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Bitburger Flüchtlingsgeschichte: Geboren im falschen Land

(Bitburg/Skopje) Die Flüchtlinge Marija Dunovska und Boban Velichkovski verlassen nun Deutschland. Vielleicht kommen sie wieder – wenn sie die Zeit in Mazedonien überstehen.

02.10.2017
Von Christian Altmayer
Während Sie diese Zeilen lesen, sitzen Sie wahrscheinlich gerade in der Küche – eine heiße Tasse Kaffee in der Hand, ein Frühstücksei im Becher. Marija Dunovska und Boban Velichkovski hingegen hocken längst im Bus. Im Gepäck: das bisschen Leben, was in das Fach über dem Sitz passt. Um 7.30 Uhr ist er in Leverkusen losgefahren. Das Reiseziel: Skopje, Mazedonien - eine Heimat, die für das Paar keine mehr ist. Ihre Heimat war Deutschland. Rund zwei Jahre lang haben sie in Bitburg gewohnt, gearbeitet und Steuern gezahlt. 
 
Jetzt hat sich das Flüchtlingspaar entschieden, die Bundesrepublik zu verlassen. Sie haben die Rückreise selbst organisiert, die Bustickets für rund 400 Euro gekauft. Denn sonst wären sie abgeschoben worden. Fünf Jahre lang wäre Deutschland für sie gesperrt gewesen. Jetzt, da sie „freiwillig“ gehen, dürfen sie nach zehn Monaten zurückkehren. Und das wollen sie. Denn nach Jahren auf der Flucht durch Serbien, Ungarn und die Schweiz, fühlen sie sich in Deutschland offenbar zuhause. „Wir haben alles hier – Freunde, Wohnung, Arbeit“, sagt Dunovska.

In Mazedonien haben sie Angst. Zehn Monate werden sie sich verstecken müssen- getrennt voneinander. Boban hat Angst, dass die UÇK seiner Frau etwas antun könnte. „Ich bin seine Achillesferse“, sagt sie. Eigentlich habe die albanische Paramiliz es nur auf ihren Mann abgesehen. Aber sie könnte leicht in die Schusslinie kommen, befürchtet Velichkovski. Doch wie hat er sich überhaupt den Hass der Truppe zugezogen? Dazu muss man wissen, dass der UÇK auch radikale Islamisten angehören. Velichkovski, „ein Patriot“, wie seine Frau sagt, hat 2001 im Bürgerkrieg gegen sie gekämpft. Danach arbeitete er für das US-Militär im Irak und Afghanistan als Dolmetscher und Personenschützer.

Im Krieg hat er sich nicht nur psychische Belastungen zugezogen, sondern die Muslime noch weiter gegen sich aufgebracht. Sie brannten sein Restaurant nieder, verprügelten ihn mit einem Baseballschläger. „Unser Leben ist dort nicht sicher“, sagt er. Und doch gilt der Balkanstaat als sogenanntes „sicheres Herkunftsland“. Denn, die Miliz hat zwar inzwischen Behörden wie Polizei, Grenzschutz und Justiz unterwandert. Die Verfolgung geht aber nach deutschem Verständnis – anders als beispielsweise in Syrien - nicht vom Staat aus.. „Wir sind einfach im falschen Land geboren“, sagt Dunovska. Und deshalb wurde ihr Asylantrag nach jahrelanger Wartezeit Ende Juni abgelehnt (der TV berichtete). Auch die Härtefallkommission in Mainz wollte für die Mazedonier keine Ausnahme machen. Und das, obwohl Arbeitgeber, die evangelische Kirche, Freunde und Kollegen eine Flut von Empfehlungsbriefen geschrieben haben. „Das ist Bürokratie“, sagt Velichkovski, „das müssen wir akzeptieren.“ Dankbar seien die beiden trotzdem für die Hilfe. Das bedeute ihnen viel, auch jetzt, da sie gehen müssen und so viel verlieren. 
 
Verloren hat Dunovska auch ihre Babies. Sie war schwanger mit Zwillingen, als sie erfuhr, dass sie nicht bleiben darf. Sie erlitt eine Fehlgeburt. Das Ganze setzte ihr so zu, dass sie zwischenzeitig in einer Klinik untergebracht war. So lange durfte sie nicht abgeschoben werden. Deshalb zog sich das Verfahren noch eine Weile hin. „Ich muss jetzt Kraft finden“, sagt sie. Die brauchte sie schon in den Tagen vor der Abreise. Sie muss ihre Dokumente in Ordnung bringen, ihr Konto auflösen, Rechnungen bezahlen, Verträge kündigen. „Wir wollen keine Schulden hinterlassen“, sagt Dunovksa. Ihre Möbel bleiben in der Wohnung. Solange sie weg sind, wird eine Freundin dort wohnen.

Denn nach zehn Monaten wollen sie wieder zurück in ihr altes Zuhause. Sie müssen der Ausländerbehörde schließlich einen festen Wohnsitz nachweisen können. Einreisen können sie in zehn Monaten wahrscheinlich über ein Arbeits- beziehungsweise ein Ausbildungsvisum. Der Eifelhaus Schwesternverband hat Dunovska eine Lehrstelle zugesichert. Und auch Velichkovski darf weiter beim Baumarkt arbeiten – das hat sein Chef ihm schriftlich gegeben. Die Chancen stehen also gut - jedenfalls sofern die beiden die Zeit in Skopje gut überstehen. 
 

Kommentar

Unverständlich 
 
Ohne triftigen Grund wird das Leben von zwei Menschen über den Haufen geworfen. Die beiden sind integriert, gehen arbeiten. Niemand will, dass sie Deutschland verlassen, und doch müssen sie. Sie sollen für ein paar Dokumente ihr Leben riskieren. So will es das Gesetz. Ein Arbeitsvisum muss aus dem Ausland beantragt werden - nicht aus Deutschland. Also müssen sie abreisen, um einzureisen. Dieses bürokratische Hindernis zu überwinden, kann für die beiden gefährlich werden. Es ist höchste Zeit, diese unverständliche Gesetzeslage zu ändern. 
c.altmayer@volksfreund.de