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Ein Hauch von Abenteuerspielplatz und Hölle

Die Völklinger Hütte ist weltweit das einzige noch erhaltene Eisenwerk aus dem 19. Jahrhundert. Früher Produktionsstätte - heute Museum. Dem Besucher zeigt die Hütte ein schönes und ein hässliches Gesicht zugleich.
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Unglaublich groß ist das Gelände der Völklinger Hütte: 600 Fußballfelder würden auf das Areal passen. Hölle oder Abenteuerspielplatz? Ein bisschen von beidem. Das Gelände fasziniert viele Besucher. Für die einen ist es ein faszinierendes Labyrinth, für andere ein hässlicher Rosthaufen. Viele Treppen und Brücken führen über das Gelände, die Türme, Förderbänder, Hallen und weitere Gebäude miteinander verbinden.

Unerträglich laut und furchtbar heiß war es um 1965 dort. 17 000 Menschen schufteten auf dem Gelände an der Saar rund um die Uhr. Viele Handgriffe und harte körperliche Arbeit waren nötig, um dem Gestein das Eisenerz abzuringen. Ein kleiner kräftiger Mann mit grauen Haaren erzählt den etwa 50 Besuchern in der Gebläsehalle, wie die Arbeit früher ablief. Detlef Thieser hat in der Hütte gearbeitet, bevor die Werke stillgelegt und 1994 zum Unesco- Weltkulturerbe erklärt wurden.

Heute zeigt der Rentner seinen einstigen Arbeitsplatz und lässt schöne und schreckliche Momente Revue passieren. Sechs riesige Schwungräder ragen hinter Thieser in die Luft. Sie gehören zu den Gebläsemaschinen. Die größten sind etwa sechs Meter hoch und ähneln überdimensionalen Reifen aus Stahl. Der Mann wirkt in ihrer Nähe wie eine Spielzeugfigur. Noch immer riecht es nach Öl in der Gebläsehalle. 65 000 Kubikmeter Wind verbrauchte ein Hochofen pro Stunde.

Die Luftpumpen in den Gebläseanlagen lieferten ihn. Dafür „musste geschmiert werden, auf Teufel komm raus“, sagt Thieser und fügt hinzu, dass eine Maschine 25 Kilo Fett am Tag verbrauchte. Unterhalten konnte man sich nicht, anschreien trifft es eher. „Es war so laut wie auf einer Straßenkreuzung. Alle Männer, die ich kenne, sind mit Gehörschäden weggegangen“, sagt Thieser. In fast 30 Metern Höhe bestückten die Arbeiter bis zu sechs Hochöfen. Hängebahnwagen, die wie kleine Gondeln aussehen, brachten die Rohstoffe zum Ofen. Sie lässt Thieser für die Besucher per Knopfdruck heranfahren. Über sieben Stationen erstreckt sich die Führung, bei der man den Weg der Eisenproduktion kennenlernt.

Die Möllerhalle ist eine von ihnen. Sie besteht aus Parzellen mit ausgemauerten Becken, in denen die Rohstoffe lagerten. Im dämmrigen Abendlicht wirkt die Halle geheimnisvoll und ihre dunklen Treppen gruselig. Kein Wunder, dass so eine Kulisse für den Film „Die Wilden Kerle 5“ die richtige war. „Das Motorrad steht sogar noch da unten“, sagt Thieser und deutet in Richtung Treppe.

Doch nicht an allen Erinnerungen trägt Detlef Thieser so leicht wie an den Dreharbeiten für die „Wilden Kerle“. Er hat viele Veränderungen und tödliche Unfälle auf der Anlage miterlebt. „Zwischen 150 und 170 Unfälle pro Monat gab es“, sagt Thieser. Besonders gefährlich war das geruchlose Gas Kohlenmonoxid, das aus dem Hochofen entweichen konnte. In zwei Arbeitsunfälle war er verwickelt. Trotzdem beschreibt er den täglichen Umgang mit den Gefahren als irgendwie normal. „Wir haben davon gelebt und mussten auch damit leben.“ Genauso wie die Völklinger damit umgehen mussten, dass der Boden des Geländes teilweise mit Schwermetallen und Chemikalien verseucht ist. Kaum vorstellbar ist, dass die Hochofenbelegschaft bis 1964 kaum Schutzkleidung und meist nur normale Stoffhüte getragen hat. Auch deshalb kam es immer wieder zu Kopfverletzungen.

Seitdem jedoch herrscht Helmpflicht auf dem Gelände, auch heute noch für Personal und Besucher. Zu den unschönen Kapiteln gehört , dass während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter aus Russland, Polen, Jugoslawien, Italien, Holland, Belgien und Luxemburg Eisen herstellen mussten. Trotz manch schwerer Erinnerung ist die Hütte für Thieser ein Stück Heimat geworden. „Sie hat uns ernährt“, betont Thieser. Bereits mit 14 Jahren hat er für die Hütte, damals die Röchling'-schen Eisen- und Stahlwerke, gearbeitet. Beim größten deutschen Stahlhersteller wurde er als Betriebsschlosser ausgebildet. Die Anlage fasziniert den Rentner noch immer, „weil sie nur funktionierte, wenn ein Rädchen ins andere griff. Man muss sie als Gesamtwerk verstehen.“

Heute ist das Eisenwerk ein Ort für Kunst und Industrie: nicht nur wegen der wechselnden Ausstellungen in der Gebläse- oder Möllerhalle, sondern auch wegen eines grünen Paradieses. Es liegt zwischen Kokerei und Saar. Die Gartenbereiche mit dem Namen Paradies hat die Landschaftsarchitektin Catherine Gräfin Bernadotte von der Insel Mainau angelegt. Darüber hinaus wird die Hütte selbst zum Kunstobjekt, wenn sie in der Nacht von rosa, orangem und grünem Licht angestrahlt wird. Dann zeugt auch sie zweifellos von Schönheit.
Extra

Adresse: Weltkulturerbe Völklinger Hütte – Europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur Rathausstraße 75-79 Völklingen

Öffnungszeiten: Bis 31. März von 10 bis 18 Uhr täglich. Ab 1. April von 10 bis 19 Uhr. Führungen: Sonntags um 15 Uhr kann man sich einer kostenlosen Führung anschließen. Sie dauert etwa 1,5 Stunden. Gruppenführungen sind auf Anfrage möglich.
Dienstag-Nachmittag-Special ab 15 Uhr: Eintritt frei. Eintritt : Erwachsene: 12 Euro, Ermäßigt: 10 Euro (für Gruppen ab 15 Personen, bei gebuchter Gruppenführung), Kinder unter sechs Jahren: Eintritt frei, Familien (2 Erwachsene mit Kindern): 25 Euro.

Barrierefreiheit: Es gibt Rampen und Aufzüge.
Allerdings sollte man sich an Ort und Stelle gut informieren, wo sich die Aufzüge befinden.

Essen: Zur Hütte gehört das Bistro Café Umwalzer hier gibt es Getränke, Snacks und Hauptgerichte.


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