Raimund Gregorius ist ein durch und durch langweiliger Mensch. Er arbeitet seit Jahrzehnten als Lateinlehrer in Bern, seine Tage sind immer gleich: der gleiche Weg zur Schule, die gleichen lateinischen Texte, die gleichen Schüler.
Eines Morgens begegnet er einer jungen Portugiesin, die sein Leben komplett auf den Kopf stellt. Er nimmt die in Tränen aufgelöste Frau mit in die Schule, die er nach einer Stunde überstürzt wieder verlässt, um nie wieder zurückzukehren.
Als er am gleichen Tag in einem Antiquariat das Buch des Portugiesen Amadeu de Prado in die Finger bekommt, ist es endgültig um ihn geschehen. Nach einem jahrzehntelangen Leben ohne Höhen und Tiefen kommt plötzlich eine andere Seite des biederen Lehrers zum Vorschein: eine neugierige, mutige, impulsive. Wie ferngesteuert beginnt Gregorius damit, das portugiesische Buch zu übersetzen.
Amadeu de Prado, der als Arzt in Lissabon gearbeitet hat, stellt sich die gleiche Frage wie der Lateinlehrer: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist, was geschieht dann mit dem Rest?“ Raimund Gregorius kämpft sich durch das Buch, übersetzt es Satz für Satz. Schließlich beschließt er, ebenso überstürzt wie er aus der Schule geflohen ist, nach Lissabon zu fahren. Für den ehemaligen Lateinlehrer beginnt eine rastlose Suche: nach dem Verfasser des Buches, nach Spuren seines Lebens, nach sich selbst.
„Nachtzug nach Lissabon“ ist kein einfaches Buch. Es ist gleichzeitig Krimi, philosophischer Roman und Angebot zur Selbstreflexion. Genau das ist die Stärke des Buches: Pascal Mercier schafft es, seine Leser auf die gleiche Reise mitzunehmen, die der Protagonist antritt. Das erfordert Ruhe, Zeit und Muße. Denn es gibt lange Beschreibungen, ausufernde philosophische Betrachtungen und jede Menge Textpassagen, die Ausdauer erfordern. Deshalb ist „Nachtzug nach Lissabon“ nicht nur ein Buch über das Reisen, sondern auch eines, das man gut während des Reisens lesen kann. Genau wie Raimund Gregorius kann man sich dann voll und ganz auf die Gedanken von Amadeu de Prado einlassen – mit überraschenden Einblicken.