Die neue Lust der Städter am Garten und das Nachdenken über ökologische und soziale Produkte
Zwischen Selbstversorgung und bewusstem Einkauf: Die Globalisierung hat die Märkte unübersichtlich gemacht. Immer mehr Menschen hinterfragen ihren Lebensstil, möchten Verantwortung als Konsument übernehmen.
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Es schaut nur ein zartes, grünes Etwas aus der Erde heraus und schon sorgt sich Margot Dunkel (Name von der Redaktion geändert) um ihren Salat. Die Schnecken sind hungrig und wie wird das Wetter? Für die 76-Jährige ist das Frühjahr wichtig: Mit jedem Saatkorn, das jetzt aufgeht, wachsen die Chancen auf eine gute Ernte. Eine arbeitsreiche Zeit.
Von den Nachbarn in ihrem Dorf im Hunsrück wird sie oft gefragt, warum sie sich das bei den Preisen für Gemüse und Obst überhaupt noch antut. „Wenn ich ernte, weiß ich, was ich habe“, antwortet sie dann unbeirrt. Die meisten ihrer Generation rackern sich noch im Garten ab. Als sie klein waren, haben sich die Menschen im Dorf noch (fast) selbst versorgt. Da stellt sich die Effektivitätsfrage nicht, es geht um den Spaß am Pflanzen und um Tradition.
Vermutlich ackern die Gärtner im Prinzessinnengarten am anderen Ende der Republik in Berlin Kreuzberg gerade wie Margot Dunkel und sorgen sich um ihre Pflänzchen in Hochbeeten und Kästen. Doch im Prinzessinnengarten sprießt noch mehr als Gemüse und Obst: eine neue Stadtkultur. Es wird nicht nur geerntet, sondern gemeinsam gesprochen, gefeiert, und Veranstaltungen werden angeboten. Der Garten ist sozialer Treffpunkt. 2009 fing alles mit einem Aufruf im Stadtmagazin Zitty an, dem spontan 150 Menschen gefolgt waren.
Dieser Berliner Garten ist kein Einzelfall: In Deutschland und weltweit wachsen Tomaten auf Parkdecks und wächst Gemüse am Rand von ehemaligen Rollbahnen. Was so abgefahren klingt, fällt unter die Begriffe „Urban Gardening“ oder „Guerilla Gardening“. Umgraben und jäten galt immer als konservativ, war Plackerei und ist auf einmal modern, gar „sexy“. Was treibt die neuen Nutzgärtner?
Der Autor Martin Rasper ist ein Kenner der „neuen Landlust“ und führt in seinem Buch (siehe Extra unten) einige Gründe dafür auf: Das Gefühl, dass etwas in die falsche Richtung laufe und man gegensteuern müsse, sei genauso da wie zu Zeiten der Industrialisierung, als viele Kleingärten entstanden. Damals wie „heute ging es um die Kritik an dem als entfesselt wahrgenommenen Kapitalismus, (...) heute in Gestalt der Globalisierung, des Kasinokapitalismus der Finanzinvestoren und Großkonzerne“. Warum muss Essen von weit her in die Städte gebracht werden und Produkte aus dem Umland in die Welt, warum nicht gleich in der Stadt ernten?
Es gehe laut Rasper aber auch um Bewusstseinserweiterung, ums Tun, darum, den Umgang mit Ressourcen zu lernen, um die Lust am Wachsen und Gedeihen. Kurzum: die klassischen Qualitäten des Gärtnerns, die auch Margot Dunkel so schätzt. Die Motive der Traditions- und Stadtgärtner liegen also gar nicht so weit auseinander. Doch nicht jeder kann künftig zum Spaten greifen und sein Gemüse selbst anbauen. Nicht jedes Misstrauen in die Systeme kann richtige Blüten treiben. Glaubt man den Umfragen und der öffentlichen Diskussion, wächst allerdings allgemein auch das Nachdenken über das Konsumverhalten und die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft.
Die Nachfrage nach biologisch hergestellten Lebensmitteln (siehe Ökobarometer rechts) steigt fast kontinuierlich in den vergangenen Jahren an. Neben den ökologischen werden die sozialen Aspekte beim Kauf jedoch immer wichtiger. Wie steht es um die Arbeitsbedingungen der Unternehmen? Lassen sie gar Kinder für sich arbeiten? Diese Tendenz bestätigt auch die dritte Trendstudie 2011 zum ethischen Konsum im Auftrag der Otto Group. Immer mehr Konsumenten interessieren sich demnach für ethisch hergestellte Produkte und geben dafür mehr Geld aus. 2009 gaben noch 26 Prozent der Befragten an, zu ethisch korrekten Produkten zu greifen, zwei Jahre später waren es schon 41 Prozent. 44 Prozent wollten 2011 dafür mehr Geld (2009: sieben Prozent) ausgeben.
Das Kaufinteresse bestehe nicht mehr nur bei den sogenannten Lohas (englisch: Lifestyle of Health and Sustainability = Lebensstil auf Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit), einer „kleinen Elite der Besserverdienenden oder Umweltbewegten“, sondern zunehmend bei der Masse der Verbraucher.
Der sogenannte Markencheck der ARD verzeichnet regelmäßig gute Einschaltquoten und sorgt am nächsten Tag unter Kollegen und Freunden für Gesprächsstoff. In den vergangenen Wochen waren Coca-Cola, die dm-Drogeriemärkte und Adidas an der Reihe. Da gerät so mancher beim nächsten Einkauf in einen Gewissenskonflikt. Soll er seiner Lieblingsmarke treu bleiben, obwohl das Unternehmen in puncto faire Arbeitsbedingungen nicht gut abgeschnitten hat?
Im Vertrauen der Verbraucher liegt der Schlüssel zum Erfolg eines Unternehmens, das ist das Fazit der Otto- Studie, und das sei nur über offene Kommunikation und Verantwortung zu erreichen. Der ethische Druck auf die Unternehmen werde mit den heranwachsenden Konsumentengenerationen zunehmen, meint Peter Hecheltjen, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Trier. Wenn alle diejenigen einkaufen gehen, die jetzt in den Schulen für die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz sensibilisiert werden.
„Wenn ich von der Arbeit komme, hat die Metzgerei schon geschlossen, also kaufe ich wie immer im Supermarkt, der auf dem Weg liegt“, klagt eine Kollegin, die eigentlich die heimischen Erzeuger unterstützen möchte und sich verantwortlich für die Umwelt fühlt. Aber bedeutet regional erzeugt auch bio? Wer anfängt, sich Gedanken zu machen, bemerkt erst, was es bedeuten kann, „bewusst“ einzukaufen. Es gibt so viele Optionen. Am Ende ist es einfacher – wenn auch mit schlechtem Gewissen – alles beim Alten zu lassen.
Kein Einzelfall: „61 Prozent der Konsumenten fühlen sich bei dem Versuch, ethisch zu konsumieren, überfordert“, ermittelte die Otto-Studie. Auf der Suche nach glaubwürdiger Information vertrauen 91 Prozent der Befragten demnach am ehesten Freunden und Verwandten und unabhängigen Instituten, ein Drittel der Wirtschaft und 15 Prozent der Politik.
Neue und alte Nutzgärtner geraten zumindest beim Kauf von Obst und Gemüse nicht in einen Konflikt: Sie essen das, was gerade reif ist. Jetzt freuen sie sich auf den Salat und die Erdbeeren.
Birgit Markwitan
Buchtipp I
Bloß keine Missverständnisse: Der Autor Alexander Neubacher hält den Klimawandel nicht für ein Märchen. Er trennt zu Hause Müll, kauft Biogemüse und ... Dennoch wird seines Erachtens das Weltretten sogar zum Irrsinn. Ob E-10-Benzin, Energiesparbirnen und auch das Dosenpfand – so manche Umweltschutzregelung beschreibt er als puren Aktionismus mit negativer Wirkung. Neubacher findet klare Worte, gerade weil er den Klimawandel ernst nimmt. Wenig beruhigend, aber lesenswert. Alexander Neubacher: Ökofimmel. Wie wir versuchen, die Welt zu ?retten – und was wir damit anrichten. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 300 Seiten, 19,99 Euro.
Buchtipp II
Urbane Gärtner wissen nicht, was der Stadtboden schon alles so mitgemacht hat und legen oft Hochbeete an, die sie mit guter Erde füllen – oder benutzen alte Tüten und andere Gefäße. Klingt logisch und interessant wie vieles in Martin Raspers Buch über die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt. Wussten Sie übrigens, dass „Berlin summt“ und dort viele Bienen Honig produzieren? Er ordnet das Phänomen „Urban Gardening“ ein, liefert praktische Tipps und stellt viele Projekte vor. Macht Lust aufs Hingehen und Mitmachen. Martin Rasper: Vom Gärtnern in der Stadt. Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt. Oekom-Verlag, München, 206 Seiten, 19,95 Euro.
Adressen
Wissen, was drin ist: Das Informations- und Diskussionsportal der Verbraucherzentrale brach gleich am Starttag 2011 wegen großer Nachfrage zusammen. www.lebensmittelklarheit.de
Ob Einkaufen oder Reisen: Auf dieser Plattform finden sich vielfältige Infos zu nachhaltigem Konsum. www.utopia.de
Der Fußabdruck
Der globale Fußabdruck berechnet, wie viel Ressourcen wir durch unseren Lebensstil auf der Erde verbrauchen – Ernährung, Kleidung, Müll, Verkehr und alles inbegriffen. Das Ergebnis wird in Fläche/Hektar berechnet. Das Global Footprint Network hat errechnet, dass die Menschheit heute Ressourcen von 1,5 Planeten nutzt: „Wir verwandeln Ressourcen schneller in Abfälle, als dass Abfälle wieder in Ressourcen umgewandelt werden können.“ Damit leben alle sieben Milliarden Menschen auf zu großem Fuß – die Industrienationen verderben den Schnitt. Wer seinen individuellen Fußabdruck berechnen möchte: www.footprintnetwork.org ?Für Jugendliche bietet der BUND einen ?Rechner unter www.footprint-deutschland.de
Studie
Sozial ist das neue bio: Die Frauenzeitschrift Brigitte hat 2012 die Kaufentscheidungen von Frauen analysieren lassen. Ergebnis: Die Bezeichnungen bio und öko auf Produkten reichen nicht mehr aus. Was zählt, sind soziales und ökologisches Engagement eines Unternehmens und faire Produktionsbedingungen. Die Nutzung von Kinderarbeit würden 71 Prozent der Befragten vom Kauf abhalten.
Ökobarometer
„Biolebensmittel finden bei jüngeren Menschen immer größeren Zuspruch“, heißt es im Ökobarometer 2012. Es handelt sich um eine regelmäßige repräsentative Befragung im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. 71 Prozent aller Befragten unter 30 Jahren gaben demnach an, Bioprodukte zu kaufen. 55 Prozent greifen gelegentlich zu Bioprodukten. Das sei eine Steigerung von 16 Prozent gegenüber 2010 (siehe oben). Von den Befragten, die angaben, Biokäufer zu sein, wünschten sich 90 Prozent „Fair Trade“-Kennzeichnungen als zusätzliche Angabe auf Ökoprodukten. Beliebteste Ökolebensmittel sind laut dieser Umfrage weiterhin Eier, Obst und Gemüse, Kartoffeln, Brotwaren und Milchprodukte.
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