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Wenn einer Drogen nimmt ... und alle gefangen sind: In Bitburg sprechen Eltern über ihre suchtkranken Kinder und helfen sich damit gegenseitig

Irgendwann hat sich etwas verändert. Utes* Sohn (*alle Namen von der Redaktion geändert) schreit sie immer öfter an. Einfach so. Manchmal schreit sie zurück, manchmal geht sie.

19.02.2016
Eileen Blädel
Marias Tochter hat Angstzustände. Mit ihnen wacht sie morgens schon auf. Wenn ihre Mutter sie zur Arbeit fährt, ist sie bereits im Auto klitschnass geschwitzt.

Helmuts Sohn ist aggressiv. Einmal hat er seinen Vater mit dem Messer angegriffen. "Früher, als er noch klein war", erzählt Helmut, "war er ein richtiger Strahlemann. Das ist er jetzt nicht mehr."

Wenn Kinder süchtig nach Drogen sind, fühlen sich ihre Eltern einer Sache auf ähnliche Weise ausgeliefert: der Hilflosigkeit. Und die macht sie manchmal sogar selbst krank.

Die Tochter unterbricht ihre Ausbildung, die Mutter kann nicht mehr zur Arbeit gehen. Maria hat dann nicht nur die 19-Jährige in eine Klinik gebracht, sondern sich auch selbst einer Therapie unterzogen. Und die ganze Zeit über fragt sie sich, wie sie ihrer Tochter helfen kann. Während andere ihr sagen: "Lass sie los! Lass sie auch mal in Ruhe!", sagt sie: "Aber mein Gott, sie ist doch krank!"

Nur wenigen hat Maria erzählt, was mit ihrer Tochter los ist. Freunden, Bekannten und Nachbarn sagt sie, dass ihre Jüngste psychische Probleme hat. Das ist nicht gelogen. Die ganze Wahrheit ist es aber auch nicht.

In einer Selbsthilfegruppe kann Maria sprechen: über die Probleme der Tochter, über ihre eigenen Sorgen. Für Maria ist das eine ganz neue Erfahrung. Solche Elternkreise kamen bereits in den 70er Jahren auf, nach der ersten großen Drogenwelle, die auch an der Eifel nicht vorbei ging.

Seit vergangenem Jahr gibt es einen neuen Elternkreis in Bitburg, und das ist Josef Fuchs zu verdanken: Er arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei der Sucht- und Drogenberatung des Caritasverbandes Westeifel in Bitburg und lädt in regelmäßigen Abständen Eltern von drogenabhängigen Kindern zum gemeinsamen Gespräch.

Josef Fuchs will die Eltern in der Eifel nicht alleine lassen. Auch nicht mit ihren Schuldgefühlen: "Die schwingen immer ein bisschen mit", sagt er. "Da hat man das Gefühl, man sei eine ganz normale Familie, und fragt sich: Wie konnte uns das passieren?"

Wie es seiner Familie hat passieren können, weiß auch Helmut nicht. Was er weiß, ist: Dass sein Sohn, der seit seiner Jugend unter einer Form von Schizophrenie leidet, mit zwölf Jahren zum ersten Mal Drogen genommen hat. Dass er, wenn es um Geld ging, Helmut und seine Frau manchmal gegeneinander ausgespielt hat. Dass Helmuts anderes Kind oft zu kurz gekommen ist.

Irgendwann ist dann der Streit ausgeartet, erzählt Helmut: "Er ist ausgezogen und hat den Kontakt zu uns abgebrochen. Wir haben ihm gesagt: Wir sind doch deine Eltern und immer für dich da. Aber er wollte uns nicht sehen."
Heute geht es seinem Sohn, der in einer betreuten Einrichtung lebt, besser. Der Familie auch. Wie früher ist es nicht.
Manchmal kommt sein Sohn zu Besuch. Manchmal ruft er an. "Und ich habe mich auch verändert", sagt Helmut. "Ich kann mich wieder über Dinge freuen." Nur die Angst vor Rückschlägen, die ist immer da.

Das Entscheidende nach jeder Therapie, sagt Fuchs, "ist die Zeit danach". Wenn der Suchtkranke wieder in sein altes Umfeld zurückkomme. "Es gibt viele Gründe, rückfällig zu werden."

Nicht für Marias 19-jährige Tochter. Denn sie hat nie wirklich versucht aufzuhören. "Sie sieht die Drogen nicht als Problem. Sie hat noch nie gesagt: Ich nehme jetzt nichts mehr", erzählt Maria.

Einmal haben Polizisten ihr Haus durchsucht. Maria war im Garten, als die Streife hielt. Gefunden haben sie nichts.
"Wir haben eine Absprache: keine Drogen", sagt Maria. "Aber ich finde trotzdem immer mal etwas bei ihr. Und dann bin ich zu feige, um sie darauf anzusprechen." Sie zuckt mit den Schultern. "Ich werfe es dann einfach weg."

Ute, Mutter eines 25-Jährigen, greift nach ihrer Hand. "Obwohl man die anderen Kinder nicht kennt", sagt sie, "tut es einem weh." Dann erzählt sie, was sie zu ihrem Sohn gesagt hat, als sie ihn zur Entgiftung in eine Klinik brachte. Und dass sie das so viel gekostet hat. "Hier bleib ich nicht, guck mal, wie die alle aussehen, hat er gesagt. Da hab ich ihm geantwortet: Die sehen nicht anders aus als du." Und dann ist er geblieben.

Dabei ist es doch der Mutter genauso schwergefallen, ihn dort zurückzulassen. Nicht zu wissen, wie es ihm geht. "Die Kinder müssen lernen, einen eigenen Weg zu finden", sagt Fuchs. Aber die Eltern müssen sie auch lassen. Wenn das Verhältnis "zu eng, zu symbiotisch" ist, dann ist das auch nicht gut. "Das ist das, was man co-abhängig nennt."

Das Problem ist nur: Was ist, wenn ihr Weg die Kinder nach unten führt? Die Eltern einem Absturz nach dem anderen zuschauen müssen, zu Zeugen des Unglücks ihrer Schützlinge werden?

Hilfe lässt sich nicht aufdrängen. Fuchs: "Das ist ein Prozess. Und Betroffene sagen das oft: Der ist noch nicht weit genug unten - auch wenn wir das gern verhindern möchten." Manchmal sei es erst der zehnte Krankenhausaufenthalt, der die Abkehr von den illegalen Suchtmitteln bewirkt, die heute am häufigsten konsumiert werden: THC und Amphetamin - eine Droge, die entspannt, eine Droge, die aufputscht. "Das steht für unsere Zeit", sagt Fuchs.

Marias Tochter sagt manchmal zu ihr, sie verstehe nicht, welchen Sinn das Leben hat. Die Drogen werden ihn ihr nicht geben. Doch das muss sie selbst erkennen. Und dann? Ändert sich vielleicht wieder etwas. Das nennt man dann Hoffnung.
Extra: Fragen an Josef Fuchs
Josef Fuchs von der Fachstelle Suchtprävention sowie Sucht- und Drogenberatung beim Caritasverband Westeifel in Bitburg. 

TV: Warum haben Sie den Elterntreff ins Leben gerufen?
Josef Fuchs: "Wenn Tochter oder Sohn drogenabhängig werden, ist die ganze Familie betroffen. Doch Eltern von erwachsenen Kindern werden gerne vergessen. Dabei fragen gerade sie sich oft: Welche Rolle spiele ich jetzt noch? Ein Impuls war auch die Aussage einer Mutter, die zu mir gekommen ist und sich genau das gewünscht hat: einen geschützten Raum zu haben. Für all die offenen Fragen und die Angst, das eigene Kind zu verlieren. Die innere Not von Eltern hat mich berührt und nachdenklich gemacht."

Wann kommen Eltern zu Ihnen?
Josef Fuchs: " Darüber zu reden, fällt schwer. Betroffene kommen erst, wenn vorher etwas passiert ist, meist eine massive Auffälligkeit - sei es eine Anzeige, ein Führerschein-Entzug, die Einlieferung ins Krankenhaus oder massive Verhaltensauffälligkeiten wie Desorientiertheit, Stimmungsschwankungen oder Rückzug."

Was möchten Sie erreichen?
Josef Fuchs: "Die Eltern sollen das Spektrum der Suchterkrankungen und die Folgen davon kennenlernen und ihre Situation besser einschätzen können. Sie lernen voneinander, wie man sich in bestimmten Situationen verhält. Es geht auch darum, anzunehmen, was ist, und sich davon ein Stück weit abzugrenzen und davor zu schützen. Sich selbst wieder näherzukommen, um den eigenen Halt nicht zu verlieren."

Hilfe: Die Beratungsstelle des Caritasverbandes berät Betroffene und ihre Angehörigen in Einzel- und Gruppengesprächen. Darüber hinaus hilft sie in der Suchtprävention, mit theaterpädagogischen Angeboten, in Schulen oder dem Fred-Kurs: Fred steht für Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten und wird vom Gericht als Auflage angeordnet. eib

Wenn Sie Hilfe brauchen, können Sie sich an die Dienststellen in Bitburg (06561/96710), Prüm (06551/971090), und Daun (06592/95730) wenden.
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