Mutterliebe: Die Mehrzahl der Frauen in der Geschichte hatte gar keine Zeit, sich den ganzen Tag nur um die Kleinen zu kümmern. Ihre Arbeitskraft wurde im Haus, auf dem Feld, im Stall gebraucht; sie mussten als Marktweiber, Wäscherinnen, Näherinnen oder später Fabrikarbeiterinnen zum Unterhalt der Familie beitragen.
In der nächsten Folge: Erste Hochkulturen und die Entwicklung des Individuums
In einer Weihnachtskrippe steht ganz selbstverständlich das Jesuskind in Zentrum. Heutzutage wird es unmittelbar flankiert von Mutter Maria und deren Gatten Josef. Das war allerdings keineswegs immer so. Frühchristliche Darstellungen zeigen das Jesuskind in der Futterkrippe des Stalls zu Bethlehem meist nur zwischen Ochs und Esel. Mutter Maria kam erst im Mittelalter hinzu, Josef gar noch später. Diese äußere Erscheinung in der bildenden Kunst wie in der Krippenkultur entspricht der Entwicklung der katholischen Tradition. Darin spielt die Verehrung der "Heiligen Familie" als Einheit von Maria, Josef und Jesuskind erst ab dem 17. Jahrhundert eine größere Rolle; und erst im 19. Jahrhundert findet sie zur heute bekannten zentralen Bedeutung. In historischer Zeit spielte der Wille eines Paares, den Ehebund einzugehen, vielfach eine fast untergeordnete Rolle. "Kannst du eine Familie ernähren?", fragte der Brautvater, fragten Beamte und Pfarrer heiratswillige junge Männer Jahrhunderte hindurch. Erwies sich der angehende Bräutigam als Habenichts ohne gesicherte Berufsperspektive, dann bedeutete das oft das Ende seiner Hochzeitspläne. Schätzungen gehen davon aus, dass im Mittelalter nahezu die Hälfte der Bevölkerung vornehmlich aus materiellen Gründen von der Heirat ausgeschlossen war. In vielen Landstrichen bedurfte es zur Verheiratung einer offiziellen Eheerlaubnis. Deren Erteilung hing ab von amtlichen Besitzstands- und Gesundheitsprüfungen. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Barbara Abigt, Geschäftsführerin der Marienburger Seminare, im Rahmen der Akademie gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Tel. 02661/6702, Email: mail@marienberger- akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red

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