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Folge 7: Rom und die Grenzen des Wachstums

"Ich kam, ich sah, ich siegte." Das berühmte Caesar-Zitat fasst prägnant die fast 1000-jährige Geschichte des Römischen Reiches zusammen, bis es an seinem eigenen Wachstum zerbrach und unterging. Den ersten Riss bekam das Imperium mit dem Tode von Gaius Julius Cäsar: Mit seiner Ermordung endet die Geschichte der römischen Republik.
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Das Römische Reich steckt voller Geschichten, und es beginnt auch mit einer solchen: Der Sage nach wurde Rom um 753 vor Christus von den Zwillingsbrüdern Romulus und Remus gegründet, die als Säuglinge ausgesetzt und von einer Wölfin adoptiert worden waren. Die Zwillinge, an den Zitzen der Wölfin saugend, wurden zum Wahrzeichen der Stadt. Später soll einer den anderen im Eifer der Stadtgründung erschlagen haben - welch ein blutiger Anfang für ein neues Reich.

Kulturgeschichte der Menschheit



Tatsächlich sind es Etrusker aus der Gegend der heutigen Toskana, die Rom anlegen - indem sie die auf sieben Hügeln verteilten Bauernsiedlungen zu einem Stadtstaat zusammenfassen. Der Standort ist günstig: umgeben von Sümpfen, also gut zu verteidigen, und mit Anschluss zum Tiber, den man bis zum nahen Meer befahren konnte. Die Etrusker verschwinden bereits um 510 vor Christus wieder von der Geschichtskarte, ihr letzter König wird vertrieben. Was folgt, ist die Geburt der Römischen Republik - Republik von lateinisch "res publica" für "öffentliche Angelegenheit".

Patrizier gegen Plebejer:

Mit dem Ende der Etrusker beginnt die Zeit der römischen Verfassung. Sie verteilt die Macht im Stadtstaat auf mehrere Schultern. Das höchste zivile und militärische Amt ist das Konsulat. Zwei gleichberechtigte Konsuln teilen sich dieses Amt und werden jährlich neu gewählt. Allerdings sind die Wahlmöglichkeiten eingeschränkt, denn die junge Republik ist eine Zweiklassengesellschaft. Die Macht des Stadtstaates liegt in den Händen der Oberschicht. Nur diese Patrizier (lat. "patres" für "Väter") können höchste Ämter erlangen. Bauern und Handwerker, genannt Plebejer (lat. "plebs", "Volksmenge"), sind vom Karrieresprung ausgeschlossen. Die Kämpfe beider Schichten um Teilhabe am Staat bestimmen die Geschichte der Römischen Republik. Ein grundsätzlicher Interessenkonflikt, den wir bis heute kennen.

Aristokratie und Demokratie:
Das römische Staatswesen ist eine Mischung aus Aristokratie und Demokratie. Es wird größtenteils bestimmt durch die Adelsherrschaft der Konsuln und der Mitglieder des Senats - wobei Letztere nicht gewählt, sondern auf Lebenszeit zu Senatoren ernannt werden. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Amts- und Würdenträger, die sich unter anderem um Dinge wie Steuern oder Justiz kümmern. Eine Sonderrolle spielen die Volkstribune: Sie sind wirkliche Volksvertreter, gewählt von Plebejern, auserkoren, um dem Magistrat auf die Finger zu schauen. Volkstribune können ein Veto gegen Senatsbeschlüsse einlegen, sie können Volksversammlungen einberufen und dort eigene Beschlüsse initiieren (Plebiszite). Sie sind eine Art antiker Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat der Republik.

Mehr Macht für das Volk:
Den Plebejern geht es um mehr Teilhabe im Römischen Reich. Ein Wunsch, der allmählich Wirklichkeit wird. Ab 445 vor Christus ist eine Heirat zwischen Plebejern und Patriziern möglich. Um 350 vor Christus erhält das Volk Zugang zum Konsulat. In Gänze löst sich der Ständekonflikt erst im 3. Jahrhundert vor Christus auf: Ein Politiker namens Quintus Hortensius setzt durch, dass Beschlüsse der Volksversammlung für alle Römer bindend sind. Das Gesetz trägt in Erinnerung an seinen Verfechter den Namen Lex Hortensia. Mit ihm wird im Jahr 287 vor Christus die Gleichstellung erreicht. Vererbt hat sich aus dieser Zeit bis in unsere Tage das Plebiszit: die Volksabstimmung oder der Volksentscheid.

Zwölf Gesetzestafeln:
Noch ein anderes römisches Erbe prägt Europa bis heute: die Rechtsprechung. Um 450 vor Christus entsteht eine Gesetzessammlung, die ziviles Recht schriftlich regelt. Auf zwölf Tafeln werden die Gesetze auf dem Forum Romanum ausgestellt. Dort, wo die Römer in allen politischen, religiösen oder sozialen Angelegenheiten zusammenkommen, findet das zivile Recht seinen Ort. In der Folge entwickelt sich eine eigene Rechtswissenschaft. Sie existiert fort, als die zwölf Tafeln längst zerstört sind. Das römische Recht begründet die juristische Entwicklung in Europa bis in die Neuzeit. Teile des Zwölftafelgesetzes finden sich heute unter anderem im Deutschen Grundgesetz oder im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB).

Neue Bürger erwünscht:
Während dieser innenpolitischen Entwicklungen ist Rom über die Jahrhunderte massiv expandiert. Wo auch immer Konflikte entstehen, wird die Republik um Hilfe gerufen. Und regelmäßig kommen die Römer nicht nur, sie bleiben auch. Kaum ein Krieg, der nicht mit einer Eroberung endet. Karthago, Spanien, Makedonien, Griechenland und Kleinasien werden zu Provinzen gemacht, die hellenistische Kultur wird miterobert. In dieser Zeit erweitert Rom mehrfach die eigene Bürgerschaft, indem es relativ großzügig ganzen Städten Bürgerrechte verleiht.
Im Unterschied vor allem zu den Griechen, die Ausländern solche Rechte nicht zugestehen wollen, hat Rom nichts gegen die Ausweitung des eigenen Volkes durch Fremde. Während das Staatssystem in Griechenland auf die Regierung einer relativ kleinen Bevölkerung abgestimmt war, setzt Rom auf Bevölkerungszuwachs.

Republik in der Krise:
Im zweiten Jahrhundert vor Christus ist Rom eine Weltmacht - und steckt in einer tödlichen Krise. Die Republik wird mit dem riesigen Reich, das sich zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung auf drei Kontinenten um den gesamten Mittelmeerraum erstreckt, nicht mehr fertig. Alte Klassenkonflikte brechen wieder auf: Während sich an den Feldzügen eine Oberschicht aus Adeligen, Beamten und Verwaltern bereichert, verarmt die breite Bevölkerung. Heerscharen an Sklaven verdrängen die Bauern - allein auf der Kykladeninsel Delos werden täglich bis zu 10 000 Menschen gehandelt.

Klassenkampf:
Je größer in den Städten die Zahl der Verelendeten wird, die versorgt werden müssen, desto krasser wird die Diskrepanz zwischen Arm und Reich. Immer komplizierter wird der Geldtransfer für den nötigen Ausgleich. Immer brüchiger angesichts der unterschiedlichen Wirtschaftsinteressen auch der Konsens der römischen Oberschicht, der bisher staatstragend ist. Das Ergebnis ist ein Klassenkampf zwischen Senat und Volk. Die Volkstribunen Tiberius und Gaius Gracchus wollen eine Bodenreform durchsetzen: Tiberius will den privaten Landbesitz auf 500 Morgen stutzen und überschüssiges Land an die Besitzlosen verteilen. Doch er wird von seinen Gegnern erschlagen, und mit ihm 300 Anhänger. Zehn Jahre später versucht sein Bruder Gaius erneut eine Umverteilung, findet aber wieder keine Mehrheit. Auf der Flucht vor seinen Feinden nimmt er sich später das Leben.

Spartakus wird zum Helden:
Das Ende der Gracchen ist symptomatisch für die Zeit: Es beginnt eine Ära der Gewalt. Im ersten Jahrhundert vor Christus erschüttern Bürgerkriege das Reich. Die Republik bricht in sich zusammen. Einer der damals Geknechteten, der gegen sein Schicksal aufbegehrt, ist bis heute bekannt: Spartakus ist sein Name. Als Anführer eines großen Sklavenaufstandes 73 bis 71 vor Christus erlangt er historische Bedeutung. Viele sehen in ihm einen Klassenkämpfer der Antike. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts ist er Namensgeber des Spartakus-Bundes unter Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht - auch wenn ihn die meisten Deutschen wohl eher aus der Verfilmung mit Kirk Douglas in der Hauptrolle kennen.

Der Anfang vom Ende:
Mit Gaius Julius Caesar endet die Geschichte der Römischen Republik. Der Eroberer Galliens lässt sich nach langen Kämpfen im Jahr 46 vor Christus zum Diktator auf zehn Jahre wählen. Zwei Jahre später wird der machthungrige Feldherr von Mitgliedern des Senats erdolcht, doch die Zerstörung der Republik hat begonnen. Ihr Ende bedeutet die Umwandlung des Imperiums in ein Kaiserreich.

In der nächsten Folge: Die wichtigsten Philosophen im antiken Griechenland

Alle Teile der Serie finden Sie auf www.volksfreund.de/geschichte

Wie nur konnte aus einem kleinen Ort am Ufer des Tibers ein Weltreich werden? Als Antwort auf diese Frage hat der römische Dichter Vergil die "Aeneis" geschrieben. Das gewaltige, zwölfteilige Werk ist das Nationalepos der Römer. Es erzählt von der Flucht des Aeneas aus dem brennenden Troja bis zu jenem Moment, als sich der Held endgültig in Latium niederlässt, der römischen Region am Mittelmeer. Aeneas gilt als Stammvater der Römer, Romulus und Remus als seine Nachfahren. Vergils Dichtung ist ein Loblied auf die niemals endende Herrschaft des Imperium Romanum. Jupiter selbst, die oberste römische Gottheit, habe demnach die Ewigkeit Roms prophezeit. Und so gilt Rom bis heute als die"Ewige Stadt" am Tiber. Rund 500 Jahre lang war das Römische Reich eine Republik - bis Gaius Julius Caesar der Volksteilhabe, der res publica, ein Ende machte. Im römischen Bürgerkrieg 49 bis 45 vor Christus setzte sich der Feldherr gegen seine Kontrahenten durch und wurde zum Alleinherrscher über das Imperium. Damit begann eine neue Ära: das Caesarentum oder Kaisertum. Zwei Jahre, nachdem Caesar sich selbst die Alleingewalt eingeräumt hatte, ermordete ihn eine Gruppe von Senatoren. Sein Name blieb jedoch unvergessen: "Caesar" wurde nachher zum Herrschaftstitel des regierenden römischen Kaisers. Die heutigen Herrschaftstitel "Kaiser" und "Zar" leiten sich davon ab.

Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Walter Zitterbarth im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Tel. 02661/6702, E-Mail: mail@marienberger-akademie.de

Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz.
red

 


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