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Himmel und Steine

(Trier/Otzenhausen) Unterwegs auf dem Saar-Hunsrück-Steig: Der nächste Teil unserer Serie führt unsere Autorin vom Hunnenring in den Nationalpark.

07.10.2017
Katharina de Mos
Trier/Otzenhausen Früher dachte ich, der Hunsrück sei langweilig. Wald und Punkt. Doch weit gefehlt. Schon die erste Traumschleife, die ich lief, belehrte mich eines Besseren. Spektakuläre Felsen gibt es nicht nur in der Südeifel, Burgen nicht bloß an der Mosel und der sanfte Schwung, den die hohen Quarzitrücken in die Weite der einsamen Landschaft zaubern, steht den schönen Kurven der Vulkaneifel in nichts nach. Höchste Zeit, eine erste Etappe auf dem Saar-Hunsrück-Steig zu laufen. Die TV-Wanderwochen bieten den perfekten Anlass: Bis Ende Oktober entführt der Volksfreund seine Leser täglich ins Grüne, gibt allerhand Tipps rund ums Wandern und erkundet die besten Wege der Region. Meine Wahl fällt auf Etappe 9 zwischen Nonnweiler und Börfink. Denn ähnlich wie viele Trierer noch nie auf der Porta Nigra waren, so war ich noch nie am Ringwall von Otzenhausen, der doch gleich vor den Toren der Heimat liegt.
Sanft kräuselt sich die Oberfläche der Talsperre Nonnweiler im Wind. Auf 13,8 Kilometern führt die Route vom Stausee über den legendären Hunnenring in den Nationalpark Hunsrück-Hochwald. Die ersten Blätter leuchten rot und gelb. Sonnenflecken tanzen zwischen Fliegenpilzen auf dem Waldboden und es könnte so idyllisch sein, wären da nicht die Kampfjets, die am Hunsrücker Himmel für den Krieg trainieren. Oberhalb des Mittelgebirges liegt der fürs Militär reservierte Luftraum namens Tra-Lauter. Und der Name ist Programm. In- wie ausländische Piloten üben hier den Luftkampf oder das Abfangen feindlicher Flugzeuge. "Verschrikkelijk (schrecklich)", sagt meine niederländische Schwiegermutter durch den Lärm hindurch, ehe Bäume den beruhigend weiten Blick auf die Wasserfläche freigeben. Durch Wald geht es bergauf Richtung Otzenhausen zum Parkplatz des Hunnenrings. Dort informieren Tafeln über den Ringwall, der eine der mächtigsten Befestigungsanlagen der keltischen Welt war und in Europa seinesgleichen sucht.
Wohl schon im 5. Jahrhundert vor Christus wurde die aus mehreren Ringen bestehende Anlage als weithin sichtbare Schutzburg errichtet.
Unterhalb dieses imposanten Baus ist kürzlich ein Keltendorf entstanden, das den Besuchern einen Eindruck davon vermittelt, wie die Treverer hier zwischen 150 und 20 vor Christus gelebt haben könnten. Die Wohn- und Speicherhäuser erinnern mit ihren Pfosten und Balken, mit ihrem lehmverputzten Weidengeflecht an Fachwerkhäuser. Allerdings sind die Dächer mit Holzschindeln gedeckt. Zudem wurde beim Bau kein bisschen Metall verwendet. "Jeder Nagel ist aus Holz", sagt Andrea Fritsch, die uns am Kassenhäuschen (Eintritt: 2,50 Euro) freundlich empfängt. Da man oben auf dem Ringwall Pfostenlöcher gefunden habe, wisse man, wie groß die Häuser waren. Bis zu 20 Menschen hätten auf 40 Quadratmetern gelebt. Für die Jahrhunderte bauten die Kelten nicht: Frauen wurden 30, Männer vielleicht 35. "Und wenn die Böden ausgelaugt waren, zogen sie weiter", sagt Fritsch.
Drinnen im Dorf ist der verantwortliche Archäologe Michael Koch dabei, nach einer keltischen Handwerksvorführung aufzuräumen. Er freut sich über den Erfolg des Projekts: Erst im Mai 2016 eröffnet, lockte das Keltendorf bereits im ersten Jahr 15 000 Besucher.
Auch wir freuen uns, nun eine Idee davon zu haben, wie das Alltagsleben hinter jenen mysteriösen Mauern ausgesehen haben könnte, die der Saar-Hunsrück-Steig auf den nächsten schweißtreibenden Metern erklimmt. Dennoch bleibt der Ringwall ein mystischer Ort. Die enormen, stellenweise immer noch zehn Meter hohen Dämme aus mächtigen bemoosten Quarzitbrocken, eine einsame Quelle, wurzel überwucherte Wege, Waldesdunkel. Was mag hier alles passiert sein?
Oben angekommen lädt eine geschwungene Bank zum Ausruhen und Panorama-Bestaunen ein. Über Wall und Wald hinweg gleitet der Blick hinab zur Talsperre, wo unser Auto steht. Da der öffentliche Nahverkehr Wanderern wenig zu bieten hat, haben wir ein zweites Fahrzeug bei Börfink geparkt. Und da es unterwegs keine Restaurants gibt, genießen wir hier oben auch unser Picknick.
Wer sich für diese Etappe entscheidet, sollte mehr Zeit mitbringen als die vielleicht vier Stunden, die das eigentliche Wandern dauert. Gibt es doch viel zu erkunden - nicht nur im Keltendorf, sondern auch auf dem Ringwall, dessen eigentliches Zentrum mit Kernburg und Tempel der Steig gar nicht ansteuert. Ein archäologischer Rundgang informiert mit zahlreichen Tafeln über die Geschichte des Ortes, parallel verläuft ein Kinder-Erlebnispfad, auf dem sich der Nachwuchs spielerisch in die Zeit der alten Treverer versetzen kann. Und keltisch inspirierte Kunst ist auf dem Skulpturenweg "Cerda & Celtoi” zu sehen.
Am spektakulärsten wird die im Volksmund Hunnenring genannte Anlage jedoch da, wo wir sie wieder verlassen. Haushoch und 40 Meter breit ist der Berg aus Steinen, den wir über eine schmale unebene Treppe erklimmen. Noch heute vermitteln die Felsmassen eindrucksvoll, was für eine Mauer hier einst stand: 20 Meter war sie hoch und 25 Meter dick!
Hinter dieser Mauer wartet ein weiterer saarländischer Superlativ: der Dollberg, die mit 695,4 Metern höchste Erhebung des Landes. Auf seinem Kamm wandern wir exakt an der Grenze zu Rheinland-Pfalz weiter. Zahlreiche alte Grenzsteine säumen den Pfad, der kilometerlang geradeaus durch lichten Wald führt. Nun, da die Flugzeuge weg sind, hört man die welkenden Blätter im Wind rascheln. Eichelhäher schreien. Steinpilze wachsen direkt am Wegesrand.
So wandern wir durch den jüngsten Nationalpark Europas. Schön ist er jetzt schon. Allerdings noch nicht ganz fertig. "Hier bauen wir den Wald um", steht auf großen Plakaten, mit denen die Parkverwaltung Wanderer darüber informiert, warum Nadelforst gefällt wird: Die Fichte wurde als Brotbaum der Holzindustrie von den Preußen eingeführt. Ein Baum, der unter dem Klimawandel leidet und nun wieder durch die heimische Buche ersetzt wird.
Auf einem breiten Waldweg führt das letzte Stück des Weges an einem plätschernden Bach vorbei, den wir auf Steinquadern überqueren, ehe wir eine weit geschwungene Wiese erklimmen, die den Blick Richtung Börfink öffnet.
Eine schöne Landschaft, eine lohnende Wanderung. Lehrreich, mit imposantem Gemäuer, anfangs anstrengend, später eher meditativ und - wie immer bei den Premiumwegen - so gut ausgeschildert, dass man keine Karte braucht. "Heel mooi (sehr schön)", lautet denn auch das Fazit meiner niederländischen Begleiter.
Ein Video von der Tour und weitere Bilder unter: volksfreund.de/tv-wanderwochen
Etappe 9, Start: Parkplatz Talsperre Nonnweiler, Ziel: Börfink, Einschiederhof. Länge: 13,8 Kilometer, Anstieg: 369 Meter. Wer nicht mit zwei Autos anreisen will, könnte auch die Dollbergschleife laufen, die über den Hunnenring führt. Infos unter www.saar-hunsrueck-steig.de
Extra: EINKEHREN, AUSRUHEN, NICHT VERPASSEN

Einkehren: Da kein einziges Restaurant direkt am Wegesrand liegt, sollten Wanderer ein Picknick einpacken. Auf dem Hunnenring lässt es sich mit Panoramablick herrlich schmausen. In Börfink (das allerdings auch nicht direkt am Wegesrand liegt) laden das Gasthaus Zur alten Mühle und der Forellenhof Trauntal zum Einkehren ein. Ausruhen: Die perfekte Bank erreicht man nach einem steilen Anstieg an der Südspitze des Ringwalls. Von hier aus hat man einen prächtigen Blick Richtung Stausee. Nicht verpassen: Genug Zeit sollte man für das nachgebaute Keltendorf (Eintritt: 2,50 Euro) und den beeindruckenden Ringwall einplanen, wo es jede Menge über das Leben der Treverer zu lernen gibt. Auch ein Skulpturen- und Kindererlebnisweg führen über die Wallanlage.