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Ein Wortschatz mit unterschätztem Wert

Treffen von Esperanto-Freunden im Bitburger Jugendhotel - Rund 160 Teilnehmer aus 16 Nationen - 60 Kinder stellen problemlose Völkerverständigung unter Beweis

(Bitburg) Mit dem Ziel, den zerstrittenen Völkern Europas ein neutrales Forum zu bieten, hat der polnische Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof vor 125 Jahren die internationale Sprache Esperanto entwickelt. So wirklich durchgesetzt hat sie sich bislang noch nicht. Doch dass es für die Sprache durchaus eine Verwendung gibt, zeigt ein Treffen von Esperanto-Freunden in Bitburg.

03.01.2012
Bitburg. Eigentlich wollte Helmut Klünder schon längst in einem der Kurse sein. Doch der Mann mit dem grauen Vollbart und den buschigen Augenbrauen hat sich sozusagen festgequatscht. Genau wie die drei anderen, mit denen er im Speisesaal des Bitburger Jugendhotels sitzt. Vier Menschen: ein Mathematiker, ein Programmierer, eine Architektin und eine Psychologin. Helmut Klünder kommt aus dem Münsterland, Bart Demeyere aus Belgien. Ella Strug lebt auch in Belgien, kommt gebürtig aber aus Polen. Danka Leyk ebenfalls. Sie stammt aus Warschau. Vier Menschen aus drei Ländern, die eine gemeinsame Sprache sprechen - Esperanto (siehe Extra).
Wie viele Menschen weltweit Esperanto beherrschen, weiß keiner. 160 von ihnen aus 16 Nationen haben in den vergangenen Tagen beim Esperanto-Neujahrstreffen in Bitburg teilgenommen - in einer Sprache, die alle miteinander verbindet.
Esperanto heißt übersetzt "ein Hoffender". Und die Hoffnung, dass Esperanto irgendwann mal eine wichtige Rolle für die internationale Verständigung spielen könnte, hat Louis Ferdinand von Wunsch-Rolshoven nicht aufgegeben. "Ich bin der Auffassung, das müsste gehen", sagt der Berliner. Er ist Vorsitzender des Vereins Esperantoland, der das Treffen in Bitburg organisiert hat.
Von Wunsch-Rolshoven ist während des Studiums auf Esperanto gestoßen, Danka Leyk bei einem Gespräch in der Straßenbahn. Bei Helmut Klünder war das anders: Der 63-Jährige spricht Esperanto seit seiner Kindheit. "Das erste Wort, das ich gelernt habe, war talpo", sagt er. Talpo heißt Maulwurf.
Viele der rund 60 Kinder, die das Jugendhotel in den vergangenen Tagen mit Leben gefüllt haben, beherrschen Esperanto seit ihrer frühen Kindheit. Und sie sind der Beweis dafür, dass grenzenlose Völkerverständigung problemlos funktionieren kann.
Der zwölfjährige Thomas zum Beispiel, Sohn von Bart Demeyere, hat Freunde in Deutschland, Frankreich, Holland, England, Brasilien, China, Norwegen, Ungarn sowie der Schweiz. Und natürlich im Heimatland Belgien. Wobei er zu Hause kaum jemanden kennt, der Esperanto spricht.
Der 16-jährigen Klara Ertl geht es ähnlich. Auch sie spricht Esperanto. Und darüber hinaus fünf weitere Sprachen. Ihre Mutter ist Französin, der Vater Ungar. Geboren ist sie in den Niederlanden. Jetzt lebt sie in Luxemburg. Die Eltern haben sich durch Esperanto kennengelernt. Genau wie für Thomas sind für Klara Treffen wie das in Bitburg die Gelegenheit, die Freunde aus der ganzen Welt zu treffen. Das dabei angebotene Rahmenprogramm mit Gesangsgruppe (komuna kantado), Strickkurs (Trikokurso), Schreibkurs (Skriboateliero) oder aber Theatergruppe (teatrogrupo) sind dabei Nebensache.
"Für meine Eltern war es immer wichtig, dass ich auch Kontakt zu anderen Esperanto sprechenden Kindern habe", sagt Klünder. Einer, mit dem er damals oft gespielt habe, sei heute deutscher Botschafter in Moskau. Wobei er diesen Job sicherlich nicht seinen Esperanto-Sprachkenntnissen zu verdanken hat. Denn berufliche Vorteile bringt die Sprache nicht mit sich. Im Gegensatz zu Englisch oder Französisch.Dafür aber ist Esperanto, das für den Außenstehenden wie eine Mischung aus Spanisch und Polnisch klingt,einfacher zu lernen, sagt Wunsch-Rolshoven: "Zwei Tage Unterricht reichen aus, um erste Sätze zu bilden." Zwar hätten es Franzosen, Italiener und Spanier aufgrund der meist ähnlichen Wortstämme einfacher, Esperanto zu lernen, doch seien die Wörter so gewählt, dass sie in möglichst vielen Sprachen verständlich sind. So wie fino. Das heißt Ende.
Extra
Wie viele Menschen weltweit Esperanto sprechen, dazu gibt es keine verlässlichen Angaben. Doch ist die Sprachengemeinde über alle Kontinente verteilt und nachweislich in mehr als 100 Ländern vertreten. Benannt wurde die Sprache nach dem 1917 gestorbenen Gründer Ludwik Lejzer Zamenhof. Er träumte davon, die zerstrittenen Völker mit Hilfe einer leicht zu erlernenden Sprache näherzubringen. 1887 veröffentlichte der polnische Augenarzt sein Werk "Internationale Sprache". Eine 40-seitige Broschüre, die zunächst nur in Russisch erschien. Wegen der Befürchtung, die Bildung der "Internationalen Sprache" könne seinem Ruf als Arzt schaden, veröffentlichte Zamenhof das Wörterbuch unter dem Pseudonym "Dr. Esperanto". uhe

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