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aus unserem Archiv vom 27. Dezember 2012
Autor: Uwe Hentschel Kommentare: Kommentare zeigen Ort: Meckel Drucken  E-Mail

"Landflucht ist der falsche Weg" - Eifeler Architekt Rainer Roth setzt auf regionale Baukultur und Nachbarschaft

Die Verbundenheit zu seiner Heimat drückt sich bei Architekt Rainer Roth nicht nur in der Wahl seines Wohnorts aus, sondern auch durch seine Arbeit. Bestes Beispiel dafür ist das Projekt Schmiedestraße in Meckel (Eifelkreis Bitburg-Prüm), für das er zwei Architekturpreise erhalten hat.

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Es gibt Menschen, die wären froh, wenn der von ihnen beauftragte Architekt neben dem eigenen Haus auch das des Nachbarn geplant hätte. Denn ein Haus hat Fenster, durch die man den Rest seines Lebens weitaus häufiger raus- als reinschaut. Und denjenigen, die rausblicken, offenbart sich nicht selten die Erkenntnis, dass Geschmäcker sehr unterschiedlich sein können.

Rainer Roth ist Architekt. Auch sein Wohnhaus hat Fenster. Und wenn er rausschaut, sieht er auf der anderen Straßenseite ebenfalls drei Häuser. Drei weiße Häuser. Eines davon gehört auch ihm und seiner Familie. Die beiden anderen gehören zwei befreundeten Familien. Alle drei Häuser haben ein steiles Pultdach, sind aufeinander abgestimmt.

Dass hier nur ein Architekt am Werk war, sieht man dem Häuser-Ensemble an. Rainer Roth war derjenige, der hier geplant hat. Wobei das so auch nicht ganz stimmt. Denn Roth ist zwar der Architekt, geplant aber haben es die drei Familien zusammen. "Man kennt sich, man spricht miteinander, man wird miteinander älter", erklärt Roth den Nachbarschaftsgedanken, der dahinter steckt.

In Zeiten der Globalisierung und angesichts der damit verbundenen Identitätsprobleme werde für viele Menschen das soziale Umfeld ihrer Wohnsituation immer wichtiger, sagt der 44-Jährige, der sein Architekturbüro mittlerweile in einem der drei Häuser hat. "Drei verwandte Häuser mit gleichen Genen, wie bei Geschwistern", erklärt er. "Ihre Vorfahren stehen in der Nachbarschaft", fügt er hinzu und zeigt auf das Wirtschaftsgebäude eines alten Bauernhofs neben seinem Wohnhaus.

Neubaugebiete sind reine Schlafstätten



All diese Bauten stehen in der Schmiedestraße. In Meckel. Ein Ort mit rund 400 Einwohnern. Dass Roth als Architekt ausgerechnet in diesem landwirtschaftlich geprägten Dorf wohnt und auch dort arbeitet, liegt nicht nur daran, dass seine Frau aus dem Ort stammt. Es ist für Roth, der selbst im Nachbarort aufgewachsen ist, Teil seines Selbstverständnisses.

Bereits in seiner Diplomarbeit hat sich der Architekt mit der Zukunft des Orts auseinandergesetzt, 1998 haben er und Ehefrau Christine Schwickerath schließlich dort gebaut. Beide haben eine Zeit lang in Trier gewohnt und sich bewusst für ein Leben auf dem Land entschieden. "Landflucht ist der falsche Weg", sagt Roth. "In der Stadt gibt es zwar eine bessere Infrastruktur, aber das soziale Umfeld fehlt meistens." Er und seine Frau sind davon überzeugt, dass Dörfer so, wie sie vor 50 Jahren funktioniert haben, durchaus zukunftsfähig sind.
"Leider sind heutige Neubaugebiete in vielen Fällen reine Schlafstätten", sagt Roth. "Man lebt oft ohne Bezug zum Umfeld nebeneinander." Genau das möchte der Architekt in Meckel ändern.

Mit den drei weißen Häusern scheint ihm das auch bereits ein Stück weit gelungen zu sein. "Die drei als Ensemble konzipierten Baukörper setzen veränderte ökonomische und organisatorische Rahmenbedingungen des Lebens in Architektur um. Zugleich wird dem Wunsch nach verlässlichen und sozial stabilen Nachbarschaften Rechnung getragen", begründet die Jury des bundesweiten Architekturwettbewerbs "Zukunft Wohnen" ihre Entscheidung.

In sechs verschiedenen Kategorien wurden Preise vergeben. Architekt Roth bekam seinen Preis in der Kategorie "Wohnen auf dem Land". Die drei Häuser, in denen neben dem Büro des Architekten auch noch die Werkstatt einer Goldschmiedin untergebracht ist, sind aus Sicht der Juroren zukunftsweisend, da dort Arbeits-, Wohn- und Lebensräume miteinander verknüpft worden seien. Und auch der Bund Deutscher Architekten (BDA) Landesverband Rheinland-Pfalz würdigte bei seiner diesjährigen Preisverleihung das Projekt in der Schmiedestraße.

"Wir sind vor allem deshalb prämiert worden, weil wir zunächst untersucht haben, wie die Anforderungen hier bei uns in der Eifel sind", sagt Roth. Denn was nütze es, vorhandene Baukultur zeitgemäß zu interpretieren, wenn das Umfeld nicht stimme. "Es ist wichtig, dass unsere Dörfer attraktiv bleiben", erklärt er. "Denn wenn das Ausbluten erst einmal begonnen hat, dann wird es schwer, das zu stoppen."

Was Meckel betrifft, das von Bitburg rund zehn und von Trier 25 Kilometer entfernt liegt, ist Roth zuversichtlich, dass ein Ausbluten vorerst nicht zu erwarten ist. Zwar ist auch in diesem Ort ein Neubaugebiet geplant, allerdings keine Schlafsiedlung irgendwo am Ortsrand, sondern ein Wohngebiet mitten im Dorf. Rainer Roth möchte dort das, womit in der Schmiedestraße begonnen wurde, fortführen: ein Neubaugebiet, in dem Menschen wohnen und arbeiten. Ein Neubaugebiet, in dem Nachbarschaft keine lästige Begleiterscheinung ist.

Zur Person

Rainer Roth ist 1968 geboren und in Idenheim (Eifelkreis Bitburg-Prüm) aufgewachsen. Nach einem Architekturstudium an der Fachhochschule Trier hat er von 1994 bis 2005 als Architekt und Stadtplaner in Luxemburg gearbeitet. Seit 2005 ist er als freischaffender Architekt in Meckel tätig, wo er auch seit 1998 mit Ehefrau Christine Schwickerath und zwei Kindern lebt. Rainer Roth ist Mitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und des Ordre des Architectes et des Ingénieur-Conseils (OAI) in Luxemburg. Neben zwei Auszeichnungen für das Schmiedestraßen-Projekt in Meckel - Wettbewerb Zukunft Wohnen sowie BDA-Architekturpreis Rheinland-Pfalz - erhielt er kürzlich einen weiteren Preis für ein Projekt in Speicher (Eifelkreis Bitburg-Prüm): Ein dort von Roth geplanter Umbau eines 1960er-Jahre-Bungalows belegte bei einem Wettbewerb der Fachzeitschrift Schöner Wohnen den ersten Platz.

 




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