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Rätselhaftes hinter Mauern aus Kalk und Glas

(Luxemburg) Das Museum für Moderne Kunst in Luxemburg bietet interessante Ein- und bestechende Ausblicke
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Bereits die Anfahrt zum Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, dem Museum für moderne Kunst der Stadt Luxemburg, ist imposant. Kommt man mit dem Auto aus Richtung Trier den Kirchberg hinab, bauen sich die Gebäude des Europäischen Viertels beeindruckend vor einem auf. Schon von fern sieht man die beiden Türme der Porte de l'Europe silbergrau am Horizont glänzen. Wie mächtige Brückenpfeiler begrenzen sie die Avenue John F. Kennedy zu beiden Seiten.

Das Musée d'Art Moderne, kurz Mudam, wird man jedoch erst gewahr, wenn man die Avenue nach links verlässt und durch einen Tunnel fährt. Denn die Sicht auf das Gebäude am Fuß des internationalen Konferenz- und Kongresszentrums wird durch das Bâtiment Robert Schuman und Christian de Portzamparcs wuchtige Philharmonie mit ihren 20 Meter hohen weißen Säulen verdeckt. Hat man den Tunnel durchfahren, bietet sich einem ein nicht minder imposanter Anblick. Hinter einem Teppich aus mannshohen Laub- und Nadelbäumen liegt das Mudam inmitten des Parks "Dräi Eechelen" ("Drei Eicheln").

Bau aus Kalk und Glas

Das Museum mutet wie eine Festung an. Aus massiven honigfarbenem Kalksteinblöcken ragen zwei gläserne Türme hervor. Die Fenster an der Front erinnern an überdimensionierte Schießscharten. Der Zugang zum Museum führt über zwei Brücken, die Gräben überspannen. Geht man an der Ostseite des Museums entlang, erschließt sich einem schnell der Grund für die außergewöhnliche Architektur. Am südlichen Ende des Mudam fügt sich beinahe nahtlos das Fort Thüngen an.
In diese von den Österreichern zwischen 1732 und 1733 errichtete und 1836 bis 1837 von den Preußen umgebaute Befestigungsanlage, auf deren Überresten das Museum für moderne Kunst teilweise fußt, fügt sich das Gebäude perfekt ein. Architekt Ieoh Ming Pei hat es von 1999 bis 2006 auf einer Fläche von 10 000 Quadratmetern errichtet. Rund 4800 Quadratmeter davon stehen dem Museum als Ausstellungsfläche zur Verfügung. Durch die großen Glasfassaden und Fenster fällt nicht nur ausreichend Licht in die Säle, der Besucher erhält auch interessante Einblicke in die Befestigungsanlage und bestechende Ausblicke auf die Stadt.

Enorme Ausmaße

Vom Eingangsbereich bei der Kasse gelangt man direkt in die große Halle. Mit ihren 33 Metern Höhe bietet sie Platz für Kunstwerke von ungewöhnlichem Ausmaß. Noch bis zum 11. September ist dort Pascale Marthine Tayous "Home Sweet Home" zu sehen. Die sieben Meter hohe Installation, die der Kameruner eigens für seine Ausstellung im Mudam angefertigt hat, erinnert an ein auf Stelzen gestelltes, riesiges Nest, in dem zahlreiche Vogelkäfige, afrikanische Holzfiguren, Kabel und Kopfhörer hängen. Typisch für den im belgischen Gent lebenden Tayou ist die Verbindung afrikanischer und europäischer Elemente. "In seiner Kunst versucht Tayou Kulturen zusammenzubringen. Die Verknüpfung seiner afrikanischen Wurzeln mit Eindrücken seiner europäischen Lebenswirklichkeit ist zentrales Thema", sagt Stina Fisch, Kunstvermittlerin des Museums.
Sowohl in "Home Sweet Home" als auch in den anderen ausgestellten Werken fällt die Verwendung von scheinbar wertlosen Materialien auf. Tayou benutzt Plastiktüten, Stofffetzen, Altkleider, Ramsch und Müll. Aus Dingen, die Bewohner der westlichen Industrienationen achtlos wegwerfen, baut er Türme oder formt afrikanische Puppen. Laut eigener Aussage geht es dem Künstler dabei um die "Befragung der Vorstellungshorizonte unserer Welt des Konsums".
Bereits benutztes Material bildet auch für den Engländer John Stezaker den Ausgangspunkt seiner Arbeit. Der 1949 in Worcester geborene Künstler verwendet in seinen Werken Filmstandbilder, antiquarische Schauspielerfotos, Bilder aus gebrauchten Büchern und alte Postkartenmotive. Daraus montiert er Collagen, die er gegenüber dem Ausgangsmaterial nur minimal verändert. Der Effekt ist genauso verblüffend wie simpel: Der Betrachter muss zweimal hinsehen, um zu erkennen, was auf Stezakers Bildern vor sich geht. In "The Fall IX" aus dem Jahr 2010 hat Stezaker beispielsweise die Rückansichten eines weiblichen und männlichen Aktes zu einem einzigen verbunden. Schon von weitem sieht man, dass an dem Foto etwas nicht stimmt. Stezaker arbeitet jedoch so präzise, dass man erst auf den zweiten Blick erkennt, dass in der Collage nicht nur zwei verschiedene Personen, sondern auch zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts abgebildet sind.

Minimalistischer Spaß

Das Spiel mit der Wahrnehmung, das Rütteln an Sehgewohnheiten setzt sich auch in den anderen Ausstellungstücken fort. In der Serie "Sublime" schränkt Stezaker die Wahl des Bildausschnitts bewusst ein, in "Tabula Rasa" schneidet er das Entscheidende einfach aus, in "Mask" überklebt er Gesichter von Schauspielern mit Postkarten. Trotz oder gerade wegen ihres Minimalismus machen John Stezakers Collagen ungemein Spaß, haben etwas Ungewohntes und Rätselhaftes an sich.
Rätsel gibt auch die Ausstellung des walisischen Künstlers Mac Adams auf. Seine Fotografien und Installationen erzählen kurze Geschichten, die den wichtigsten Moment aussparen. Der Betrachter sieht lediglich das Davor und Danach. Was dazwischen geschehen ist, muss er selbst rekonstruieren. Durch Andeutungen und Motive aus der Kriminalliteratur gelingt es Mac Adams, dass das Kino im Kopf des Museumsbesuchers sofort anspringt. Obwohl in seinen Installationen "Passenger" und "The Bathroom" keine Personen vorkommen, nimmt man die darin gezeigten Räume sofort als Tatorte von Verbrechen wahr. Das verwüstete Badezimmer in "The Bathroom", ein durchwühlter Rucksack und zwei verlorene Damenschuhe auf freiem Feld in "Passenger" lassen scheinbar keinen Zweifel zu. Geschickt spielt Mac Adams dabei mit den Assoziationen der Besucher, die durch stereotype Bilder aus den Medien vorgeprägt sind. Ein genaueres Hinsehen kann hier nicht schaden und regt zur Reflexion über die eigene Wahrnehmung an.
Wer nach all den Beanspruchungen an den Sehapparat seine Blicke erst einmal schweifen lassen möchte, dem sei nach dem Museumsbesuch ein Spaziergang auf dem Vauban-Rundweg empfohlen. Die Route führt vom Mudam in die Stadt und gewährt weitere Einblicke in die Überreste der alten Befestigungsanlage.

Falk Straub

SERVICE

Öffnungszeiten: Das Mudam ist von Mittwoch bis Freitag von 11 bis 20 Uhr und von Samstag bis Montag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Dienstags ist das Museum geschlossen.

Eintrittspreise: Erwachsene zahlen fünf Euro. Personen, die jünger als 26 Jahre oder älter als 60 Jahre sind, zahlen drei Euro. Für Gruppen mit mindestens 15 Personen beträgt der Eintritt ebenfalls drei Euro pro Person. Für Jugendliche unter 18 Jahren ist der Eintritt mittwochs von 18 bis 20 Uhr frei.

Führungen: Das Mudam bietet regelmäßig Führungen in verschiedenen Sprachen an. Kostenlose Führungen für Kleingruppen (maximal fünf Personen) auf Deutsch gibt es immer sonntags um 15 Uhr. Reservierung ist nicht erforderlich. Für Gruppen bis maximal 20 Personen hat das Mudam vier Führungen im Angebot. Die Preise variieren je nach Dauer der Führung. Eine Anmeldung ist unter Telefon 00352/453785531 oder per E-Mail an visites@mudam.lu möglich.

Anreise: Für Besucher, die mit dem Auto anreisen, steht in der Rue du Fort Thüngen das kostenpflichtige Parkhaus Trois Glands zur Verfügung. Bahnreisende fahren vom Hauptbahnhof mit den Bussen der Linien 1, 13, 16 oder Eurobus bis zur Haltestelle Philharmonie/Mudam. Am Bahnhof besteht außerdem die Möglichkeit, Fahrräder zu mieten. Diese können ebenfalls an der Haltestelle Philharmonie/Mudam abgestellt werden.

Gastronomie: Das Café Mudam hat neben Kuchen und anderen Kleinigkeiten einen umfangreichen Mittagstisch von 12 bis 15 Uhr im Angebot. Samstags und sonntags findet von 11 bis 15 Uhr ein Brunch statt. Hierfür empfiehlt sich eine Reservierung. Kontakt: Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, 3, Park Dräi Eechelen, L-1499 Luxembourg; Telefon: 00352/4537851; E-Mail: info@mudam.lu; Internet: www.mudam.lu

Weitere Ausstellungen: "Walking Through…" im ersten Obergeschoss vereint Werke aus der Sammlung des Museums, die sich mit dem Thema Landschaft auseinandersetzen. Im Untergeschoss befinden sich Melvin Motis "The Inner Self in Outer Space" und die Ausstellung "Out of Storage III: Replay". Melvin Moti behandelt die Themen Sehen, Bemerken und Übersehen. fas

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