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Bitburg will Mahnmal für ermordete Juden

Der Stadtrat vertagte eine Entscheidung, ob auch in Bitburg Stolpersteine verlegt werden, die an das Schicksal jüdischer Mitbürger erinnern, die während der Nazi-Diktatur deportiert und ermordet wurden. Das hatten die Grünen beantragt. Zwar war sich der Rat einig, ein Mahnmal zu setzen, offen ist noch, in welcher Form.

25.03.2011
Von unserer Redakteurin Dagmar Schommer
Bitburg. Ihre Familien hießen Levy, Juda, Joseph, Kaufmann oder Meier, ihre Häuser standen an verschiedenen Stellen in ganz Bitburg - in der Mötscher Straße, am Glockenhäuschen oder neben dem Simonbräu. "Es war eine kleine jüdische Gemeinde, die hier heimisch war", sagte Stadtarchivar Peter Neu, der in der Ratssitzung am Donnerstagabend über Bitburger Juden referierte. Der Anlass: Die Grünen-Fraktion hatte beantragt, dass auch in Bitburg Stolpersteine (siehe Extra) verlegt werden, um die Erinnerung an die nationalsozialistische Schreckensdiktatur durch den Hinweis auf Einzelschicksale vor dem Vergessen zu bewahren.
 

Zur Flucht getrieben


 
Eines dieser Schicksale ist das von Sibilla Joseph. Nachdem die Bitburger Synagoge 1938 von Nazischergen zerstört und geschändet worden war, soll sie in ihrem Haus in der Schliezgasse "randaliert" haben, wie in Dokumenten des Stadtarchivs nachzulesen ist. "Sie wurde in Schutzhaft genommen, bekam als Pfleger einen stadtbekannten Nazi zugeteilt und wurde schließlich in die Nervenheilanstalt nach Andernach eingewiesen, wo sie 1942 zu Tode kam", berichtete Neu: "Wie, weiß man nicht. Es gibt Vermutungen, dass sie umgebracht wurde."
 
Viele der rund 40 Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Bitburg gelebt haben, konnten sich nach Amerika oder Argentinien retten. Von den Nazis zur Flucht getrieben, mussten sie ihren Besitz zu unterirdischen Preisen verkaufen. "Die wenigen Juden, die 1940 noch in der Stadt waren, wurden in Gemeinschaftshäuser eingewiesen", sagte Neu, der auch von mehr als einem Dutzend deportierter Bitburger berichtet, die in Konzentrationslagern umgebracht wurden.
 
Ebenfalls umfangreiche Recherchen hatte Stephan Garçon (SPD) angestellt und erinnerte unter anderem auch an 124 russische Gefangene, denen 1941 in einem Bitburger Lazarett jegliche medizinische Hilfe versagt wurde. Die Männer starben innerhalb weniger Wochen und wurden in einem Massengrab verscharrt. "Wir sollten aller Opfer dieser Zeit gedenken. Ich frage mich nur, ob eine Stele mit allen Namen nicht würdevoller ist als Stolpersteine", sagte Stephan Garçon.
 
Für seinen Vortrag erhielt er ebenso wie Vorredner Neu viel Applaus. Die Ratsmitglieder waren sichtbar ergriffen. Überrascht waren viele davon, dass selbst auf dem Gedenkstein auf dem Jüdischen Friedhof in der Erdorfer Straße jeglicher Hinweis auf verschleppte und ermordete Bitburger Juden fehlt. "Dort stehen die Namen derer, die eines natürlichen Tods gestorben sind", sagte Garçon und monierte zudem: "Auch die Gedenktafel am ehemaligen Standort der Synagoge ist falsch. Sie wurde nicht im Krieg völlig zerstört, sondern erst 1951."
 

Applaus vom ganzen Rat


 
Nach den beiden Vorträgen sprach Rudolf Rinnen (Liste Streit) vielen aus der Seele: "Ich sehe mich außerstande zu entscheiden, was wir nun wo und wie machen sollen." Er schlug vor, dass Grüne mit Garçon und Stadtarchivar Neu ein Konzept erarbeiten, wie in Bitburg der Opfer der Nazi-Diktatur gedacht werden soll. Damit erklärte sich die Fraktion der Grünen einverstanden.
 
Auch Bürgermeister Joachim Kandels begrüßte die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die vom Rat beschlossen wurde. Bitburg will die Erinnerung wach halten und mahnen - ob Stolpersteine der Weg wider das Vergessen sein werden, wird sich zeigen.
 
Aufruf: Bürgermeister Joachim Kandels bittet alle, die Informationen zu Bitburgern haben, die Opfer der Nationalsozialisten geworden sind, sich bei der Stadtverwaltung zu melden. Die Informationen sollen der Arbeitsgruppe zur Verfügung gestellt werden, die nun Vorschläge zum Gedenken erarbeitet.


 
EXTRA STOLPERSTEINE

 
Der Künstler Gunter Demnig hat die Stolpersteine erstmals Anfang der 90er Jahre in Köln verlegt. Es handelt sich um Betonsteine mit einer Tafel aus Messing, auf denen Menschen gedacht wird, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Selbstmord getrieben wurden. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnorten der NS-Opfer in das Pflaster des Gehweges eingelassen. In mehr als 500 Gemeinden in Deutschland gibt es inzwischen solche Stolpersteine - darunter in der Region auch in Trier, Thalfang, Bernkastel-Kues, Daun und Gerolstein. Demnigs Ziel ist es unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Tafeln zu lesen, sieht er als symbolische Verbeugung vor den Opfern. Anderer Meinung ist Charlotte Knobloch, die die Stolpersteine als Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland kritisiert hat: Damit würden, so Knobloch, die Menschen ein zweites Mal mit Füßen getreten. In Wittlich, wo ebenfalls über Stolpersteine nachgedacht wurde, hat das zu heißen Debatten geführt, die Tafeln sind nicht verlegt worden. In München wurden bereits verlegte Stolpersteine wieder entfernt. Demnig wurde für sein Projekt, das inzwischen das weltweit größte dezentrale Mahnmal ist, 2009 geehrt. scho