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05.05.2017
Werner Kolhoff
Als es Umfragen gab, wonach die SPD zur Union aufgeschlossen habe, wurde Martin Schulz sogleich zu einer Art Messias erklärt. Einer, der auch übers Wasser laufen könne. Nun, da die Christdemokraten sich wieder deutlich abgesetzt haben, ist er in vielen Medien nur noch der sichere Verlierer. Und schon wird entdeckt, was der Mann alles falsch gemacht haben soll.

Gemach. Anlässlich der Bilanz seiner ersten 100 Tage als SPD-Kanzlerkandidat wird das Bild lediglich realistischer. Die eine Wahrheit ist: Schulz’ Ernennung hat die SPD von der Lähmung der Gabriel-Ära befreit. Das hat die Partei wieder motiviert, hat auch zu vielen Neueintritten geführt. Ohne eine solche Motivation braucht man einen auf Sieg setzenden Wahlkampf gar nicht erst zu beginnen.
Schulz hat die gute Stimmung mit seiner betont auf die soziale Gerechtigkeit setzende Kampagne noch verstärkt. Kandidat, Inhalte, Partei, das scheint endlich mal wieder eine Einheit zu sein und hat sich in den Umfragen positiv ausgewirkt. Dass Angela Merkel dem nicht untätig zuschauen würde, war von Anfang an klar. Sie nutzt derzeit geschickt ihren Vorteil als Kanzlerin, die internationale Krisen zu lösen hat und Entscheidungen trifft. Ein Herausforderer ohne Ministeramt kann derweil nur über die Dörfer tingeln.

Das erklärt die derzeitige Delle in der Schulz-Kurve aber nicht. Vielmehr war von Anfang an klar, dass die gute Stimmung in der SPD nur halten würde, wenn es eine Machtperspektive gibt. Und da beginnt das Problem. Schulz hat behauptet, die SPD habe mit ihm viele Machtoptionen: Große Koalition unter seiner Führung, Ampel mit FDP und Grünen oder Rot-Rot-Grün. Und anfangs schienen die nach oben schießenden Umfragen das auch zu bestätigen. Doch im Saarland, wo mindestens zwei dieser drei Varianten sehr nahe waren, endete die Landtagswahl wie gehabt: Die Union regiert, die SPD ist kleiner Partner. So wie es auch im Bund schon lange Zeit ist. Vor allem Rot-Rot-Grün ist als Option jetzt regelrecht verbrannt. Mit der Aussicht aber, auch nur wieder Vizekanzler unter Angela Merkel zu werden, braucht Schulz seinen Wählern nicht zu kommen.

Die SPD und ihr Kandidat sind in der klassischen Situation, die man aus Fußball-Pokalspielen kennt. Eine Mannschaft liegt zurück, die Zeit läuft. Die Mannschaft hat verloren, wenn sie sich jetzt aufgibt. Sie darf die Hoffnung nicht verlieren. Sie muss auf Fehler der anderen setzen. Und auf Glück. Wie oft hat man im Pokal erlebt, dass dann doch noch Tore fielen.
Wahlen sind zwar keine Pokalspiele. Aber die Landtagswahlen am Sonntag in Schleswig-Holstein und eine Woche später in Nordrhein-Westfalen sind für die zurückliegende SPD erste vorentscheidende Ereignisse. Möglicherweise sind danach die Motivationsqualitäten des Martin Schulz wirklich gefragt.

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