magazin/dossiers

Inhaftiert, gedemütigt, misshandelt, getötet

Frauen berichten vom Schicksal von Zwangsarbeitern und ihren Angehörigen im Nationalsozialismus

(Hinzert-Pölert) In der Zeit des Nationalsozialismus riskierten Liebende ihr Leben. Polnische Zwangsarbeiter konnten der Hinrichtung entgehen, wenn die Nazis sie als "eindeutschungsfähig" einstuften. Im SS-Sonderlager/KZ Hinzert haben Nachkommen vom Leid ihrer Eltern und dem eigenen berichtet. Erfahrungen wie ihre sind in ein Forschungsprojekt eingeflossen. Erste Ergebnisse wurden nun vorgestellt.

15.05.2013
Hinzert-Pölert. Beide Frauen sprechen leise. Es kostet Kraft, aus der Anonymität herauszutreten. Ihr Publikum, gut 20 Besucher der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert, hört aufmerksam zu. Geboren 1943 und 1944, haben die Frauen nicht nur die Not der letzten Kriegsjahre und der Jahre danach erlebt. Als Kinder deutscher Frauen und polnischer Zwangsarbeiter wuchsen sie unter besonders schwierigen Bedingungen auf. Ihre Mütter und ihre Väter, von den Nazis als "eindeutschungsfähig" eingestuft, wurden inhaftiert, gedemütigt, misshandelt oder gar getötet (siehe Extra).
Ingelore Prochnow, geboren im Frauen-Konzentrationslager (KZ) Ravensbrück, einem der größten des NS-Regimes, lernte mit Mitte 40 ihre leibliche Mutter kennen. Als uneheliches Kind einer "schlechten Frau" wuchs sie bei Adoptiveltern auf. Ihre väterlichen Wurzeln konnte sie trotz Nachfragen beim Internationalen Suchdienst Bad Arolsen (ITS) erst Jahre später ergründen. Nach dem Tod ihrer Mutter öffneten sich Archive mit Daten und einem Foto des Maurers, der Internierungen in Lagern wie Hinzert, Sachsenhausen, Bergen-Belsen und Dachau überlebte.
Das Schicksal von Anne Böhnisch weist Parallelen dazu auf, obschon sie behütet bei den Großeltern aufwuchs. Ihre zweimal inhaftierte Mutter galt als vermisst. Das letzte Lebenszeichen kam aus Ravensbrück. Ihr Leidensweg begann, als sie im Arbeitsdienst im Haus eines Nazi-Funktionärs einen polnischen Zwangsarbeiter näher kennenlernte. Beide wurden verhaftet. Auch ihren Vater, der nach dem Krieg nach Kanada auswanderte, hat Böhnisch nie kennengelernt. Wohl aber eine polnische Cousine und deren Familie, mit der sie ein enger Kontakt verbindet.
Unter den Zuhörern war mit Alois Halat (94) ein Mann, der selbst als "Eindeutschungshäftling" unter anderem in Hinzert interniert war. Seinen Worten nach ging das Leiden nach dem Krieg für viele weiter: "Wir waren nicht anerkannt als KZ-Häftlinge, galten als heimatlose Ausländer."
Erfahrungen wie diese haben den Weg für ein Forschungsprojekt (siehe Extra) geebnet. Erste Ergebnisse stellten Susanne Urban (ITS) und Ramona Dehoff von der Gedenkstätte Osthofen vor. Für ihre Präsentation "Wenn Liebe zum Verbrechen wird" werten sie Unterlagen verschiedener Archive aus. Die Recherchen sind laut Urban für Überlebende wie für ihre Nachfahren wichtig. Auch sie fühlten sich entwürdigt und entwurzelt. Dehoff befasst sich mit Dokumenten, die Aufschluss über Täter und Vorgehensweisen geben. urs
Extra
Forschungsprojekt: Von den Nationalsozialisten als "eindeutschungsfähig" eingestuft zu werden, konnte Zwangsarbeiter vor der Hinrichtung bewahren. Das war das Strafmaß für von den Nazis verbotene Beziehungen polnischer oder ukrainischer Kriegsgefangener zu deutschen Frauen. Die Einstufung basierte auf dem äußeren Erscheinungsbild und einer sogenannten "rassischen Überprüfung". Zuständig für diese Gefangenengruppe war von 1943 bis 1944 allein das KZ Hinzert. Wie viele inhaftiert waren oder getötet wurden, versucht das aktuelle Forschungsprojekt zu ermitteln. Ziel ist ein möglichst vollständiges Häftlingsverzeichnis. urs

 

Empfehlungen

Kommentare