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Im Reich der schnellen Kugel: Tagestour ins Flippermuseum nach Neuwied

(Neuwied) „Play me“, sagt eine weibliche Stimme. Diese verlockende Einladung zum Spielen dringt durch die lauten Geräusche. Wer spricht, ist ein anmutender, koketter, weiblicher Roboter. Der Flipper The Machine ist eines der Exemplare, die „Extraball“, das erste deutsche Flippermuseum, in Neuwied beherbergt.

02.03.2013
Barbara Cunietti
Aus dem Roboter wird eine Frau, wenn der Spieler geschickt die Kugel in Spielfelder schießt, die für Augen, Sprache oder Herz stehen. In den verwinkelten Räumen dieses Museums stehen dicht an dicht gereiht 150 Flipper. Axel Hillenbrand kennt sie alle. Er ist Vorsitzender des Vereins, der das Museum trägt. „Ich bin Sammler und Jäger“, sagt der Erziehungswissenschaftler, der zusammen mit Frau und Eltern das Museum am Wochenende ehrenamtlich betreut. Als Hillenbrand sein Studium mit einer Arbeit über den Einfluss der amerikanischen Fernseh-Serie „Star Trek“ auf die Gesellschaft zu Ende brachte, kaufte er sich seinen ersten Flipper. Einen Star-Trek-Flipper. „Doch war er defekt“, erzählt Hillenbrand, „ein Kumpel von mir konnte ihn reparieren“. Der Freund heißt Harald Fleischhauer und ist Mitbegründer des Museums. Der „Flipper-Doktor“ wartet die Geräte. „Nur wenige können es“, sagt Hillenbrand.

„Willkommen bei Enterprise“, rufen Captain Picard und die anderen der Kult-Serie aus den späten 1960ern. Die Star-Trek-Maschine steht nicht mehr in Hillenbrands Wohnung, sondern spielbereit im Museum. Aus diesem ersten Stück wurden sechs. „Da konnte ich sie nicht zu Hause behalten“. So entwickelte sich die Idee eines Flippermuseums. Das eröffnete 2006 mit 50 Geräten. Mittlerweile sind 150 auf 350 Quadratmetern Fläche.

An fast jedem Gerät können die Besucher in diese laute und rollende Welt eintauchen. An der Kasse erhält man mit der Eintrittskarte D-Mark-Münzen für die Automaten. „Eigentlich ist es schwieriger, D-Mark zu finden, als Flipper“, sagt Hillenbrand. Gleich neben dem Eingang stehen die ältesten Exemplare der Sammlung. Aus den 30er Jahren stammen sie und funktionieren ohne Strom, nur durch Mechanik. Sie sind aus Holz, deutlich kleiner und stiller als die berühmten Automaten der 1980er Jahre. Sie blinken nicht, sagen nicht „Game over“ haben keine Flipperfinger, also sie können betrachtet, doch nicht gespielt werden. „Es ist spannend, anhand der Geräte zu sehen, wie sich die Unterhaltungskultur über die Jahrzehnte verändert hat“, sagt Hillenbrand.

Mit der Einführung der Flipperfinger 1947 konnte man aktiv spielen. Erfinder war die Firma Gottlieb aus Chicago, die Hauptstadt des Flippers. Auch wenn David Gottlieb ein emigrierter Deutscher war, zählt ein anderer Automat als der erste deutsche Flipper. Immer noch aus Holz, aber schon wegweisend in der Darstellung: der Treffgloria aus dem Jahr 1953. Auf dem Kopf, dem oberen Teil des Gerätes, lächelt eine Frau auf einem Surfbrett. Auf dem Spielfeld ist das Leben der Reichen und Schönen dargestellt. „Flipper waren eigentlich ein männliches Vergnügen“, erklärt Hillenbrand, „Frauen findet man eher auf dem Flipper als davor.“

Bunnies, Hexen oder sexy Roboter: In der Sammlung sind viele weibliche Gestalten zu finden. Aber nicht nur. Auf dem Spielfeld der Geräte aus den 1970er, 1980er, 1990er Jahren häufen sich Details, für deren Entdeckung man Zeit braucht. So dreht sich zum Beispiel ein Raumschiff auf einem Star-Wars-Flipper und schießt die Kugel in eine Rampe durch das Spielfeld. Viele Flipper zelebrieren die Helden aus dem Kino, wie Indiana Jones oder Robocop. Auch der Sport kommt nicht zu kurz. Ein Basketball-Spieler streckt sich zum Korb auf einem NBA-Flipper. Auf dem fitnesszelebrierenden Hardbody posieren Frauen mit strammen Muskeln und knappem Bikini.

Gerade ein Sport-Flipper illustriert beispielhaft die Entwicklung des Flippers. Es geht um Eight Balls, ein Gerät, das sich dem Billard widmet. „Die goldene Ära war vor allem in den 60ern und 70ern Jahren“, sagt Hillenbrand. 1977 verkaufte Eight Balls 20.230 Exemplare und ist damit einer der erfolgreichsten Flipper aller Zeiten. Steil bergab ging es in den 1980ern, als die Video-Spiele kamen. Die neue Auflage von Eight Balls verkaufte 1981 nur 2388 Stücke. Ein drittes Modell aus dem Jahr 1985 lediglich 1500 Geräte. „Um die Flipper am Leben zu erhalten, versuchten die Hersteller den neuen Trend der Video-Spiele zu thematisieren“, sagt Hillenbrand. So findet man Flipper, die Video-Spiele wie Super Mario oder Street Fighter thematisieren. 

Diese komplizierten und detailreichen Maschinen findet man kaum mehr in Kneipen oder Spielhallen. Deswegen kommen viele Besucher nach Neuwied. „Viele Eltern wollen ihren Kindern zeigen, wie echte Flipper aussehen, die kennen solche Spiele nur aus der Play-Station“, erzählt Hillenbrand. Auch viele Sammler oder Nostalgiker finden den Weg zum Museum, das ungefähr 5000 Besucher pro Jahr zählt. Um das Angebot noch mehr abzurunden, will Hillenbrand das erste deutsche Flipper-Hotel bald eröffnen. Drei thematische Zimmer nach beliebten Flipper-Motiven sind geplant: das verrückte Mittelalter, das Album von Elton John „Captain Fantastic“ oder High Speed, eine Verfolgungsjagd zwischen Polizei und einem Raser. Und selbstverständlich ist ein Flipper in jedem Zimmer. 
 
EXTRA
Das Flippermuseum

Öffnungszeiten: Sa + So von 14 - 18 Uhr, Preise: Erwachsene 5 Euro, Kinder bis 15 Jahre 3 Euro, Familien 10 Euro. Alle Eintritte inklusive fünf, drei bzw. zehn Freispiele. Das Flippermuseum „Extra-Ball“ ist in der Hermannstraße 9 in Neuwied.

Außergewöhnliches aus der Sammlung

Stark und riesig: Der größte Flipper ist Herkules. Die Kugel ist so groß wie eine Billardkugel.

Viele Bälle, hartes Spiel: Bis zu 13 Kugeln rollen auf dem Spielfeld des Flippers Apollo 13.

Ein Flipper will nach oben: „Banzai Run“ hat eine senkrechte Spielfläche, wo die Kugel mit einem Magnet hochgezogen wird.

Für Politiker kellnern: Bei Diner muss der Spieler Boris Jelzin oder Barbara Bush bewirten.