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Folge 5: Die Wurzeln des Abendlandes

Im ersten Jahrtausend vor Christus wendet der Mensch sich von Naturgeistern ab. Der Einzelne muss nun Verantwortung übernehmen und bald sein Verhältnis zum einzigen Gott der neuen Weltreligionen klären.
Podcast
In der vorigen Folge der Reihe "Kulturgeschichte der Menschheit" haben wir festgestellt: Auf dem Entwicklungsweg vom Jäger und Sammler über die Sesshaftwerdung bis zu den Hochkulturen der Bronze- und Eisenzeit (2200 bis etwa 700 vor Christus) kam dem Menschen jenes Lebensgefühl abhanden, das ihn zuvor über Jahrzehntausende begleitet hatte: die Einbettung in die von Geistern beseelt geglaubte Natur und die Geborgenheit in der Überlebensgemeinschaft der Steinzeitsippe.

Kulturgeschichte der Menschheit



Der Mensch entdeckt sich als Individuum. Mit diesem Erkenntnisprozess eng zusammen hängt die Ablösung der Natur- und Volksreligionen durch das Aufkommen der ersten Universalreligionen in der "Achsenzeit" (800 bis 200 vor Christus). Worin besteht der Unterschied zwischen beiden Arten des Glaubens?
In den Volksreligionen hat sich der Einzelne selbst als Individuum noch nicht entdeckt. Er lebt wesentlich als Teil eines natürlichen Kollektives, seiner Familie, seiner Sippe, seines Clans, seines Stammes, seines Volkes. Das "Heil" (der Sinn) ist gegeben in der Anteilnahme an der Pflege positiver Beziehungen mit den zur Gemeinschaft gehörenden Gottheiten. Unheil entsteht, wenn man verstoßen wird aus dem Kollektiv.

Viele einzelne Götter:
Die Götter der Volksreligion sind ausschließlich auf die eigene Gemeinschaft bezogen: Jedes Volk, jeder Stamm, ja bisweilen auch jede Sippe oder Familie hat eigene Götter. Die Ethik der Volksreligion ist ganz auf die Interessen der jeweiligen Volks- oder Lebensgemeinschaft bezogen. Fremde haben keinen Anspruch auf Schutz und Freundlichkeit vonseiten dieser Götter und der ihnen zugehörigen Gemeinschaften.
Weltreligionen:
Die Volksreligionen werden im Verlauf der Achsenzeit überwiegend durch Universalreligionen (Weltreligionen) wie Hinduismus, Buddhismus, die universale Gottesidee der griechischem Tragiker oder das Judentum abgelöst. In späteren Jahrhunderten kommen Christentum und Islam hinzu. Die Weltreligionen verbreiten sich unter vielen ganz verschiedenen Völkern. Sie wenden sich, im Gegensatz zur Volksreligion, vornehmlich an den einzelnen Menschen. Es geht nämlich erstmals um sein individuelles Heil. Er persönlich muss erlöst werden, will er ins Paradies einziehen und ewig leben. Nur durch Verbundenheit mit dem einen Gott ist nun das Heil noch möglich. Es entstehen Wahlgemeinschaften, die für viele Menschen nicht selten bedeutsamer werden als die Zugehörigkeit zu Stamm oder Familie: Glaubensgemeinschaften, Kirchen, Orden, Jüngerkreise - so vorgelebt von Religionsstiftern wie Buddha oder Jesus, die ihre Familien verließen und umherzogen, um neue Freunde (Anhänger) zu gewinnen.

Ilias und Odyssee:
"Eine Kultur, das ist nicht zuletzt der gemeinsame Schatz von Geschichten, der eine Gesellschaft zusammenhält", schreibt Dietrich Schwanitz in seinem Bestseller "Bildung. Alles was man wissen muss" aus dem Jahr 1999. Suchen wir in den fast weltumspannenden Umbrüchen der Achsenzeit nach den Wurzeln dessen, was nachher die "abendländische Kultur" genannt wird, so stoßen wir nach Schwanitz auf zwei zentrale Texte: "Die jüdische Bibel und das griechische Doppelepos von der Belagerung Trojas - die Ilias - und die Odyssee, die Irrfahrt des listenreichen Odysseus vom zerstörten Troja nach Hause zu seiner Frau Penelope."

Homer: erfunden oder real
"Ilias" und "Odyssee" gehören zu den ältesten Epen des Abendlandes und werden dem griechischen Dichter Homer zugeschrieben. Es wird allerdings angenommen, dass Homer dafür zumindest teilweise auf mündlich überlieferte Mythen noch älterer Zeit zurückgriff. Der Dichter soll im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Im 19. Jahrhundert ging man zeitweise davon aus, dass Homer eine Erfindung sei. Nach jüngeren Forschungen gilt er aber wieder als reale historische Person.

Thema Individualisierung:
"Ilias" und "Odyssee" sind literarisch-geniale Aufarbeitungen des Themas Individualisierung und Einsamkeit. Kurz ein Blick in die "Odyssee": Der Held Odysseus hat seine Heimat, junge Frau und Sohn zurücklassen müssen, um gegen Troja ins Feld zu ziehen. Nach zehn Jahren Krieg macht er sich mit den Gefährten auf den Rückweg nach Ithaka. Unterwegs muss er alles an Geschicklichkeit, Mut und Verstellungskunst bis hin zur Selbstverleugnung aufbringen, um dieses Ziel zu erreichen.

Verluste und Versuchungen:
Zunächst (in der "Ilias") bewegt sich Odysseus noch im Rahmen der damals traditionellen Vorstellung vom klugen, listenreichen Kriegshelden. Doch in der "Odyssee" wird er zu einer Figur, die durch Verluste, Versuchungen und Bedrohungen zum Symbol für das Individuum wird. Immer wieder ist er Verlockungen und Gefahren ausgesetzt, die nicht nur sein Leben, sondern seine Persönlichkeit und sein eigentliches Trachten, nach Hause zu kommen, bedrohen. "Nach Hause kommen" ist ein sprachliches Bild für die Aufhebung von Ungewissheit, Isolierung und Einsamkeit.

Odysseus emanzipiert sich:
Im mythischen Denken waren Geister- und Götterwelt noch nicht von der materiellen Welt geschieden. Odysseus aber lernt auf seiner Irrfahrt - durch Vernunft -, sich von den mythischen Mächten zu emanzipieren. Wir erleben bei ihm die Ablösung des mythischen Denkens durch das logische Denken, das in Griechenland bald darauf zur ausgeformten Philosophie führen wird. Bezeichnenderweise muss Odysseus nach allen überstandenen Abenteuern, bevor er Frieden finden kann, erst noch anderen Menschen die Sehnsucht nach dem Meer bringen. Er muss quasi missionieren, auf dass andere es ihm gleichtun und sie sich hinauswagen - um im Ringen mit unbekannten Gefahren eigene Identität zu erlangen.

Schicksal der Israeliten:
Die großen Dichtungen Homers dokumentieren den Übertritt des Menschen vom naturgegebenen Kollektivwesen zum sich seiner selbst bewusst werdenden Individuum. Die jüdische Bibel, die wir Altes Testament nennen, tut Vergleichbares. Zwar wenden sich ihre Autoren immer wieder an das gesamte Volk Israel. Und zumeist geht es in den diversen vor allem zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert vor Christus entstandenen Schriften der Propheten und Psalmisten zentral um das Schicksal und die Erlösung eben dieses einen Volkes.

Beziehungen zu Jahwe:
Insofern muss das alte Judentum einerseits zwar als Volksreligion gelten. Andererseits aber erzählen zahlreiche der alttestamentarischen Geschichten bereits von persönlichen, individuellen Beziehungen, ja auch Konfrontationen zwischen einzelnen Menschen und dem in dieser Religion einzigen Gott Jahwe. Damit reiften innerhalb der jüdischen Volksreligion während der Achsenzeit die Potenziale heran, zu einer universalen Weltreligion zu werden. Was die jüdische Religion dann auch geworden ist - ebenso wie nachher ihre beiden Ableger Christentum und Islam.

Wurzeln der heutigen Kultur:
Wie die Geschichten der griechischen Antike, so verschwinden heute auch die biblischen Inhalte, gerade die alttestamentarischen, zusehends aus dem allgemeinen Bewusstsein. Das wirft ein Problem auf, egal, ob man nun gläubig ist oder nicht: Weite Bereiche unserer Kultur gehen auf jene uralten "Erzählungen" zurück; nicht nur in den Künsten, sondern auch in Wissenschaft und Rechtsprechung, Ethik und Moral. Malerei, Literatur, Musik, Theater schöpften über Jahrhunderte aus diesen Quellen, die auch unser Welt- und Menschenbild bis in die Gegenwart prägen. Wer aber von den Wurzeln nichts mehr weiß, der wird auch immer weniger von dem begreifen, was daraus nachher erwachsen ist.
In der nächsten Folge: Wie die Demokratie nach Europa kam
In Israel waren es ab dem 8. vorchristlichen Jahrhundert Propheten wie Amos, Hosea, Micha und die anonymen Autoren der Weisheitsbücher der Bibel, z. B. des Buches Hiob und Kohelet (Prediger) bis hin zu den Talmud-Rabbinern, und der Jude Jesus von Nazaret, genannt Christus (der Gesalbte), die vom Individuum her dachten und empfanden. Jesus stiftete dann vor 2000 Jahren eine neue Weltreligion der "Gotteskindschaft und der Liebe" (Mensching): Es entstand das Christentum auf Basis vor allem des Neuen Testaments. Auf dem Boden der arabischen Volksreligion - und in genauer Kenntnis auch des Judentums und des Christentums - wurde dann von Mohammed im 7. Jahrhundert nach Christus eine letzte Buchreligion begründet: der Islam, dessen Schriftgrundlage der Koran ist. Als Bibel bezeichnen Judentum und Christentum jeweils eigene Textsammlungen, die für sie als "Heilige Schrift" das Wort Gottes enthalten. Es handelt sich um Zusammenstellungen von "Büchern" (griechisch: biblia), die im Verlauf von etwa 1200 Jahren entstanden und vielfach bearbeitet worden sind. Bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. bildete sich so die jüdische Bibel, die später durch den Talmud ergänzt wurde. Die ursprüngliche hebräische Bibel bezeichneten die Christen später als "Altes Testament" und ergänzten diese mit ihrem "Neuen Testament", das heißt den Glaubenszeugnissen über Jesus und weiteren Dokumenten aus der Geschichte der jungen Kirche. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Jürgen Hardeck im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Tel. 02661/6702, E-Mail: mail@marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red

 


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