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Kalter Beton aus dem Kalten Krieg

(Bad Neuenahr-Ahrweiler) Ein Tag Geschichte zum Erleben: Die „Eifel-Bunker-Tour“ in Ahrweiler und Urft — Eine Zeitreise in zwei ehemals streng geheime Atombunker
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Rote Lampen blinken auf, ein altmodischer Hupton gibt Alarm, und dann setzt es sich in Bewegung: Ein großes rundes Betontor schiebt sich mit einem Knirschen und Knarren aus der Lücke in der Wand hervor. 25 Tonnen wiegt diese riesige meterdicke mit Metall ummantelte Scheibe. Und in nicht einmal zehn Sekunden ist der Gang, durch den wir eben gekommen sind, dicht. Kaum ist das Tor zu, da steigt in einem ein unangenehmes, mulmiges Gefühl aus der Bauchgegend hinauf. So ist es also, wenn man in einem Atombunker eingeschlossen wird.

Wir – eine Gruppe aus 50 Leuten – stehen nun im Inneren dessen, was noch vor 15 Jahren das größte Geheimnis der Bundesrepublik war – oder vielmehr sein sollte. Wir sind in der „Dienststelle Marienthal“ beziehungsweise in dem, was davon noch übrig ist. Einst befand sich hier bei Bad Neuenahr-Ahrweiler in der Eifel die größte Atombunkeranlage und zugleich das teuerste Bauwerk Deutschlands. Über mehr als 17 Kilometer erstreckte sich der Bunker durch eine ehemals als Eisenbahntunnel gedachte Röhre durch zwei Berge hindurch. Eigentlich hieß die streng geheime Anlage „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit (AdVB)“. Hier sollte die politische Führung Deutschlands überleben und weiterregieren, wäre der Kalte Krieg heiß geworden. Im Ernstfall hätte die Regierung hier 30 Tage autark überleben und arbeiten sollen – ohne Zugang zur verseuchten Außenwelt. Wie wir selbst merken: nichts für Leute mit Platzangst oder schwacher Psyche.
200 Meter sind übrig geblieben
 
Heute sind von den 17 Kilometern der Mega-Bunkeranlage knapp 200 Meter erhalten, der Rest wurde nach 1997, als der Bunker aufgegeben wurde, zurückgebaut.
Diese 200 Meter sind heute ein Museum, die „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ – und die erste Station unserer geführten Eifel-Bunker-Tour. An diesem Sonntag soll es nach dem Ahrweiler Bunker noch weitergehen. Per Bus ins 45 Minuten entfernte Urft in einen zweiten Bunker.
Aber erst einmal ist dieser hier dran. Jörg Diester – ein etwa 1,90-Meter-Mann um die 40 mit dunklen, glatten Haaren mit Seitenscheitel, der die Aufarbeitung der Bunkergeschichte betreut hat und immer noch betreut – führt in einer neongelben Allwetterjacke die eine Hälfte unserer Gruppe durch die unterirdische Röhre. Wir müssen uns etwas beeilen. Eher schnell und kurz angebunden schleppt er uns durch die Gänge und Räume.

Kanzlers Schlafzimmer tief unter der Erde

Die großen Drucktore, die nachgebaute Kommandozentrale, das nachgestellte Bundeskanzler-Schlafzimmer – trotz des fast zweistündigen Programms geht alles irgendwie sehr schnell. Nachfragen beantwortet Jörg Diester zwar gerne und kompetent, aber er muss immer auf die Uhr schauen. Parallel zu unseren beiden Gruppen sind noch weitere Führungen im Bunker unterwegs, hier und da knubbelt es sich. So werden wir etwas zu zügig durch den Bunker geschleust, würden uns hier und da gerne mehr Details ansehen. Und dann gehen wir durch eine Tür – auf einmal ist der enge Bunkergang gar nicht mehr eng. Wir stehen schon am Ende des Museums und vor einem großen Gitter mit Blick in einen langen, leeren Betontunnel – beeindruckend. Hier ginge es theoretisch in den Rest der 17-Kilometer-Röhre durch den Berg. Vom Bunker ist hier aber nichts mehr übrig.

Etwas mehr als eine Stunde später: Wir sind gerade im Reisebus von Ahrweiler bis nach Urft, einem 300-Seelen-Örtchen in der nordrhein-westfälischen Eifel, gefahren – haben unterwegs Brötchen, Apfel und Joghurt aus einem Lunchpaket gegessen und einen Film über die Ahrweiler Anlage gesehen. Wir biegen hinter dem Dorf links in einen asphaltierten Waldweg ein. An einer offenen Schranke vorbei durch ein offenes Metalltor auf den Hof eines umzäunten Grundstücks mit 60er-Jahre Wohnhaus und Doppelgarage am mit Wald bewachsenen Hang. Hier ist er: Bunker Nummer zwei – der frühere Ausweichsitz der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Man erkennt das grün angestrichene Bauwerk oben im Wald – wenn man weiß, dass es da ist.

Wieder teilen wir uns auf, diesmal in drei Gruppen. Dr. Claus Röhling lädt uns ein: Er heißt uns in der dunklen Doppelgarage willkommen, erklärt uns „noch einmal“, was in der vergangenen Stunde passiert ist: Wir, die Mitarbeiter des Katastrophenschutzreferats des Innenministeriums, wurden aus dem Dienstsitz in Düsseldorf hierhergebracht – die Warnung, dass Kräfte des Warschauer Pakts Atombomben auf Deutschland abwerfen würden, ist wahr geworden: Soeben sind im Ruhrgebiet die ersten Bomben gefallen. „Ihre Aufgabe ist es nun, die Organisation des Katastrophenschutzes im Land aufrechtzuerhalten. Ich weise Sie nun in Ihre Arbeitsplätze ein“, sagt Röhling – wie Diester in neongelber Jacke. Und dann führt er uns eine Betontreppe hinter der Garage am Hang hinauf zum eigentlichen Bunker-Eingang.

Ganz so ernst und starr ist es natürlich nicht, was Röhling mit uns macht – es gibt zunächst einen Einblick in die Technik, noch vor dem eigentlichen Eingang ins Bunkerinnere. Dafür wäre im Ernstfall natürlich keine Zeit geblieben. Aber in den kommenden zwei Stunden wird er uns immer wieder selbst erleben lassen, wie die Verantwortlichen im Bunker hätten arbeiten müssen, welche Entscheidungen sie hätten treffen müssen, wäre tatsächlich die Atombombe gefallen. Städte evakuieren oder nicht? Hunderttausende Menschen im verseuchten Gebiet evakuieren? Oder doch sterben lassen, um andere vielleicht retten zu können? Die Führung durch diesen Bunker ist dank Röhling einerseits beeindruckend und hochinteressant, andererseits immer wieder sehr emotional.
 
Es wird kalt: sechs Grad
 
Dieser Bunker ist dabei ganz anders als der zuvor in Ahrweiler. Es ist ein in den Berg gegossener Stahl-Beton-Klotz, dessen Räume über mehrere Etagen verteilt sind. Hier ist so gut wie alles noch im Originalzustand, fast alles funktioniert noch. Und er ist deutlich kleiner als das ehemalige Mega-Bauwerk Marienthal. Hier in Urft hätten nur 300 statt 3000 Menschen unterkommen sollen.

Diese zweite Station der Eifel-Bunker-Tour ist die weitaus interessantere. Und die kältere. Im untersten Stockwerk des Bunkers, zum Beispiel im Raum mit den beiden Notstrom-Generatoren, herrschen gerade einmal sechs Grad über Null. Auch bei Außentemperaturen von 20 Grad und mehr sind hier eine dicke Jacke und vor allem lange Hosen Pflicht, das bekommen einige unserer Gruppe, die die Hinweise bei der Anmeldung wohl nicht verinnerlicht hatten, zu spüren.

Und nach der ausgiebigen Führung freut man sich, wenn man die Treppe wieder hinuntergeht und es angenehm warm wird – zum Glück ist der Kalte Krieg längst Geschichte.
Mit dem Bus geht es zurück nach Ahrweiler. Hier ist das Ende unserer Tagestour, die uns am Abend in den Knochen steckt.


Service

Die Eifel-Bunker-Tour  des Vereins Ahrtal-Tourismus und der Handwerkskammer Koblenz ist im Jahr 2012 noch zweimal geplant: am Sonntag, 24. Juni und Sonntag, 28. Oktober. Bei entsprechender Nachfrage ist eine zusätzliche Tour grundsätzlich möglich. Die Tour beinhaltet die Führung durch die Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Ahrweiler, die Führung durch die Dokumentationsstätte Ausweichsitz NRW in Urft, die Busfahrt (mit Filmvorführung) von Ahrweiler nach Urft und zurück sowie ein Lunchpaket als Verpflegung. Karten kosten 48 Euro (Ermäßigt: 40 Euro, Kinder bis 16 Jahre: 32 Euro, Familienkarte: 120 Euro). Die Tour dauert etwa sieben Stunden (Beginn: 10 Uhr) und ist nicht für Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit oder Platzangst geeignet.

Eine verbindliche Anmeldung ist erforderlich. Die Bunker können auch einzeln besichtigt werden.

Infos: www.ausweichsitz.de („Aktuelles“), www.regbu.de, www.ausweichsitz-nrw.de (Urft).




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