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Zwei Eifeler unterwegs: 100 Kilometer zu Fuß durch Rumänien - und das in 28 Stunden

(Eisenach/Ernzen/Bran) 28 Stunden sind die Eifeler Erich Mossal und Sebastian Malambré beim "Transsylvania 100" durch die Karpaten gelaufen — ohne Schilder, ohne Rast. Sie erzählen von Bären, Halluzinationen und dem Luxus eines heißen Kaffees.

02.06.2017
Christian Altmayer
Erich Mossal und Sebastian Malambré klettern einen Hang hinauf. Rechts und links ragen Felsen aus dem Nebel - wie Zähne eines riesigen Tieres. Kein Schild zeigt, wo’s langgeht, nur ein paar Fußstapfen im Schnee. Wind peitscht durchs Haar, Eis knirscht unter den Sohlen. Ein falscher Schritt auf dem glatten Untergrund kann den Absturz bedeuten.

Dann passiert es: Ein Mann rutscht vor Malambré aus. Er fällt und schlittert den Berg hinab - direkt auf den Ernzener zu. Der 36-Jährige kann nicht mehr ausweichen. Der Gestürzte reißt ihn mit wie eine Lawine. Gut zehn Meter rollen die beiden in die Tiefe, bevor sie keuchend zum Stehen kommen. Beide bleiben unverletzt.

An anderer Stelle hätte ein solcher Sturz tödlich ausgehen können, sagt Malambré, "Es gibt Stellen, da kannst du abrutschen und siehst nicht mal, wo du landest."

Doch das hat den Eifeler von vornherein nicht abgeschreckt. Dass es hart, womöglich gefährlich werden würde auf dem Transylvania100, wussten er und sein Freund Erich Mossal aus Eisenach. Schon im September hatten sie sich für den Traillauf durch die Karpaten angemeldet. Die 100 im Namen des Rennens steht für die gut 100 Kilometer, die die beiden in der rumänischen Provinz Siebenbürgen zurücklegten.

Trotz des Langstreckencharakters hat ein Traillauf wenig mit einem Marathon gemein. Der große Unterschied: Es geht nicht über ebene Straßen, sondern querfeldein. Mal müssen die Eifeler durch hüfthohes Gebüsch rennen, mal meterhohe Felsstufen erklimmen, Hänge hinunterrutschen, über Zäune klettern und durch Flüsse waten. Trockenen Fußes schafft das niemand - Gore-Tex-Schuhe hin oder her. Kalter Wind kriecht in die Knochen, Hagelkörner schmerzen auf der Haut "wie Nadelstiche". Auch Blasen an den Füßen bleiben nicht aus. "Aber die spürst du irgendwann nicht mehr", sagt der 46-jährige Mossal, dessen Alter nur die Lachfältchen um die Augen verraten. Beide Sportler sind schlank, durchtrainiert, tragen die Bärte lang und die Haare kurz.

Zwei Wochen nach dem Trail sitzen sie in Mossals Wohnzimmer in Eisenach bei einer heißen Tasse Kaffee. Apropos Kaffee: Den ersten in Rumänien bekamen sie erst nach 17 Stunden - Nonstop in Bewegung, ohne Schlaf oder längere Rast, bei einstelligen Temperaturen. "Das hat so gutgetan", erinnert sich Malambré. Insgesamt waren die beiden genau 28 Stunden, 12 Minuten und 20 Sekunden unterwegs. Rund 6800 Höhenmeter haben sie zurückgelegt.

Auch nachts verschnauften sie nicht. Wer sich hinlegt, steht nicht wieder auf, sagt Mossal: "Irgendwann läufst du wie in Trance und beginnst zu halluzinieren." Er erzählt:
Mitten in der Nacht laufen die beiden durch den Wald. Wo der Zeiger steht, können sie nicht sagen, das Zeitgefühl: längst verloren. Stirnlampen erhellen den Weg wie Autoscheinwerfer. Bäume und Felsen werfen lange Schatten. Hier knackt es, dort raschelt es. Inmitten dieses nächtlichen Treibens: zwei schnaufende Sportler, durchnässt und erschöpft. Immer wieder fallen ihnen beim Laufen die Augen zu - Sekundenschlaf.

Plötzlich sieht Mossal in der Ferne eine Berghütte, ein leuchtendes Dachfenster. Vielleicht der nächste Verpflegungspunkt? Die beiden laufen schneller. Als sie an der Stelle ankommen, entpuppt sich die Berghütte als Fels.

Ein anderes Mal hält Mossal einen Baumstumpf für einen Bären. So unwahrscheinlich ist das gar nicht, Meister Petz in den rumänischen Wäldern zu begegnen. Unterwegs sehen die Eifeler sogar Tatzenspuren. Deshalb haben die Organisatoren des Laufes den Teilnehmern geraten, Trillerpfeifen mitzunehmen. Sie sollen die Bären vertreiben.
Wilde Tiere, steile Hänge, blanke Erschöpfung: Nicht jeder Sportler würde solche Strapazen auf sich nehmen, vielleicht irgendwann auf halbem Weg aufgeben. Doch die Läufer es immer wieder geschafft, sich gegenseitig zu motivieren.

Schließlich habe es auch schöne Momente gegeben, "Highlights" wie sie sagen: etwa die aufgehende Sonne beim Anstieg auf den letzten Gipfel oder den "Kamin": eine auf dem Grund mit Schnee und Eis bedeckte Felsschlucht, die nach oben hin enger wird.

Die Eifeler kennen sich seit rund drei Jahren und trainieren seitdem regelmäßig zusammen. Vier bis fünf Einheiten in der Woche sind für sie normal. Vor einem großen Trail wie dem Transylvania100 laufen sie auch schon mal mehr als 60 Kilometer am Tag.

Dabei ist keiner der Beiden Berufsathlet. Malambré hat einen Fahrradladen, Mossal arbeitet für einen Verlag, der unter anderem Kinderbücher von Prinzessin Lillifee vertreibt. In wenigen Jahren wurden aus den beiden Hobbyläufern Extremsportler.

So gehören sie schließlich auch zu den rund 100 von 200 angemeldeten Teilnehmern, die es schaffen im Ziel anzukommen - "unter Fluchen", wie Malambré lachend zugibt: "Wir haben die verdammte Burg schon gesehen und mussten dann noch eine unnötige Schleife durch den Schlamm rennen."

Die Burg, von der er redet, kennt manch einer aus Bram Stokers "Dracula". Es ist das Schloss Bran, in dem seinerzeit der berüchtigte Fürst Vlad gelebt haben soll. Sie ist Start und Ziel des Transylvania100. Nach fast 30 Stunden schaffen sie es als Siebenundsechzigste dorthin. Die Zwei überqueren die Zielgerade in der selben Sekunde .
Doch auf die Platzierung kam es ihnen ohnehin nicht an - es geht ums Abenteuer und darum, die eigenen Grenzen zu überwinden.

Bald wollen Mossal und Malambré wieder starten. Am Samstag, 9. September, führt der Ultratrail du Mullerthal Luxembourg, kurz UTML, über 112 Kilometer durch die Luxemburger Schweiz.
Und ja: Dann ist der TV live mit der Kamera dabei.