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Das Dorf, das es nicht gibt

Eine Tagestour in ein verlassenes Eifeldorf – und eine Begegnung mit einem ehemaligen Bewohner: Die Bewohner von Wollseifen mussten 1946 ihr Dorf innerhalb von drei Wochen verlassen, weil es mitten im Gebiet für einen Truppenübungsplatz lag. Heute ist von Wollseifen nur noch wenig zu sehen. Der 84-jährige ehemalige Dorfbewohner Franz-Josef Sistig erinnert sich.
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Heute ist von Wollseifen nur noch wenig zu sehen. Der 84-jährige ehemalige Dorfbewohner Franz-Josef Sistig erinnert sich.

Eigentlich wollte ich darüber nicht mehr reden“, sagt Franz-Josef Sistig und schüttelt langsam den Kopf. Er sitzt in seiner Wohnung in Schleiden-Gemünd in der Nordeifel und nimmt einen Schluck Kaffee. Nach einer kurzen Pause redet er doch. Über Wollseifen, sein Heimatdorf, das er als 17-Jähriger gemeinsam mit den 550 anderen Einwohnern verlassen musste. Über ein Dorf, das es im Jahr 1946 plötzlich nicht mehr geben durfte.

„Fünfzehn Monate nach Kriegsende kamen sie und schmissen uns raus“, sagt der 84-Jährige. Nach dem Ende des Krieges fordert die britische Militärregierung die Bewohner von Wollseifen auf, innerhalb von drei Wochen ihre Häuser zu verlassen. Auf dem Gelände rund um die ehemalige NS-Ordensburg Vogelsang soll ein Truppenübungsplatz entstehen. Wollseifen liegt mitten in der sanften Hügellandschaft – und ist deshalb im Weg. „Meine Eltern haben damals gedacht, dass wir wieder zurückkommen“, erzählt Sistig. Ihm, dem 17-Jährigen, sei schnell klar gewesen, dass das nicht der Fall sein würde. „Wir waren jung und haben das damals lockerer genommen als unsere Eltern“, erzählt er.

Was auf die Vertreibung aus dem Dorf folgt, darauf ist Sistig, der mit seiner Familie zunächst im Nachbardorf Herhahn unterkommt, dann allerdings nicht vorbereitet. Die Häuser verfallen, werden zerschossen, brennen durch Übungen mit Phosphorgranaten oft bis auf die Grundmauern nieder. „Spätestens als 1947 die Kirche brannte, wussten wir, dass wir nicht zurück können“, sagt Sistig. „Die Hoffnung war weg.“ Es fällt ihm auch heute noch schwer, über diesen Moment zu sprechen.

Am Anfang fahren die Männer noch zum Löschen der vielen Brände, die durch die Übungen entstehen, nach Wollseifen – und, um zu retten, was zu retten ist. Doch die Besuche sind nicht nur verboten, sondern bald auch sinnlos – es gibt nichts mehr zu retten. Offiziell dürfen die Dorfbewohner nur einmal im Jahr nach Wollseifen, um einen Gottesdienst zu feiern. Bei jedem Besuch ist weniger vom Dorf zu erkennen. „Es war ganz schlimm. Man kann es sich nicht vorstellen“, sagt Franz-Josef Sistig.

 Auf die englischen Soldaten folgen 1950 die belgischen. Zweimal wöchentlich wird das Dorf ab 1954 vom belgischen Truppenübungsplatz Elsenborn aus mit Artillerie beschossen. Bis 2005 nutzen die Belgier den Ort – oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Für den Einsatz der Soldaten im Kosovo werden mehrere sogenannte „Kulissenhäuser“ gebaut, um den Häuserkampf zu trainieren. Erst seit dem 1. Januar 2006 ist Wollseifen wieder zugänglich.

In diesem Trailer eines Filmes über Wollseifen sind auch historische Bilder zu sehen.

66 Jahre nach der Vertreibung seiner Bewohner ist von dem Dorf mit Schule, Kneipen und Kaufhaus nur wenig übrig geblieben. Mehrere Wanderwege führen heute nach Wollseifen, das im Nationalpark Eifel liegt und deshalb nicht mit dem Auto erreichbar ist.

Hans-Georg Stump ist die Wanderwege schon hunderte Male gegangen. „30- bis 40-mal im Jahr“, schätzt er, kommt er jedes Jahr nach Wollseifen. Und das, obwohl er mit dem Dorf eigentlich gar nichts zu tun hat. Vor Jahren sah er einen Fernsehbericht über das verlassene Eifeldorf, seitdem lässt es den Stolberger nicht mehr los. Im Traditions- und Förderverein Wollseifen, der seit 2006 besteht, ist er Schriftführer. In seiner Freizeit ist er oft in der Eifel unterwegs.

Heute hat er den kürzesten, etwa 1,5 Kilometer langen Weg nach Wollseifen gewählt (siehe Extra). Er geht durch grüne Wiesen einen breiten Weg entlang. Bei einer kleinen Wegkapelle bleibt er stehen. „Hier beginnt Wollseifen“, sagt er. Außer der Kapelle sind nur Wiesen und Bäume zu sehen. Auf einem Schild steht: „Wollseifen: 0,5 km“. „Das ist Quatsch“, sagt Stump, „wir sind mitten im Dorf“.

Neben der Wegkapelle zeugen davon nur noch ein Trafohäuschen, Teile der Dorfschule und die ehemalige Pfarrkirche St. Rochus. War Wollseifen früher ein langgezogenes Dorf, wirken die verbliebenen Gebäude und die Kulissenhäuser wie versprengte Fremdkörper in der Natur.

Das Video aus dem Jahr 2012 zeigt einen Rundgang durch das Dorf.


Die Mitglieder des Fördervereins haben viel Zeit und Arbeit investiert, um diese Gebäude vor dem Verfall und damit die Erinnerung an das Dorf zu bewahren – in ständiger Auseinandersetzung mit der Nationalparkverwaltung. Jeder Einsatz, jede Veränderung, jede Fahrt mit dem Auto, um Gerätschaften zu transportieren: Für alles ist aufgrund der strengen Regeln, die in diesem der Natur vorbehaltenen Bereich gelten, eine Genehmigung nötig. Dennoch hat es der Verein in den vergangenen Jahren geschafft, Hinweistafeln, ein Modell des Dorfes und Bänke in Wollseifen aufzustellen.

So sieht Wollseifen im Winter aus.

In die Zukunft blicken der ehemalige Dorfbewohner Sistig und der engagierte Helfer Stump mit Sorge. Etwa 120 ehemalige Wollseifener leben noch. „Ihre Kinder und Enkel interessieren sich oft nicht dafür“, sagt Hans-Georg Stump. Wie es weitergeht, mit dem Verein, mit dem Dorf – die beiden wissen es nicht. „Ich hoffe nur, dass es weitergeht“, sagt Franz-Josef Sistig. 
Anfahrt

Wollseifen liegt abseits der Bundesstraße 266 zwischen den Orten Einruhr und Morsbach/Herhahn. Aus Trier dauert die Fahrt über die B 51 und A 60 etwa anderthalb Stunden. Vor Ort der Beschilderung "Vogelsang" folgen. Umittelbar in der Nähe der Burg gibt es einen Kreisverkehr mit einem Parkplatz. Von dort sind es etwa 1,5 ebene Kilometer zu Fuß nach Wollseifen. Direkt von Vogelsang aus führt ein landschaftlich schöner, aber sehr steiler Wanderweg nach Wollseifen.

Impressionen der Burg Vogelsang und vom Wanderweg nach Wollseifen zeigt dieses Video.


An jedem ersten und dritten Sonntag im Monat werden von Mai bis Oktober Kutschfahrten nach Wollseifen angeboten.

Auf der Übersichtskarte sind die Wanderwege nach Wollseifen sowie die markanten Punkte im Dorf und in der Umgebung zu markiert.

Wollseifen auf einer größeren Karte anzeigen
 
Weitere Informationen

Infos zu Wollseifen gibt es auf der Internetseite des Fördervereins Wollseifen. Dort können sich auch Interessierte melden, die dem Verein beitreten oder spenden wollen. Infos zum Nationalpark Eifel gibt es auf dieser Seite.



 


 

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