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Unterwegs in Hitlers Kaderschmiede

(Schleiden-Gemünd) Portal zum Nationalpark und Museum statt Kaderschmiede der Nationalsozialisten: Was man heute auf der Ordensburg Vogelsang in der Eifel erleben kann, hat mit ihrem ursprünglichen Zweck nichts mehr zu tun.
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Es wird wohl nie ganz verschwinden. Dieses Gefühl, das man empfindet, wenn man sich über die breiten asphaltierten Panzerstraßen der ehemaligen Ordensburg Vogelsang bei Gemünd in der nordrhein-westfälischen Eifel nähert. Von den Hauptverkehrsadern durch den Nationalpark zunächst nicht zu sehen, erhebt sich das Bauwerk aus der Zeit des Nationalsozialismus inmitten der sonst so friedlich anmutenden Natur der Eifel. Doch hier, auf Burg Vogelsang, wird man es nicht los, dieses Gefühl von militärischer Strenge, von Krieg, von Faschismus.

Vogelsang, erbaut nach Plänen des Kölner Architekten Clemens Klotz, ist eine von insgesamt drei Stätten, die der Diktator Adolf Hitler als Kaderschmieden für die zukünftige Partei-Elite der NSDAP errichten ließ. 500 junge Männer wurden hier in den Fächern Sport, Außenpolitik und Rassenlehre unterrichtet. Auch nach dem Ende der Nazizeit blieb Vogelsang ein Ort der militärischen Ausbildung. Denn als der Zweite Weltkrieg beendet war, wurde das Areal zum internationalen Truppenübungsplatz, der bis 2005 unter belgischer Verwaltung stand.

„Und das, obwohl die Amerikaner 1945 das Gelände eigentlich dem Erdboden gleichmachen wollten. Die entsetzliche Ideologie der Nationalsozialisten war einfach allgegenwärtig“, erzählt Heike Lützenkirchen einer Gruppe von Touristen, die sich an einem Samstagnachmittag im Besucherzentrum eingefunden haben.
Aufmerksam lauschen die Besucher den Worten der sympathischen Frau, die die Architektur und Geschichte der weitläufigen Anlage anschaulich erläutert. Lützenkirchen ist eine der Referenten der Gesellschaft Vogelsang Internationaler Platz (ip), die tägliche Führungen über das Vogelsang-Gelände anbietet.

Wo sich 75 Jahre zuvor Männer einer rassenideologischen Gehirnwäsche unterziehen ließen, ist bis heute eine der wichtigsten Anlaufstellen für Wanderer und Naturfreunde entstanden. Wo früher das Hakenkreuz zu sehen war, prangt heute das farbenfrohe Banner des Nationalparks.
 
Auch sonst ist von den Nationalsozialisten wenig übrig geblieben in Vogelsang. Die Kulthalle war eine Art Versammlungsraum, der auch als Kirchenersatz für feierliche Anlässe diente. Hier wurden beispielsweise auch Hochzeiten gefeiert. „Die Nazis sahen es gar nicht gerne, wenn ihre Soldaten zur Messe in die umliegenden Gemeinden gingen“, erklärt Heike Lützenkirchen.
 Doch die Kulthalle ist, wie so vieles auf Vogelsang, längst Geschichte: Dort, wo eine Skulptur den „neuen deutschen Menschen“ darstellte, im Inneren des 48 Meter hohen Turms, ist heute ein leerer Raum. „Hier haben die Belgier eine Kletterhalle für ihre Soldaten reingebaut, ganz pragmatisch“, erklärt Björn Troll, Sprecher der Vogelsang ip. Auf das Hakenkreuz-Mosaik im Boden habe man einfach Schutt und Fußmatten gelegt, um es zu verdecken. Wer einen Blick in die alte Kulthalle werfen will, muss an einer speziellen Führung teilnehmen.

Zu sehen ist jedoch noch der Fackelträger – ein sechs Meter hohes Halbrelief, das am Sonnenwendplatz auf halber Höhe der Anlage steht. Die mittlerweile arg ramponierte Figur sollte die erwachsenen – und ausschließlich männlichen – Schüler aus Vogelsang daran erinnern, was sie einmal sein würden – Handlanger des Führers, für den sie in den Krieg ziehen.
 Der martialische Fackelträger hat von seinem Standort aus die komplette Anlage im Blick: Von der Ordensburg auf dem Plateau bis zu den Sportstätten, die den Hang hinunter in Richtung Urftsee liegen. Es gibt einen Tennisplatz, eine Laufbahn und eine Turnhalle. Die Schwimmhalle wird sogar noch heute genutzt.
Die traurige Geschichte
eines Nachbardorfs
 
„Erschreckend sind aber nicht nur die fertigen Bauten der Nazis, sondern das, was hier nach deren Vorstellungen noch alles hätte entstehen sollen“, sagt Karin Lützenkirchen und zeigt ihrer Gruppe eine Bauskizze. Darauf zu sehen ist das „Haus des Wissens“, ein gigantischer Bau von 100 Metern Höhe, der bis Köln zu sehen gewesen wäre. „Das hat schon Akropolis-Ausmaße“, sagt Lützenkirchen.
Eine traurige Geschichte, die ganz eng mit der Ordensburg Vogelsang zusammenhängt, ist die des Dorfs Wollseifen, wenige Kilometer von Vogelsang entfernt. Dort lebt niemand mehr. Fürchteten die Dorfbewohner während des Kriegs vor allem die Bomben der Alliierten, wurden sie nach Kriegsende zwangsumgesiedelt. Das Eifeldorf – ihre Heimat, wurde in den Truppenübungsplatz der Belgier integriert. Hier, auch in der Kirche, trainierten die Soldaten den Häuserkampf.

Viele der Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, stattdessen fenster- und schmucklose Rohbauten zu Trainingszwecken errichtet. Jedoch die alte Kirche, die auch mittlerweile unter Denkmalschutz steht, ist erhalten. Wer von Vogelsang aus eine Wanderung nach Wollseifen plant, sollte etwa drei Stunden für den Hin- und Rückweg einplanen.

EXTRA: Alle zwei Wochen freitags stellt die Volksfreund-Redaktion lohnenswerte Ziele der Region als Tagestour vor.


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