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Bitburger Arzt muss 4500 Euro zahlen

(Bitburg) Das Bitburger Amtsgericht hat ein Verfahren gegen einem Arzt am Bitburger Krankenhaus gegen die Zahlung von 4500 Euro eingestellt. An der Krankenhausleitung übt der Richter harte Kritik.

20.06.2017
Adrian Froschauer
"Der Richter stellt ja immer wieder dieselben Fragen", wundert sich ein Zuschauer während einer Verhandlungspause. Das muss Richter Udo May auch bei diesem komplizierten Fall. Es geht um genaue Uhrzeiten, um Wortwahl und um Zuständigkeiten.

Die Vorgeschichte: Ein Bitburger Arzt steht wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht. Er soll eine möglicherweise lebensrettende Untersuchung verweigert haben, weil seine Schicht zu Ende war. Ein 72-jähriger Patient des Marienhausklinikums litt in einer Nacht im März 2015 unter Atemproblemen und soll stundenlang auf ärztliche Hilfe gewartet haben. Vergeblich - der 72-Jährige musste reanimiert werden und starb zwei Tage später an einem Herzinfarkt. Zunächst wurde dem Arzt fahrlässige Tötung vorgeworfen. Der Verdacht bestätigte sich jedoch nicht. Dann sollte er wegen unterlassener Hilfeleistung 9000 Euro Strafe zahlen. Der Angeklagte legte Einspruch ein: Er sei überhaupt nicht mehr zuständig gewesen. Hätte er geahnt, dass es sich um einen akuten Notfall handelte, hätte er den Patienten trotzdem untersucht.

Die Zeugenaussagen: Zwei Krankenschwestern, die sich in der betroffenen Nacht um den Patienten kümmerten, sagen aus. Die Nachtschwester sagt, gegen 5 Uhr habe der Patient wegen Atemnot geklingelt. Sie habe ihn Sauerstoff inhalieren lassen und Tabletten verabreicht, sein Zustand habe sich jedoch nicht gebessert. Darum habe sie den Arzt verständigt; dieser habe sie angewiesen, ein Medikament zu spritzen, das für eine minimale Verbesserung sorgte. Das widerspricht der Aussage des Zimmernachbarn des Verstorbenen: Er habe ab 3 Uhr immer wieder die Schwester gerufen, die nie Medikamente verabreicht und immer nur beteuert habe, sie würde den Arzt rufen. Darüber ist die Nachtschwester "sehr verwundert": "Vielleicht hat er nicht gesehen, wie ich die Spritze verabreichte, weil ich zwischen den beiden Betten stand. Es wurde auch nicht so häufig geklingelt, wie er sagt." Sie habe es nicht für nötig gehalten, den Arzt persönlich ins Zimmer zu rufen und habe das auch nie versprochen.

Die zweite Krankenschwester hatte in jener Nacht Frühdienst und sagt aus, der Patient habe gegen 7.30 Uhr nochmal geklingelt und geklagt, dass nichts gegen seine Atemprobleme helfe. Da habe sie den Arzt angerufen und ihn gebeten, den Patienten zu untersuchen. Der Arzt habe jedoch gesagt, er sei gerade in der Übergabe. May hakt mehrmals ganz genau nach: "Hat er gesagt, Sie sollen sich an den Stationsarzt wenden? Hat er gesagt, er sei nicht mehr zuständig?"

Die Krankenschwester kann sich nicht mehr ganz genau daran erinnern, was gesagt wurde, ist aber sicher: "Ich sagte, dass auf jeden Fall jemand kommen muss, ob gerade Übergabe ist oder nicht." Sie sei davon ausgegangen, dass der Arzt einen Kollegen schicken würde, wenn er selbst keine Zeit hätte. "Damit war das für mich erledigt." Später sei sie dem Arzt zufälligerweise in der Notaufnahme begegnet und habe ihn nochmal gebeten, den Patienten zu untersuchen.

Das Urteil: Für Richter May steht fest: Das Ausmaß der Schuld ist geringer als zunächst angenommen. Der Arzt habe nicht die ganze Nacht die Leiden eines Patienten ignoriert. "Erst gegen 6 Uhr ist überhaupt etwas zu ihm durchgedrungen", sagt May. "Da hat er mit seiner Anweisung angemessen reagiert." Erst als er bei der Übergabe angerufen wurde, hätte er anders reagieren und zum Beispiel einem Kollegen Bescheid geben müssen. Nach einem Rechtsgespräch mit Verteidigung und Anklage einigt man sich: Das Verfahren wird gegen die Zahlung von 4500 Euro in monatlichen Raten von 500 Euro an den Weißen Ring eingestellt. Beide Parteien stimmen dem zu.

May nutzt die Gelegenheit, um auch Kritik an der Krankenhausleitung zu üben: Die Personalzustände seien "verbesserungswürdig". Das Krankenhaus habe im April das Personal verdoppelt. "Anscheinend hat man das Problem also erkannt", sagt May. "Wo die Personaldecke so dünn ist, da wird mit dem Leben der Patienten gespielt. Ein Krankenhaus sollte nie so dünn besetzt sein, dass so viel Verantwortung auf so wenige Leute verteilt ist."