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Die dunkle Seite des Umsorgens

Gewalt in der Pflege passiert oft verbal und subtil Hilfsbedürftige und Pflegende betroffen

Misshandlung, Beschimpfungen, Vernachlässigung: Laut einer neuen Studie ist jeder Dritte in der Pflege von Gewalt betroffen. Bevor die Situation am Pflegebett eskaliert, sollten Pflegende sich möglichst früh Hilfe holen. Dossier zum Thema: Pflege

24.09.2014
Katja Bernardy, Rainer Neubert
In den Beratungsgesprächen im Trierer Demenzzentrum wird das Thema Gewalt relativ häufig angesprochen, sagt Uschi Wihr, pädagogische Leiterin. Zu Gewalt gehöre auch, wenn sich eine Bezugsperson in Anwesenheit einer an Demenz erkrankten Person über diese herablassend, entwürdigend oder negativ äußere - oder verbal aggressiv werde. In den Beratungen gehe es selten um körperliche Gewalt. Wenn, dann meist um Gewalt als spontane und ungewollte Handlung, im Sinne von "mir sind die Nerven durchgegangen".
Gewalt hat viele Gesichter. Häufig geschehe sie, so berichtet Wihr, auch subtil. "Dann geht es meist darum, Dinge aus der gemeinsamen Geschichte auszutragen", sagt die Pädagogin und nennt ein Beispiel: Die Ehefrau, die sich immer der Familie untergeordnet hat, kann den Ehemann, nun demenzkrank, endlich unterdrücken. Wihr zufolge entsteht Gewalt in der Pflege meist dann, wenn Menschen überfordert sind, oder wenn Konflikte schwelen und nicht gelöst werden.
Matthias Bolch, Sprecher des für die Aufsicht zuständigen Landesamtes für Soziales in Mainz, berichtet von anderen Dingen: "Gewalt in der Pflege kann neben Körperverletzung oder Misshandlung auch die Einschränkung von Bewegungsfreiheit sein." Die Beratungs- und Prüfungsbehörde (früher Heimaufsicht) prüfe regelmäßig, ob Maßnahmen, die der Entziehung von Freiheit dienen, richterlich genehmigt sind. Dazu zählt etwa das Hochziehen von Bettgittern oder das Anbringen von Bauchgurten an Rollstühlen. Laut Bolch sollen Einrichtungen vollständig auf freiheitsentziehende Maßnahmen verzichten. Um dieses Ziel zu erreichen, bietet das Ministerium Schulungen an, in denen auch Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen vorgestellt werden.
"Pro Jahr gehen etwa 20 Beschwerden zum Thema Gewalt in der Pflege vor allem von Angehörigen bei der Beratungs- und Prüfbehörde ein", sagt Bolch. Die Behörde gehe jeder Beschwerde umgehend nach. Je nach Art und Schwere des Vorwurfs werde das Vorgehen etwa mit Polizei und Staatsanwaltschaft abgestimmt. Die Konsequenzen reichen von Beschäftigungsverboten bis hin zu Strafanzeigen.
Gewalt in der Pflege bedeutet jedoch nicht nur Gewalt gegenüber pflegebedürftigen Personen. Auch Pflegende werden attackiert. Davon berichtet Marc S. - er möchte seinen richtigen Namen nicht nennen. Dem Pfleger wurde schon an den Haaren gerissen. Er wurde mit einer Vase beworfen und wüst beschimpft.
Auch Pflegedienstleiterin Cornelia Schilz vom Club Aktiv kennt solche Situationen. Die Palette der Gewalt reiche von Beschimpfungen bis hin zu sexuellen Übergriffen. "Das ist selten, aber es kommt vor", sagt sie. Wichtig sei, dass die Mitarbeiter offen über die Vorfälle redeten. Cornelia Schilz handelt, wenn sich von einem Vorfall hört. Maßnahmen, die sie ergreift, reichen von einem Gespräch bis hin zur Quittierung des Pflegedienstes. Das Personal sei schließlich kein Freiwild.
Seit rund zwei Jahren arbeitet Christa Heinrich bei der Meldestelle "Gewalt in der Pflege", einem Bundesmodellprojekt. Während ihrer Sprechstunde, mittwochs zwischen 10 und 12 Uhr, erhält sie durchschnittlich zwei Anrufe. "Meistens werden Unzulänglichkeiten aus stationären und ambulanten Einrichtungen gemeldet oder Probleme in der häuslichen Pflege beklagt." Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass besonders Situationen, in denen Pflegebedürftigkeit unvorbereitet eintritt, eskalieren können. "Da müssen die Kinder oder Enkel oft ihre Lebensentwürfe schlagartig ändern." Keiner wisse, wie lange der Pflegezustand dauere. Dann können Ersparnisse schnell aufgebraucht sein und sogar Arbeitslosigkeit hinzukommen.
Auch Gefühle wie Abhängigkeit, Hilflosigkeit, Macht und Ohnmacht in Beziehungen spielen laut Heinrichs bei der Entstehung von Aggression und Gewalt eine Rolle, sowie die Missachtung des Willens des Pflegebedürftigen, das Aufdrängen von Aktivitäten bis hin zu eingeschränkten Besuchsregelungen.
Laut einer aktuellen Forsa-Studie des Zentrums Qualität in der Pflege (ZQP) ist das Problembewusstsein für Gewalt gegenüber alten und insbesondere pflegebedürftigen Menschen nach wie vor gering entwickelt.
Meinung
Kein Tabuthema

Gewalt in der Pflege darf kein Tabuthema sein. Betroffen sind hilflose Menschen, die der Hilfe anderer bedürfen. Aber es trifft oft auch Pflegende, wenn zum Beispiel Bewusstseinsveränderungen in Folge einer Demenzerkrankung den zuvor liebenswürdigen Angehörigen zu einem scheinbar bösartigen Patienten werden lässt. Nicht immer hilft es dann, Ruhe zu bewahren, durchzuatmen und für einige Minuten vor die Tür zu gehen. Gewalt in der Pflege ist alltäglich, das zeigt auch die repräsentative Umfrage zu diesem Thema. Zwar kommen körperliche Misshandlungen eher selten vor. Wer pflegt oder gepflegt wird, hat aber oft auch Macht. Verletzende Äußerungen und Beschimpfungen sind eine Möglichkeit, diese Macht zu nutzen oder Frust abzubauen. Wer das tut, muss sich helfen lassen. r.neubert@volksfreund.de