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Ärztemangel in der Eifel: Mit dem Krankenwagen zum Hausarzt

Ein Thema mit Zukunft: Die medizinsche Versorgung im Eifelkreis Bitburg-Prüm

(Bitburg-Prüm) Wenn der Hausarzt 18 Kilometer entfernt ist: In vielen Dörfern der Eifel sieht es mit der medizinischen Versorgung schlecht aus. Was Bürger, Landespolitiker und die kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz dazu sagen.

17.09.2015
Sarah Jasmin Schmidt

Bitburg-Prüm. Adele Kleis sitzt im Wohnzimmer, während im Nebenraum eine Caritasmitarbeiterin ihren Mann pflegt. Er hat Pflegestufe II. Wenn die Pflegerin weg ist, übernimmt sie den Rest: waschen, aus dem Bett heben, Spritzen setzen, Diabetikertablettenm geben. Mit ihren 75 Jahren ist sie rund um die Uhr im Einsatz. Außer eben, wenn der Pflegedienst einmal am Tag nach Dahnen (VG Prüm) kommt.

"Ganz alleine schaffe ich es nicht", sagt Adele Kleis. Wenn sie zu ihrem Hausarzt nach Waxweiler müsse, nehme sie den Bürgerbus, der von Ehrenamtlichen gefahren wird. "Bei meinem Mann muss der Krankenwagen kommen", sagt sie. Waxweiler ist etwa 23 Kilometer von Dahnen entfernt. Wenn keine Nachbarn oder Bekannte fahren, rufe sie den Notdienst an: "Wir sind schon mindestens 30 Mal mit dem Krankenwagen gefahren." Die meisten Fahrten gingen zu Untersuchungen. "In Daleiden ist der Hausarzt mittlerweile weg. Ob der nochmal zurückkommt, weiß ich nicht", sagt sie und klingt wenig optimistisch.

So geht es vielen älteren Menschen im Eifelkreis Bitburg-Prüm. In Begleitung des Caritasverbandes Westeifel geht es an diesem Morgen durch die kleinen Dörfer in der Verbandsgemeinde Prüm: Daleiden, Dahnen, Dasburg, Preischeid. Auf der Tour bedauern viele angesprochene Bürger immer wieder, dass es den Hausarzt in Daleiden nicht mehr gibt. Der Hausarzt, der für alle um die sechs bis sieben Kilometer entfernt war.

Schon jetzt wird in der Region händeringend nach Hausärzten gesucht. Rainer Saurwein von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz sagt: "Im Eifelkreis Bitburg-Prüm könnten sich in diesem Moment weitere zehn Hausärzte bewerben." In Rheinland-Pfalz gebe es derzeit insgesamt 93 offene Stellen. Am meisten offene Stellen gebe es in Prüm, dort seien sechs Stellen nicht besetzt. Bitburg liegt auf der Rangliste mit 4,5 offenen Stellen auf Platz zehn. Somit gehöre die Eifel zu den Regionen, wo am meisten Hausärzte gesucht werden.

Und der Blick in die Zukunft sieht nicht besser aus. 21,1 Prozent der Hausärzte in der gesamten Region Trier sind über 60 Jahre alt. "Die Praxen, die sich nicht mehr besetzen lassen, werden mehr", sagt Saurwein. Um welche Orte es in Zukunft besonders schlecht stehe, sei schwer zu sagen: "Wir können hier ja nicht sehen, ob es einen Nachfolger gibt", sagt Sauerwein.

Katharina Hober aus Dasburg fährt nicht mit dem Bürgerbus, weil sie zu schlecht sieht. "Das ist mir zu unsicher", sagt die 85-Jährige. Einmal im Monat fahre sie mit dem Taxi, das sie selbst bezahle, zum Hausarzt ins 14 Kilometer weit entfernte Arzfeld. Für Notfälle habe sie ein Gerät vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) zu Hause, wofür sie ebenfalls die Kosten trage. Dort drückt sie einmal am Tag auf den grünen Knopf, um den Mitarbeitern des DRK zu signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Läuft was schief, betätigt sie das rote Feld. "Das gibt mir Sicherheit", sagt sie.

Die Landesregierung unterstützt das Testen neuer Systeme, die ältere Menschen zu Hause unterstützen. Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler spricht von der Telemedizin als geeigneter Ergänzung zur herkömmlichen medizinischen Versorgung. Es gebe bereits Projekte für chronisch kranke Patienten, die ihre Blutdruckwerte mit einem Gerät von zu Hause aus ihrem Arzt zusenden. Außerdem versuche die Politik, Medizinstudenten zu fördern, die sich für eine Praxis auf dem Land entscheiden. So gebe es eine Förderung von bis zu 15 000 Euro, wenn man sich für eine Hausarztpraxis fernab der Stadt entscheide. Des Weiteren gebe es sogenannte Zukunftswerkstätten, zum Beispiel in Arzfeld. Dort werde über Konzepte und Lösungen zur Sicherung der ärztlichen Versorgung gesprochen.

KV-Sprecher Saurwein sagt: "Unsere Möglichkeiten sind ziemlich begrenzt. Hauptsächlich gefordert ist die Politik, die die Rahmenbedingungen setzt." Die KV werbe zum Beispiel auf Messen für eine Niederlassung. Wenn sich ein Medizinstudent für eine Allgemeinpraxis auf dem Land entscheide, biete die KV ihm eine intensive Begleitung für zwei Jahre an. Auch Praktika fördere man mit 500 Euro pro Monat. Trotz allem sei die Situation schwierig. "Wir können die Studenten nicht zwingen, hierher zu kommen", sagt Saurwein.

Eine 79-jährige Frau aus Dasburg, die ihren Namen nicht nennen möchte, hat die Hoffnung schon verloren: "Ich glaube nicht, dass ein junger Arzt hierher kommt. Das wird nicht besser, das wird schlimmer." Das bestätigen Berechnungen des statistischen Landesamts für den Kreis: Die Zahl der über 65-Jährigen wird danach bis zum Jahr 2035 im Vergleich zu 2013 um mindestens 45 Prozent wachsen. Heute sind etwa 19 000 Menschen im Eifelkreis älter als 65, in 20 Jahren sollen es 27 500 sein.

 

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