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Folge 9: Die Vordenker aus Griechenland

Mit den antiken Philosophen Sokrates, Aristoteles und Platon beginnt die Suche nach dem Sinn des Seins, nach Logik, Ethik und Metaphysik. Ihre Gedanken sind Grundstein der europäischen Erkenntnisgeschichte.
Podcast
Es ist Zeit, dass wir gehen: Ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer von uns zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer den Göttern." Der Mann, der so redet, hat eben sein Todesurteil erhalten. Wir schreiben das Jahr 399 vor Christus, als ein Gericht in Athen den Philosophen Sokrates zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt. Die Anklage lautet: Verführung der Jugend, Missachtung der Götter. Was nur hatte der 70-Jährige gesagt und getan, um solchen Zorn auf sich zu ziehen? Wer war Sokrates?

Kulturgeschichte der Menschheit



Über kaum einen Philosophen der Antike ist so viel geschrieben worden wie über diesen Athener Bürger. Dabei hat Sokrates (etwa 470-399 vor Christus) selbst kein einziges Schriftstück hinterlassen. Was wir über ihn wissen, haben seine Schüler - allen voran Platon - für die Nachwelt festgehalten. Sokrates hatte anderes zu tun. Er begriff Philosophie als Lebensform, als Einheit von Lehre und Handeln. Und so war sein Arbeitsplatz keine Schreibstube. Sokrates ging mitten hinein ins Leben: auf den Marktplatz von Athen. Dort sprach er mit seinen Schülern, führte Dialoge. Und jeder, der wollte, konnte ihm zuhören.

Geburt der Erkenntnis:
In Erinnerung an seine Mutter, die Hebamme war, nannte Sokrates seine Dialogtechnik Maieutik - Hebammenkunst. Er sah es als seine Aufgabe, dem Menschen bei der Geburt der Erkenntnis zu helfen. Den Anfang seiner philosophischen Dialoge markierte stets die Frage: Was ist das? Er verband sie mit Begriffen, die im Leben in der Polis - dem antiken griechischen Stadtstaat - von besonderer Bedeutung waren. Zum Beispiel: Was ist Tapferkeit? Was Gerechtigkeit? Was ist das Gute?

Fähigkeit zur Einsicht:
Durch Befragen - nicht nur Belehren - führte er seinen Gesprächspartner auf den Weg der Erkenntnis. Die eigene Fähigkeit zur Einsicht sollte Frage um Frage scheinbares Wissen entlarven, grundlose Selbstverständlichkeiten in Zweifel ziehen, um schlussendlich zur Erkenntnis des wahrhaft Guten zu gelangen. Sokrates rückt damit die Ethik ("sittliches Verständnis") ins Zentrum der Philosophie. Dialogisch hinterfragt er, was einer zu wissen meint - und hinterfragt dabei auch stets sich selbst: Das ihm zugeschriebene Zitat "Ich weiß, dass ich nichts weiß" wurde zum geflügelten Wort. Vor allem das kluge Weiterfragen ist es, das Sokrates zum Vorbild für die Nachwelt gemacht hat. Seine Arbeit weitergeführt und für die Nachwelt bewahrt aber hat ein Mann, der neun Jahre bei Sokrates in die Lehre ging: Platon (etwa 428-347 vor Christus).

Hochbegabter Platon:
Der Sohn einer Athener Aristokratenfamilie gilt nicht nur als der bedeutendste antike Philosoph neben Sokrates und Aristoteles, sondern auch als literarische Hochbegabung. Sein Gesamtwerk umfasst 34 Dialoge, außerdem Briefe und Epigramme sowie die "Apologie des Sokrates", in der Platon die Verteidigungsrede des alten Mannes vor dem Athener Gericht festgehalten hat. Das wichtigste Werk Platons aber ist die Politeia, in der er die Bedingungen des gerechten Staates diskutiert sowie die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt ist. Dabei verleiht Platon der Erkenntnis ein Fundament. Er teilt die Welt ein in das Reich des unabänderlichen Seins und in das Reich der wechselnden Erscheinungen. Und schreibt dabei eines der berühmtesten Gleichnisse der westlichen Philosophie nieder: das Höhlengleichnis.

Höhlengleichnis:
Im Höhlengleichnis, das sich im siebten Buch der Politeia findet, berichtet Platon von einem Gespräch zwischen Sokrates und dem Glaukon. Sokrates erzählt seinem Gegenüber eine Geschichte. Sie handelt von Menschen, die auf immer und ewig in einer Höhle festsitzen, im Rücken hinter ihnen ein flackerndes Feuer, während zwischen ihnen und dem Feuer Figuren vorbeiziehen. Die Menschen - Sokrates nennt sie "Gefangene" - können natürlich nicht sehen, was sich hinter ihrem Rücken abspielt. Alles, was sie wahrnehmen, sind die schwankenden Schatten der Figuren, die der Feuerschein auf eine Wand vor ihnen projiziert. Diese Schatten, sagt Platon, das ist unsere Wirklichkeit. Die Figuren, die wir nicht sehen können, das ist die wahre Wirklichkeit.

Eine Idee von allem:
Die Figuren symbolisieren für Platon das wirkliche Sein, die unveränderliche Urgestalt. Sie sind metaphysisch (Metaphysik bedeutet "Jenseits der Natur"). Von jedem Ding, das wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, existiere eine solche metaphysische Urgestalt, meint Platon - er nennt sie "Idee". Jeder individuelle Mensch ist demzufolge ein Abbild der ewigen Idee Mensch, jede gute Handlung ist das Abbild der Idee des Guten. Ideen sind unkörperlich, unveränderlich, unräumlich, zeitlos, nicht mit den Sinnen wahrnehmbar, sondern nur geistig, mittels der menschlichen Vernunft. Um Gerechtigkeit zu erreichen, muss sich der Verstand auf den Weg machen, sich über sinnliche Wahrnehmungen hinwegsetzen und auf die Suche nach der Idee begeben. Nur wer Ideen verwirklichen kann, kann das Gemeinwesen regieren, lautet Platons Schlussfolgerung.
Autoritäres System:
Allerdings ist der ideale Staat, den Platon in der Politeia entwirft, für unser ethisches Verständnis ein Anti-Ideal: Platon zeichnet ein autoritäres Gesellschaftssystem, in dem Familien und individuelle Freiheit abgeschafft sind zugunsten staatlicher Erziehungsdiktatur, Eugenik und Aristokratie. Der Idealismus, den Platon begründet, trägt also auch totalitäre Züge. Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund das bissige Bonmot des britischen Philosophen Alfred North Whitebread. Der stellt 1929 fest: "Die sicherste allgemeine Charakterisierung der philosophischen Tradition Europas lautet, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht."

Realist Aristoteles:
Wenn Sokrates der Fragende und Platon der Idealist ist, so ist Aristoteles (384-322 vor Christus) der Realist unter den antiken Denkern. Vor allem seine Leidenschaft zur Systematik hat den Sohn eines makedonischen Arztes unsterblich gemacht. Nicht nur die Philosophie, sondern jedwedes Wissensgebiet seiner Zeit - ob Biologie oder Ethik, Astronomie oder Poetik - ordnet Aristoteles nach formalen Grundprinzipien. Zu seinen größten Leistungen zählt die Entwicklung der Logik. Er hat damit eine wissenschaftliche Lehre geschaffen, die über zwei Jahrtausende unangefochten blieb, bis heute nicht widerlegt wurde, sondern nur erweitert.

Die Kunst der Logik:
Die Logik untersucht die Gültigkeit von Argumenten - eine Kunst, die im debattierfreudigen antiken Athen von Vorteil war. Aristoteles entwirft unter anderem ein formales logisches System - Syllogismus genannt -, das Aussagen zueinander in Beziehung setzt. Der bekannteste Syllogismus lautet: "Alle Menschen sind sterblich. Alle Griechen sind Menschen. Also: Alle Griechen sind sterblich."

Alexanders Lehrer:
Aristoteles begreift Philosophie erstmals als Wissenschaft von den Gegenständen unserer Welt. Damit reagiert er auch auf die Umwälzungen der Welt, in der er lebt. Begonnen hat seine Karriere als Erzieher eines gewissen Alexander, den man später den Großen nennen wird. Alexanders Vater - der nordgriechische König Philipp II. - hat die Herrschaft über Athen im Jahr 338 v. Chr. an sich gerissen, der Stadtstaat seine Unabhängigkeit verloren. Für die Hellenen geht mit diesen politischen Umwälzungen eine Zeit der Orientierungslosigkeit einher. Die Philosophie reagiert darauf, indem sie versucht, dem Menschen Lebensregeln an die Hand zu geben, anhand derer er in einer haltlos gewordenen Welt sein Leben meistern kann. Der Fokus philosophischen Denkens verlagert sich weg von der theoretischen Erforschung von Welt und Kosmos und hin zu praktisch-ethischen Überlegungen: Philosophie wird zur Theorie der Lebenskunst.
Die nächste Folge: Am Anfang des Theaters stand die griechische Tragödie
Weitere Beiträge der Serie auf www.volksfreund.de/geschichte
Eine Fantasiewelt hat uns der italienische Renaissance-Maler Raffael hinterlassen: Diogenes macht es sich auf den Marmorstufen bequem, Platon und Aristoteles betreten angeregt miteinander plaudernd den Raum, während alle anderen großen Denker schon da sind: Sein berühmtes Fresko "Die Schule von Athen" ist eine Huldigung an die antiken Denker und Pioniere auf den Gebieten der Philosophie, Natur- und Geisteswissenschaften. Im 16. Jahrhundert angefertigt, zeigt das bis zu acht Meter große Bild einen monumentalen Innenraum, in dem sich rund 40 Wissenschaftler und Philosophen von der Antike bis zur Renaissance zum geistreichen Dialog versammelt haben. Raffaels Fresko ist im Vatikanischen Museum in Rom zu bewundern. Philosophinnen kennt die Antike keine. Das einzige Frauenbild, das sie uns hinterlassen hat, stammt aus dem Haus des Sokrates (Foto: TV-Archiv): der Xanthippe-Mythos. Xanthippe gilt als Paradebeispiel des zänkischen Weibes, das dem Mann Ehe und Leben zur Hölle macht. Einmal soll sie ihren Gatten erst beschimpft, ihm dann einen Eimer Wasser übergegossen haben. Sokrates kommentierte: "Nach dem Donnerwetter kommt der Regen." Einem Schüler erzählte er, er habe Xanthippe in Kauf genommen, um seine Geduld zu schulen. Feministinnen interpretieren Xanthippe heute als erste moderne Frau. Sie forderte ihr eigenes Leben ein, ließ sich nicht unterdrücken. Der Text dieser Seite entstand auf Basis eines Vortrages, den Bastian Klein im Rahmen der Akademie der Marienberger Seminare gehalten hat. Die Textbearbeitung für den Abdruck in der Zeitung haben Andrea Mertes und Andreas Pecht übernommen. Für den Inhalt verantwortlich: Marienberger Seminare e.V. Der 80-minütige Originalvortrag ist als Audio-CD mit bebildertem Begleitheft zu beziehen bei Marienberger Seminare e.V., Tel. 02661/6702, E-Mail: mail@marienberger-akademie.de Die TV-Serie "Kulturgeschichte der Menschheit" ist eine Kooperation der Marienberger Seminare mit mehreren Regionalzeitungen. Sie wird gefördert vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. red

 


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