Ich fühlte mich diese Woche ein wenig an Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott erinnert, in dem der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ob der immer älter werdenden Gesellschaft Alarm schlägt, einen Krieg der Generationen heraufbeschwört und für ein selbstbewusstes Altern plädiert. Auf den Markt kam das Buch 2004. Diese Woche wurde mit Joachim Gauck ein 72-Jähriger für das Amt des Bundespräsidenten nominiert.
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Isabell Funk
Der 73-jährige Otto Rehhagel trat als Fußballtrainer beim angeschlagenen Hertha BSC an. Die in München erscheinende Abendzeitung beispielsweise titelte in dicken Lettern ,,Alte an die Macht", und ein 43-jähriger Redakteur sang in seinem Leitartikel das hohe Lied auf die Qualitäten der Älteren, die mehr an Leistung und weniger an ihrem persönlichen Wohl interessiert seien als Jüngere. Auch in politischen Talk-Shows von Jauch bis Beckmann diskutieren immer häufiger Gäste, die das Renten- oder Pensionsalter schon meilenweit überschritten haben. Das ist weder gut noch schlecht, aber auffällig. Ebenfalls in dieser Woche stellte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen den ersten Fortschrittsreport ,,Altersgerechte Arbeitswelt" vor, in dem Wissenschaftler belegen, dass Betriebe deutlich produktiver sind, wenn der Anteil der älteren Beschäftigten wächst. Na gut, jetzt haben wir es also amtlich, was einem aber auch schon der gesunde Menschenverstand hätte sagen können: Wer über mehr Erfahrung verfügt und länger Zeit hatte, sich Faktenwissen anzueignen, macht weniger Fehler. Und die älteren Arbeitnehmer, aber auch die heutigen Rentner, sind im Durchschnitt dank besserer Lebensbedingungen körperlich und geistig fitter als die vorangegangener Generationen. Das ist nun so sensationell neu nicht. Neu ist vielleicht die allmähliche Abkehr vom Jugendwahn und dem Zerrbild, dass älter werden gleichbedeutend ist mit Gebrechlichkeit, Leistungsabfall und Mangel an Aktivität. Aber machen wir uns nichts vor. Die Wiederentdeckung der Alten ist purer Pragmatismus. Da unsere Lebenserwartung kontinuierlich steigt und die, die künftig unsere Renten erwirtschaften, immer weniger werden, ist es nur logisch, dass diese Gesellschaft sich wird umorientieren müssen. Die nach wie vor heftig umkämpfte längere Lebensarbeitszeit, aber auch ein verstärktes soziales Engagement nach dem Erwerbsleben, wie es beispielsweise der Philosoph Richard David Precht fordert, sind keine ungebührlichen Zumutungen. Denn wir brauchen Alternativen zum bestehenden Versorgungssystem, Alternativen, die die Verantwortung dafür nicht alleine dem schrumpfenden Anteil der Bevölkerung, den Jungen, aufbürdet.
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