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12.07.2017
Thomas Hennen Trier

Es fehlt Zeit, es fehlen Lehrer

Gesellschaft Dossier zum Thema: Schulanfang 2017 in Rheinland-Pfalz

Zum Artikel "Tut mehr für behinderte Kinder!" (TV vom 30. Juni):
Seit 20 Jahren verfolge ich die Integration/Inklusion in rheinland-pfälzischen Schulen unmittelbar und mit großem Interesse. Mitte der neunziger Jahre begann der Weg mit einem Modellversuch an einzelnen Schulen. Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen wurden gemeinsam in einer Klasse unterrichtet, die von einem Regelschullehrer und von einem Förderschullehrer gemeinsam geleitet wurde. Bis auf wenige Stunden waren alle Unterrichtsstunden doppelt besetzt, die Lehrkräfte bekamen Zeit, sich miteinander abzusprechen und Projekte und Unterrichtseinheiten zu planen. Die Kinder mit Beeinträchtigungen wurden vierfach gezählt, so dass eine Klasse in der Regel aus 21 Kindern bestand. Mit der Zeit wurde aus diesem erfolgreichen Modellversuch eine Verpflichtung für Schulen: Es entstanden die sogenannten Schwerpunktschulen. Damit einher gingen laufend Kürzungen der Lehrerwochenstunden in diesen Klassen. Sieht man sich heute die Strukturen an, erkennt man sehr schnell, dass an den Schwerpunktschulen weitaus weniger Stunden doppelt besetzt sind. Man kann von Glück sagen, wenn wenigstens die Kernfächer abgedeckt sind - und auch davon träumen viele Klassen nur. Die Realität ist, dass eine Lehrkraft nun in einem großen Teil der Stunden alleine vor der Klasse steht. Im Gegensatz zu den Anfängen, in denen der Unterricht zumeist in Grund- und Hauptschulen stattfand und man vor allem in den Hauptschulen eine relativ homogene Lerngruppe vorfand, sind die Schwerpunktschulen heute hauptsächlich aus Realschulen plus entstanden. Eine heutige Schwerpunktklasse weist also eine wesentlich größere Heterogenität auf - von Kindern mit ganzheitlichem Förderbedarf bis hin zu Kindern, die von einem Gymnasium kommen. Die Klassengröße kann bis zu 30 Kinder betragen. Hinzu kommen häufige Verhaltensauffälligkeiten wie Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen oder Depressionen, um nur einige zu nennen. Dies alles soll nun im Rahmen der Inklusion von einem Lehrer unter einen Hut gebracht werden. Um das zu ermöglichen, möchte die Landesregierung Förderzentren gründen. Hier sollen die Lehrer der Schwerpunktschulen beraten werden, wie sie ihre Schüler am besten fördern können.
Was dem Lehrer aber fehlt, ist Zeit. Zeit, um sich um die Kinder zu kümmern, Zeit, um mit Eltern zu reden, Zeit, um Veränderungen am Kind zu bemerken und Zeit, um jedes Kind individuell zu fördern, seine Stärken auszubauen und an seinen Schwächen zu arbeiten. Was er bräuchte, wäre ein spezialisierter Kollege an seiner Seite, um den Unterricht differenziert zu gestalten und eben Zeit mit dem Schüler, der gerade Hilfe und Aufmerksamkeit benötigt, zu verbringen. Diese Zeit ist, wie in so vielen Bereichen unserer Gesellschaft, nicht mehr vorhanden.
Längere Krankheitsausfälle an Schulen werden kaum noch vertreten, Förderschullehrerstunden werden dort abgezogen, wo das System sowieso schon kurz vor dem Zusammenbrechen ist, mit einem Hinweis der ADD, dass keine Lehrer mehr zur Verfügung stehen. Es mag daran liegen, dass die Einstellungsbedingungen mehr als schlecht sind, aber das ist nur so eine Vermutung von mir ...
Thomas Hennen
Trier