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21.03.2017
Hagen Strauß

Vielleicht liegt es an Angela Merkels langjähriger Erfahrung in ihren beiden Ämtern als CDU-Vorsitzende und Kanzlerin, vielleicht auch an ihrem Naturell - Merkel hat die Ruhe weg. Nichts scheint sie nervös zu machen oder aus der Reserve zu locken.

Keine Krise, kein unfreundlicher US-Präsident, und auch kein Herausforderer, der einen beispiellosen Hype rund um sich und die SPD ausgelöst hat. Merkel setzt offenbar weiter auf das Vogel-Strauß-Prinzip: Die Lage ignorieren, sich bloß nicht treiben oder antreiben lassen, obwohl die Umfragen für Martin Schulz und seine Genossen inzwischen stabil hoch sind. Das war von jeher ihre Strategie, und daran hält sie auch jetzt fest.

Aber kann Angela Merkel überhaupt kämpfen? Will sie die Macht wirklich verteidigen? Diese Frage stellen sich mittlerweile immer mehr in der CDU. Der Chor derer, die jetzt zügig mehr Dampf und mehr Feuer von der Kanzlerin erwarten, wird lauter. Innerparteilich hat Merkel zwar schon oft unter Beweis gestellt, dass sie durchsetzungsstark ist. Ansonsten wäre sie nicht CDU-Vorsitzende geworden und wären die männlichen Alphatiere in der Union nicht einer nach dem anderen auf der Strecke geblieben. Aber kann sie tatsächlich Wahlkampf, vor allem einen harten Wahlkampf? 2005 musste Merkel gegen den Kampagnen-Berserker Gerhard Schröder antreten, und hätte um ein Haar den sicher geglaubten Sieg vergeigt.
2009 hieß der SPD-Gegner Frank-Walter Steinmeier, 2013 dann Peer Steinbrück. Zwei Leichtmatrosen, keine Gefahr. Damals reichte es für sie aus, einfach nur sie selbst zu sein und nirgendwo anzuecken. Mit Martin Schulz steht Merkel jedoch in diesem Jahr ein extrem starker Herausforderer gegenüber. Und nicht nur das: Die Kanzlerin tritt auch gegen eine unerwartete Euphorie an, gegen sozialdemokratische Zuversicht und damit gegen jede Menge Emotionen, die Schulz gekonnt über seine Partei hinaus bedient. Für Gefühle steht Merkel hingegen nicht. Das weiß man. Womit noch ein weiterer wichtiger Faktor ins Spiel kommt: Das ist die Mobilisierung der eigenen Leute. Was der Gegenseite derzeit perfekt gelingt, schaffen die Union und ihre Vorsitzende nicht. Zumindest belegen dies die aktuellen Umfragen.

Deswegen ist Merkels Motto "Ruhe bewahren" in dieser Lage der falsche Ansatz. Denn wer zu lange ruht, kommt irgendwann nicht mehr in Gang. Schulz kann man zwar durchaus vorwerfen, zu unkonkret zu sein. Das ist natürlich auch Strategie, um die Gute-Laune-SPD nicht zu verstören. Nur: Für Merkel gilt der Vorwurf genauso. Sie ist zwar auf den Weltbühnen präsent, da weiß man, wofür sie steht — für Europa, für den Euro, gegen nationalistische Bestrebungen. Alles bei ihr in guten Händen. Aber in der Innenpolitik ist kaum zu erkennen, womit Merkel eigentlich die Menschen von sich überzeugen und wie sie Schulz Paroli bieten will. So könnte die Wahl im Saarland am nächsten Sonntag zum Weckruf werden. Für Merkel und ihre Partei.

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