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Dem Himmel so nah

(Traben-Trarbach) Riesige Urlaubsflieger starten zurzeit in alle Welt. Wer lieber die Region von oben erkunden will, kann das beim Deutsch-Amerikanischen Segelfliegerclub in Traben-Trarbach tun. Reporterin Mandy Radics hat die Rundflüge getestet und ist für die TV-Tagestour abgehoben.
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Eingequetscht wie eine Ölsardine in der Dose, gefangen zwischen Hunderten anderen Urlaubern, die alle einen Blick durch die winzigen Lukenfenster erhaschen wollen – so sehen meine bisherigen Flugerlebnisse aus.

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen steige ich jedoch gern in ein Flugzeug. Ob das auch bei einem zweisitzigen Segelflieger der Fall sein wird, wird die TV-Tagestour zeigen, die heute vom Flugplatz Mont-Royal in Traben-Trarbach abhebt. Dort bieten passionierte Piloten Rundflüge in kleinen Maschinen an. Dabei kann sich jeder aussuchen, ob er mit einem Motor-, einem Ultraleicht- oder einem Segelflugzeug abheben will.

Bevor ich mich in dieses Abenteuer stürze, schaue ich mir an, was mich da eigentlich erwartet. So ein Segelflieger kann nämlich nicht alleine starten, weil er keinen Motor hat. Er wird mit einem Seil, das an einer Winde hängt, quasi in die Luft geschnipst. Und dieses hängt an einer 300-PS-Maschine, die am anderen Ende des Rasenfeldes, das das Rollfeld darstellt, steht. Der Motor der Zugmaschine heult auf, und zack ... Schon ist der Vogel in der Luft und zieht seine Kreise im unendlichen Blau. Das geht allein beim Zuschauen so schnell, dass einem ganz anders wird.

Fallschirm fühlt sich wie eine Pampers an


Aber ich habe einen erfahrenen Piloten an meiner Seite, der sich schon seit 28 Jahren durch die Lüfte bewegt. Hermann Krämer ist leidenschaftlicher Flieger und engagiert sich für den Deutsch-Amerikanischen-Segelfliegerclub (DASC), der den Flugplatz auf Mont Royal betreibt. Unter Fliegern ist man schnell per Du, deshalb einigen wir uns gleich zu Beginn auf unsere Vornamen. Für Hermann hat das Fliegen einen besonderen Reiz: „Es ist eine der schönsten Möglichkeiten, den Kopf frei zu bekommen, die Gedanken bleiben einfach auf der Erde zurück.“

Mit dem Trecker wird unser Flieger gebracht und richtig positioniert. Er sieht so leicht und winzig aus – aber auch schnittig. Zuerst heißt es den Fallschirm umschnallen. Der fühlt sich wie eine Pampers an, weil er unten um die Beine geschlungen wird. Aber Sicherheit geht schließlich vor. Das Gute: Der Rucksack mit dem Fallschirm polstert meinen Rücken, so dass der Sitz bequemer wird. Hermann erklärt, das sei Absicht. So würde man nie vergessen, den Schirm umzuschnallen. Jetzt werfe ich mein Bein über die Bordwand und falle in den Sitz.

Der komplizierte Gurt erinnert an die bei Kindersitzen, wo die Kleinen ihre Beinchen nicht herauswinden können. Schon sitze oder besser liege ich auf ganz engem Raum im Cockpit. Vor mir sitzt Hermann und checkt, ob das Seil richtig an der Bordwand unter dem Flieger eingeklinkt wurde. Sitzt, wackelt und hat Luft. Das Dach aus Plexiglas wird geschlossen.

Viele Helfer arbeiten hier Hand in Hand. Einer sitzt an der Winde, die uns in den Himmel schießt, ein Helfer befestigt das Seil, ein anderer bringt das Flugzeug in die waagerechte Position. Nur im Team funktioniert das Fliegen auf Mont Royal.

Über Funk ertönt das O.K. für den Start. Ich starre gebannt auf die Armaturen vor mir, die noch auf null stehen und schwitze vor mich hin. Draußen sind es 35 Grad. Die Sonne prallt auf das Plexiglas und heizt das Cockpit auf. „Das ändert sich, wenn wir oben sind“, verspricht Hermann.

Letzter Check, Daumen hoch – ab geht die Post. Der Rasen schießt an uns vorbei, die Menschen werden kleiner. Wir fliegen! In 250 Metern Höhe klinkt Hermann das Seil aus. Es gibt einen Ruck, und wir sind frei wie die Vögel. Wow!

Oben ist es ganz schön wackelig, aber durch den fehlenden Motor ruhig. Gequetscht wie eine Ölsardine werde ich auch hier, aber mein Fenster gehört nur mir. Dazu kommen die fantastische Sicht und der tiefblaue Himmel. Erst sind es 200 Meter, dann sogar 600 Meter über dem Boden. Bei guter Thermik – so nennen Segelflieger die Lüfte, auf denen sie dahingleiten – kann der Segelflieger sogar bis zu 2000 Meter Höhe schaffen.

Mit etwa 90 Stundenkilometern sind wir im Himmel unterwegs. Wir haben eine sogenannte Blauthermik, weil keine Wolke am Himmel ist. Segelflugzeuge gewinnen übrigens durch Warmluft an Höhe. Auch für die berühmte „Kotztüte“, original von Lufthansa, ist gesorgt. Sie steckt griffbereit in einer kleinen Seitentasche zu meiner Rechten.

Meine Aufmerksamkeit widmet sich dem Dach. Was ist das für ein dünner, roter Faden, der genau über uns zappelt? „Wenn der Faden genau nach hinten zeigt, weiß der Pilot, dass er richtig fliegt. Das ist unsere Orientierung“, erklärt Hermann.

Hoch oben wölbt sich die Welt am Horizont

Und so gleiten wir über Traben-Trarbach. Wie durch ein Fischaugen-Objektiv wölbt sich die Welt am Horizont. Die Häuser sind winzig wie beim Monopolyspiel. Am schönsten ist die Mosel, die sich glitzernd durch Berge und Täler windet.

Eine halbe Stunde bleiben wir oben. Dann setzen wir zur Landung an. Mit der Thermik kreisen wir nach unten, immer tiefer, bis wir urplötzlich aufsetzen und auf dem Rasen ausrollen. Die Papiertüte ist verschont geblieben. Hermann muss mich aus dem Sitz ziehen, weil ich nicht allein aus dem engen Cockpit aussteigen kann. Mit wackeligen Knien, aber glücklich fühle ich wieder festen Boden unter den Füßen. Am Ende ist klar: Es macht einen Unterschied, in welche Art von Dose man wie eine Sardine gequetscht wird …

Die schönsten Ziele der Region stellt die Volksfreund-Redaktion freitags auf der Seite „TV-Tagestour“ vor. Alle Touren gesammelt gibt es auf der Homepage volksfreund.de/tagestour.

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