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Neue Ausstellungen im Mudam: Fünf Künstler, fünf Extreme

(Luxemburg) Überraschende Einsichten: Tagestour zum Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean in Luxemburg. Dort finden momentan fünf Ausstellungen statt, jede polarisiert auf ihre Weise. Eine schwangere Statue sorgte dieses Jahr nicht für einen Skandal.
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Wir fangen direkt mit einem Extrem an“, sagt Stina Fisch. Sie steht mit einer kleinen Gruppe von Museumsbesuchern im Eingang des Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean (Mudam) in Luxemburg. Eine Stunde lang führt die junge Frau die Besucher durch die fünf neuen Ausstellungen, die im Juni in dem Museum für moderne Kunst begonnen haben.

Schwangere Statue: Zu Beginn der Führung wandern die Blicke der Besucher fast zwangsläufig nach oben. In der Grand Hall („Große Halle“), dem höchsten, lichtdurchfluteten Raum des Museums, steht die „Lady Rosa of Luxembourg“ der Künstlerin Sanja Ivekovic. Die Kroatin ist eine streitbare Künstlerin. „Man findet bei ihr nie wirklich Antworten, sondern fast nur Fragen“, sagt Stina Fisch. „Die Statue hat im Jahr 2001, als sie zum ersten Mal in Luxemburg ausgestellt wurde, heftige Reaktionen ausgelöst“, erklärt sie. Der Grund: Die „Lady Rosa“ orientiert sich am Monument du Souvenir, auf dessen Spitze die Gëlle Fra steht. Es erinnert an die Luxemburger, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind und steht für Frieden und Vaterlandsliebe.

Ivekovics Lady Rosa of Luxembourg hingegen hat ein anderes Thema: Ihre Lady ist schwanger, auf dem Sockel der Statue stehen klischeehafte und teils beleidigende Worte zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Auf dem Boden liegen zerknüllte Papierzettel, auf denen Frauenrechte niedergeschrieben sind. Die Besucher können die Zettel aufheben, lesen, mitnehmen. „Die meisten legen die Zettel aber wieder auf den Boden“, sagt Stina Fisch.
Vor elf Jahren wurde Ivekovics Werk zum ersten Mal in Luxemburg ausgestellt. Was damals für eine große öffentliche Kontroverse sorgte, wurde im Vorfeld der jetzigen Ausstellung am Rande thematisiert. „So ändert sich die Wahrnehmung“, sagt Stina Fisch. Weiter geht es zu den anderen Werken der Künstlerin, die sich sowohl mit feministischen als auch mit politischen Themen beschäftigt hat – und mit der Schnittmenge. So hat sie für die Werkreihe „Women’s House“ Werbefotos von Models mit neuen Sonnenbrillen vergrößert und Texte von Frauen dazugestellt, die in einem Frauenhaus leben. „Dadurch entsteht ein starker Kontrast, wieder ein Extrem“, erklärt Stina Fisch.

Aufgehängte Elefanten: Ein anderes Extrem erleben die Besucher auch in den Räumen, in denen die Zeichnungen von Steven C. Harvey hängen. „Vehicles“ heißt die Ausstellung, und Fahrzeuge sind tatsächlich auf den detailreichen Bleistiftzeichnungen des gebürtigen Engländers zu sehen. Stina Fisch lässt die Besucher in Ruhe die Bilder betrachten. Auf den ersten Blick sind darauf futuristisch anmutende Fortbewegungsmittel zu sehen, Visionen für die Zukunft. Erst auf den zweiten Blick erschließen sich die verstörenden Details der Bilder: Da werden Wale aufgespießt, hängen Elefanten und Giraffen aus Flugzeugbäuchen. „Man sieht regelrecht alptraumhafte Szenen“, kommentiert Stina Fisch. Es ist eine düstere, surreale Welt, die Steven C. Harvey entwirft. Die Zukunft erscheint als ein Alptraum aus monströsen, übermächtigen Maschinen, die den Lauf der Welt bestimmen. Menschen und Tiere sind nur unwichtiges Beiwerk, das im wahrsten Sinne des Wortes allmählich unter die Räder kommt.

Kunst aus Papierschnipseln: Weiter geht es in den nächsten Raum des Museums, wo die Werke von Simon Evans ausgestellt sind. Aber Simon Evans ist nicht nur Simon Evans. „Der Künstler arbeitet teilweise gemeinsam mit seiner Frau“, erklärt Stina Fisch. Die grafischen Kompositionen bestehen neben Zeichnungen aus kleinen, handbeschriebenen Papierzetteln, auf denen Worte und Satzfragmente in ein eigenartiges und manchmal skurriles Universum entführen. Simon Evans malt oder zeichnet seine Bilder nicht, er schreibt sie vielmehr. Der englische Künstler war professioneller Skateboarder, bevor er anfing, Kurzgeschichten zu verfassen, um sich schließlich mit seinen grafischen Arbeiten der Bildenden Kunst zuzuwenden. Die Bilder in der Ausstellung „How to be alone when you live with someone“ sind Listen und Inventare, Diagramme und Enzyklopädien – und zwar ganz persönliche. Das bedeutet aber auch, dass sie assoziativ, ohne Zusammenhang und oft absurd sind. Es ist der Versuch, ein wenig Ordnung in die Welt zu bringen und in ihr Bedeutung zu erkennen.

Portugiesische Geschichte: Eng verknüpft mit ihrer persönlichen Geschichte sind auch die Filme von Filipa César. Ihre portugiesische Heimat wird zum Thema ihrer Kunst, die dokumentarischen Charakter hat und dennoch sehr subjektiv ist. Die Ausstellung mit dem Titel „1975“ beinhaltet drei Filme, die sich mit unterschiedlichen Aspekten des Endes der Salazar-Diktatur Mitte der 1970er Jahre beschäftigen. So zeigt der Film „Le Passeur“ das in der Nähe der nordportugiesischen Klein?stadt Melgaco verlaufende Grenzflüsschen in Nahaufnahme. Aus dem Off sind die Stimmen von vier Schleusern zu hören, die in den 1960er und 1970er Jahren illegal politische Gegner des diktatorischen Regimes über die Grenze gebracht haben. Sie sind Freunde der Familie der Künstlerin.

Japanischer Urwald: Eine andere Welt betritt man auch in der Ausstellung der britischen Künstlerin Emily Bates. „The sky is glowing with the setting sun“ ist eine Installation aus Fotografien, Videos und Klangelementen. Die Künstlerin stellt Bilder des Urwalds einer japanischen Insel und Porträts von zwei Traditionswächterinnen nebeneinander. Emily Bates erforscht diese Welt, dokumentiert, was sie sieht und poetisiert es. Dabei geht es ihr um die Frage nach der Beziehung zwischen Mensch und Natur.

EXTRA
Das Muséed’Art Moderne Grand-Duc Jean (Mudam) liegt auf dem Kirchberg der Stadt Luxemburg (Adresse: 3,Park Dräi Eechelen, 1499Luxembourg). Parken ist im Parkhaus Trois Glands möglich. Das Museum ist mittwochs bis freitags von 11 bis 20 Uhr, samstags bis montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet und dienstags geschlossen. Erwachsene zahlen fünf Euro Eintritt, ermäßigt (Besucher unter 26 Jahre und über 60 Jahre, Gruppen) drei Euro. Besucher, die jünger als 21 Jahre sind oder Studenten unter 26 Jahre können die Ausstellungen mittwochs zwischen 18 und 20 Uhr gratis besuchen. Jeden Sonntag um 15 Uhr findet eine deutschsprachige Führung durch die Ausstellung statt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.mudam.lu


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