Crowdfunding als Finanzierungsform: Mit dem Sockel der Freiheitsstatue hat es angefangen
Viele Menschen finanzieren mit kleinen Anteilen ein Projekt und erhalten dafür eine Prämie. Dieser neue Trend auf speziellen Internetplattformen wird Schwarmfinanzierung oder Crowdfunding genannt. Das Berliner Institut für Kommunikation in sozialen Medien (Ikosom) untersucht solche neuen wirtschaftlichen Entwicklungen. TV-Mitarbeiterin Verena Schüller hat mit Geschäftsführer Karsten Wenzlaff darüber gesprochen.
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Karsten Wenzlaff
Für alle, die den Begriff noch nicht kennen: Was ist Crowdfunding, zu Deutsch Schwarmfinanzierung?
Wenzlaff: Crowdfunding ist ein Teil von Crowdsourcing. Beim Crowdsourcing geht es darum,
die Unterstützer oder Fans in ein interessantes Projekt einzubinden – mit deren Wissen, Zeit oder Geld. Beim Crowdfunding geht es darum, via Internet deren Geld für ein gemeinsames, noch zu realisierendes Projekt einzusammeln und ihnen dann bei Erfolg eine sogenannte Prämie zurückzugeben.
Der Begriff taucht erst seit einigen Jahren häufiger auf und erst seit kurzem in Deutschland. Woher
kommt die Idee?
Wenzlaff: Eigentlich gibt es das schon sehr lange. Zwar ging erst 2006 mit „SellaBand“ die erste deutschsprachige Crowdfunding-Plattform an den Start. Aber das Prinzip ist eigentlich viel älter: Beim Reclam-Verlag sorgten Leser schon im 18. Jahrhundert über kleine Spenden dafür, dass bestimmte Bücher publiziert werden konnten. Und auch der Sockel der Freiheitsstatue ist von zahlreichen Ein-?Dollar-Geldgebern bezahlt worden. Demnach ist Crowdfunding eigentlich kein neues Phänomen. Durch das Internet ist das nun populär geworden, weil viel mehr Leute Zugang zum Crowdfunding haben und es viel einfacher geworden ist.
Um welche Summen geht es denn im Durchschnitt?
Wenzlaff: Wir haben herausgefunden, dass der durchschnittliche Crowdfunder fast 90 Euro ausgibt, was eigentlich schon sehr hoch ist. Prinzipiell geht man von Kleinstbeträgen, sogenannten Micropayments bis 20 Euro, aus. Aber das ist beim Crowdfunding nicht der Fall. Da geben die Leute viel Geld, wenn sie Projekte gut finden, sogar viel mehr, als sie an materieller Gegenleistung erhalten. Ein Beispiel: Bei der Finanzierung eines Musikalbums erhalten die Crowdfunder normalerweise ebendieses als Gegenwert. Dabei geben sie aber häufig 20, 30 Euro, um am Ende eine CD zu erhalten, die sie vielleicht für neun Euro später kaufen könnten.
Und welche Motivation steckt dann dahinter?
Wenzlaff: Es geht den Crowdfundern um mehr als nur um das Mitfinanzieren. Sie möchten an dem Projekt teilhaben und als Fans ein Stück weit das Produkt mitbestimmen. Da gibt es eine Vielzahl an Punkten, die den Menschen beim Crowdfunding wichtig sind.
Ist eine solche Art der Finanzierung, die über Internetplattformen läuft, nicht sehr risikoreich?
Wenzlaff: Wenn ein Projekt nicht umgesetzt wird, garantieren die Plattformen, dass die Crowdfunder ihr Geld zurückerhalten. Das funktioniert wie ein Kaufvertrag, weil es ja auch eine Gegenleistung gibt. Wenn die angepeilte Summe also nicht zusammen kommt, wird das Geld wieder an die Investoren zurückgegeben. Da brauchen die Nutzer also keine Sorge haben. Ich habe auch noch keine Betrugsfälle erlebt, also dass beispielsweise die Prämie nicht ausgezahlt worden wäre. Beim Crowdfunding stehen die Personen mit ihrem Gesicht und ihrem Namen für das Projekt ein, daher ist das Risiko sehr gering.
Wenn ich nun eine Idee hätte, die ich realisieren möchte. Wie sollte ich vorgehen, um sie via Crowdfunding zu finanzieren?
Wenzlaff: Die Frage ist zuerst, wie kann ich die Leute erreichen. Man sollte sich also über Facebook oder eventuell einen Newsletter schon einen Verteiler aufbauen. Hinzu kommen Punkte wie Steuern und Abgaben, über die man sich informieren muss. Zurzeit gibt es fünf Plattformen für die Kreativwirtschaft: VisionBakery, pling, startnext, inkubato und mySherpas, bei denen man sich dann anmelden und sein Projekt einstellen kann. Für das Crowdfunding gibt es beispielsweise Seedmatch oder Innovestment. Ich rate denen, die Crowdfunding ausprobieren möchten, einfach erst einmal selbst ein Projekt zu unterstützen, um auch zu merken, für welche Projekte und Plattformen man empfänglich ist und? wo man sich am wohlsten fühlt.
Noch unbekannte Bands finanzieren ihre Debütalben beispielsweise durch Crowdfunding. Warum ist diese Art der Finanzierung vor allem in der Kreativwirtschaft so gefragt?
Wenzlaff: In den USA liegt das an der geringen öffentlichen Kulturförderung, deswegen muss dort vieles über privates Mäzenatentum finanziert werden. Da ist das Crowdfunding eine gute Alternative für diejenigen, die keine millionenschweren Sponsoren haben. In Deutschland wird der Bedarf aber auch immer größer, vor allem bei Nischenprojekten, die nicht öffentlich gefördert werden. Davon abgesehen können sich Künstler über Crowdfunding direkt an ihre Fans wenden, das wiederum setzt aber Produktionsfirmen oder Verlage unter Druck. Viele Künstler aber sagen, dass sie den direkten Kontakt zu ihren Fans vermissen. Beim Crowdfunding lassen sie dann zum Beispiel ihre Fans darüber abstimmen, welche Titel in welcher Reihenfolge auf das Album kommen. Viele Künstler freuen sich über dieses unmittelbare Feedback von ihren Fans.
Ein bekanntes Beispiel für das Crowdfunding ist der geplante Kinofilm zur Fernsehserie „Stromberg“, das die Kölner Produktionsfirma Brainpool Ende 2011 startete. Aber wie kann eine Million in wenigen Tagen zusammenkommen?
Wenzlaff: Dieses Projekt ist ja nicht auf einer Crowdfunding-Plattform eingestellt worden, deswegen
ist das nicht ganz so transparent, wie die Million zusammengekommen ist. Es ist aber eine Mischung aus einer Marketingaktion und einer Finanzierungsform gewesen. Denn die Produktionsfirma hätte den Film sicher auch finanzieren können, ohne die Fans zu involvieren. Dadurch wird der Film, wenn er später in den Kinos läuft, aber auch erfolgreicher sein. Insofern ist das eine spezielle Aktion gewesen.
Welche Beispiele gibt es denn außerhalb der Kreativindustrie für Crowdfunding?
Wenzlaff: Zurzeit entwickelt sich Crowdfunding in allen Bereichen sehr stark. Beim Crowdinvesting zum Beispiel können sich Startups finanzieren. Dort kommen manchmal innerhalb von wenigen Minuten sechsstellige Summen zusammen, weil so viele mit kleinen Beträgen zu Investoren werden. Es ist sehr spannend, dass das für diesen Zweck auch funktioniert. Es gibt aber auch Crowdfunding im Bereich Tourismus, bei Kneipen und Festivals – es gibt eigentlich keine Grenzen, weil es in allen Bereichen schon erfolgreiche Crowdfundingprojekte gibt.
Wie viele Projekte sind denn in Deutschland schon über das Crowdfunding finanziert worden?
Wenzlaff: Wir haben im April 2011 erstmals die Zahlen erhoben – da war es eine halbe Million Euro, die über Crowdfunding eingenommen wurde. Im August vergangenen Jahres war es bereits eine Million und inzwischen sind wir sicher bei zwei, drei Millionen Euro, die allein auf den Plattformen in Deutschland umgesetzt worden sind. Das sind ungefähr 700, 800 erfolgreich finanzierte Projekte plus noch mal so viele, die nicht umgesetzt wurden. Zurzeit entstehen aber auch noch viele neue Plattformen, zum Beispiel eigens für Computerspiele.
Ein Ausblick: Wohin könnte diese neue wirtschaftliche Entwicklung führen? Was erwarten Sie für die nächsten Jahre?
Wenzlaff: Die Anzahl der Projekte und der Unterstützer entwickelt sich gerade sehr schnell nach oben. Bei uns ist das natürlich im Gegensatz zu den USA noch ein kleines Pflänzchen. Aber ich glaube, das ist für viele Kulturschaffende und Unternehmer mittlerweile eine Alternative zur öffentlichen Förderung und zum privaten Kapitalmarkt.
Die Musiklabels oder Buchverlage beobachten das natürlich kritisch, aber sie sollten das mit ihren Künstlern einfach mal ausprobieren. Denn die, die sich dieser Entwicklung verschließen, werden sich in einigen Jahren wundern, wie viel Geld via Crowdfunding umgesetzt wird.
Zur Person
Der Berliner Karsten Wenzlaff, 1980 geboren, studierte Philosophy & Economics in Bayreuth und International Relations im britischen Cambridge. Seit 2006 ist er Berater für Social Media und hat bereits zahlreiche Publikationen zu diesem Thema veröffentlicht. 2010 gründete er das Institut für Kommunikation in sozialen
Medien (Ikosom).
Extra: Ikosom
Das Institut für Kommunikation in sozialen Medien (Ikosom) mit Sitz in Berlin schafft die wissenschaftlichen Grundlagen für Kommunikationsstrategien in sozialen Medien. Geführt wird es von Karsten Wenzlaff und Jörg Eisfeld-Reschke. Zudem arbeiten sie mit diversen Spezialisten, Wissenschaftlern, Institutionen und Dienstleistern zusammen. www.ikosom.de
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