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Vergangenheit kreuzt Gegenwart: Archäologen schreiben Bitburgs römische Geschichte weiter fort

(Bitburg) Das rheinische Landesmuseum Trier ist wieder in Bitburg aktiv, um die römische Geschichte der Stadt zu erforschen: Grabungstechniker Marcus Thiel überwacht derzeit zwei benachbarte Baustellen im Stadtgebiet, wo Bagger ins Erdreich vorstoßen.

25.01.2016
Christian Moeris
Neben dem aktuellen Tagesgeschehen weitgehend unbeachtet wird auch die römische Geschichte Bitburgs laufend fortgeschrieben. Derzeit forscht Marcus Thiel, Grabungstechniker des Rheinischen Landesmuseums Trier, gleich auf zwei Baustellen im Stadtgebiet. Nach der unglücklichen Vernichtung antiker Fundstücke im Juni 2015 (der TV berichtete), seien Bauherren in Bezug auf antike Befunde etwas sensibler geworden, sagt Stadtratsmitglied Stephan Garçon (SPD). Er setzt sich ebenso wie Stadtratsmitglied Marie-Luise Niewodniczanska (FDP) fortwährend für die Erforschung der römischen Geschichte Bitburgs ein.

Wo stand das Theater?

Nun hat er sicherheitshalber wiedermal die Archäologen alarmiert und um die Beaufsichtigung der Baustelle im Görenweg nahe der Post gebeten. Denn dort, wo derzeit ein Mehrfamilienhaus entsteht, wurden im vergangenen Jahr die Fragmente römischer Säulen gefunden – und verschwanden genau so unerwartet in einem Steinschredder – immerhin hat eine Anwohnerin sie auf einem Foto verewigt. Garçon: „Dort ist ja so ziemlich Alles schief gelaufen, was schief laufen kann.“ Einen kleinen Erfolg konnte der Archäologe Thiel dort im Dezember dennoch verbuchen: In einer Baugrube neben dem Neubau entdeckte er den Sockel einer römischen Säule mit einem Durchmesser von etwa 60 Zentimetern (der TV berichtete), „der auf massive und repräsentative Bauten aus der römischen Zeit hinweist“, wie der Archäologe erklärt. „Imposante römische Architektur, die man in Bitburg gar nicht erwartet hätte“, ergänzt Garçon, der dort auf weitere Funde hofft – etwa das lang gesuchte römische Theater, das Lucius Ammatius Gamburius (siehe Extra) im Jahr 198 in Bitburg bauen ließ. 

Görenweg: Im Görenweg, wo Thiel auf diesen Säulensockel stieß, hat die Baufirma Eifelhaus gestern weitere Erdarbeiten gestartet. Berthold Steffes, Bauamtsleiter der Stadt Bitburg, erklärt die Baumaßnahme: „Der Bauherr lässt dort zwei unterirdische Kanäle, der eine 24 und der andere neun Meter lang, zur Rückhaltung des Regenwassers in den Boden betonieren.“ Deshalb hat Garçon wiedermal das Landesmuseum gebeten, die Bauarbeiten zu überwachen, „da in dieser hochsensiblen Ecke sonst der nächste Rückschlag droht.“ Insbesondere im Hinblick auf die Bewerbung für die Landesgartenschau 2022 seien weitere römische Fundstücke von großem Wert, sagt Garçon. Das Landesmuseum hat daher Grabungstechniker Thiel in die Eifel entsandt. Mehrere Tage wird er nun neben dem Bagger stehen und jede Schaufel Erdreich, die der Baggerfahrer aus dem Boden schaufelt, begutachten. „Hier setzt sich eine römische Mauer fort. Das haben wir herausgefunden. Aber große Befunde erwarten wir nicht mehr“, sagt Thiel. Dafür sei es mittlerweile zu spät, vermutet der Archäologe. Schließlich sei im Görenweg ja auch schon durch den Bau der umliegenden Häuser im vergangenen Jahrhundert meist ohne archäologische Beaufsichtigung gebaggert worden. 

Am Pintenberg: Nur 200 Meter Luftlinie von der Baustelle am Görenweg entfernt hat Thiel derzeit ein weiteres Grabungsfeld. Am Pintenberg sollen ebenfalls Mehrfamilienhäuser errichtet werden (der TV berichtete). Kaum hatten Bagger dort das Erdreich aufgerissen, stieß man auf römische Überreste. „Wir haben dort Mauerreste entdeckt. Die Gebäude haben zum römischen Vicus im Bereich der heutigen Kölnerstraße gehört, das demnach größer war, als bislang angenommen.“ Die Römer hätten die Siedlung jedoch zum Bau des späteren Kastells im vierten Jahrhundert selbst dem Erdboden gleich gemacht, sagt Thiel. „Die haben die Baumaterialien recycelt, die Gruben mit Schutt aufgefüllt und das Vicus einplaniert, um sich für drohende Angriffe der Germanen das Sichtfeld freizuräumen.“

Das Theater: Wo stand es denn nun, das pomphafte römische Theater, das sich Gamburius im Jahr 198 leistete? Oder wird man davon, egal wie gründlich man forscht, gar nie mehr etwas finden? Das wäre nämlich der Fall, wenn das repräsentative Bauwerk mit Bühne und Ehrenloge nicht aus Stein sondern aus moderndem Holz gebaut wurde. Pfostenlöcher aus der Römerzeit, auf die man im Görenweg gestoßen sei, könnten darauf hindeuten, dass dort eine größere Holzkonstruktion gestanden habe, sagt Garçon. Aber das sei Rätselraten, erklärt Thiel: „Das sieht mir nicht nach einem Theater aus, sondern nach Resten privater Gebäude.“ Weitere Erkenntnisse, sagt Garçon, seien wohl erst zu erwarten, wenn eines Tages auf dem brachliegenden Müller&Flegel-Gelände, wo ehemals ein Autohaus angesiedelt war, gegraben werden könne. 
 
Meinung

Zeitaufwendig, aber lohnend

Von Christian Moeris

Wenn Archäologen jubeln, weil sie auf einer Baustelle bedeutende Funde machen, können Bauherren meist nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Rücken die Altertumsforscher dann mit Hacke, Kelle und Pinsel an, um das Erdreich minutiös zu erkunden, dann droht sogar ein längerer Baustopp. Solche Verzögerungen kosten die Investoren bares Geld. Archäologen und Bauunternehmer werden wohl niemals so richtig gute Freunde werden. Doch bei allem Respekt für das Baugewerbe mit der Vielzahl an Beschäftigten: Die Forschung im Rahmen des Denkmalschutzes, die immer wieder die Zeitpläne der Bauherren kreuzt, hat auch ihre Daseinsberechtigung. Viele Bitburger verfolgen die Arbeit der Archäologen, die Licht in das Dunkel der mehrere Jahrtausende währenden Stadtgeschichte bringen, mit großem Interesse. Was wäre eine Stadt denn auch ohne ihre Geschichte? Allein die Archäologen können sie rekonstruieren. c.moeris@volksfreund.de
 
EXTRA: Der Stifter
Lucius Ammatius Gamburius war vermutlich ein reicher Händler, der im zweiten Jahrhundert wahrscheinlich in Bitburg – damals Vicus Beda – lebte. Aufgrund einer Inschrift, die 1889 auf einem Stein in Bitburg gefunden wurde, ist bekannt, dass er Bitburg ein Theater stiftete, auf dessen Standort es bisher allerdings genauso wenig Hinweise gibt wie auf seinen Stifter. Sicher ist dagegen, dass Vicus Beda zu einer für jene Zeit ansehnlichen Siedlung heranreifte. bec
 

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