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Klassenkampf im Pott, Kulturkampf in Leipzig, Freiheitskampf in der Pfalz

Das Pfalztheater Kaiserslautern hat vergangenes Wochenende seine Saison mit einer aufwendigen Produktion der selten gespielten Rossini-Oper „Wilhelm Tell" eröffnet. Abgesehen von der Ouvertüre ist diese letzte Oper Rossinis weitgehend unbekannt – zu Unrecht, wie die Kaiserslauterer Aufführung eindrucksvoll beweist.
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Das Werk quillt über von schönen Melodien, wirksam instrumentierten Szenen, massenkompatiblen Arien und stimmungsvollen Ensembles. Und es ist im Pfalztheater vorzüglich besetzt, vor allem in der Titelrolle. Die Inszenierung ist eher statisch, dafür entschädigt die Musik. Da wird wohl auch mancher aus Trier einen Belcanto-Ausflug in die Pfalz planen.
 
Geht es am Fuß des Betzenbergs um den Freiheitskampf der Schweizer, steht im Essener Grillo-Theater der Kampf von Ruhrpott-Arbeitern um gerechten Lohn und anständige Arbeitsbedingungen im Mittelpunkt. „Rote Erde" heißt das Stück, nach einer erfolgreichen Fernsehfamiliensaga aus den 1980er Jahren. Regisseur Volker Lösch arbeitet mit zwölf Laiendarstellern, die meisten im Hartz-IV-Bezug. So werden Historie und aktuelle Probleme eng miteinander verzahnt. Das Publikum, sichtlich in Klassenkampf-Stimmung, applaudierte bei der Premiere am Mittwochabend begeistert.
 
Menschenbilder ganz anderer Art sind ab heute in Schwäbisch-Hall zu sehen. 200 Porträts und Körperdarstellungen auf 2600 Quadratmetern: Das zeigt die Schau „Von Kopf bis Fuß" in der Kunsthalle des „Schraubenkönigs“ Reinhold Würth. Der Unternehmer und Kunstsammler zeigt in einem „szenischen Diskurs über die Wandlungen und Konstanten des Menschenbilds im 20. und 21. Jahrhundert“ Arbeiten von Georg Baselitz bis Andy Warhol. Zu sehen von heute bis zum 2. Juni 2013.
 
Über das Menschenbild von Harald Schmidt ließe sich trefflich streiten. Das hält die Jury des „Internationalen Mendelssohn-Preises“ nicht davon ab, ihn als Preisträger 2012 auszuzeichnen. Der Fernseh-Entertainer fühle sich „als Kirchenmusiker, Schauspieler, Kabarettist, Schriftsteller und Moderator der deutschen Kultur eng verbunden“, heißt es in der Begründung der Jury, die diese Woche veröffentlicht wurde. Preisgeld gibt’s nicht – aber „Dirty Harry“ kann sich morgen in Leipzig eine dreieinhalb Kilo schwere Bronzeskulptur abholen.
 
Manne Praeker hätte es wohl schwerlich unter die Preisträger eines gutbürgerlichen Wettbewerbs geschafft. Dabei hat der Berliner Bassist, Komponist und Produzent eine Menge für die Kultur im Lande getan. Er war in den 1970ern Kopf der Politrock-Band Lokomotive Kreuzberg, verhalf Nina Hagen, Nena und den Ärzten zur Karriere im Musikgeschäft, und setzte sich mit der Band Spliff selbst ein Denkmal. Danach zog er für zwei Jahrzehnte nach Portugal, bevor er, ganz unauffällig, nach Berlin zurückkehrte. Am Mittwoch wurde bekannt, dass er am 17. September nach schwerer Krankheit gestorben ist – gerade mal 60 Jahre alt. Dieter Lintz
 

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