/dossier/default

Aachener erobert Herzen der Eifeler Genossen

SPD wählt Jan Pauls (32) zu ihrem Direktkandidaten für die Bundestagswahl im Wahlkreis 202 im ersten Durchgang

(Prüm) Die Stimmen sind ausgezählt: Jan Pauls (32) wird im Wahlkreis Bitburg bei der Bundestagswahl als SPD-Direktkandidat an den Start gehen. Er bekam bei der Wahlkreiskonferenz der Genossen in Prüm auf Anhieb die Mehrheit der Stimmen. Der 32-Jährige aus dem Aachener Raum war nicht auf die übliche Weise nominiert worden, sondern hatte sich auf eine bundesweite Stellenausschreibung der Partei beworben. Dossier zum Thema: Bundestagswahl 2017

28.11.2016
Christian Altmayer
Prüm. "Ich will euch nichts vormachen. Ich kann jetzt noch nicht jedes Problem lösen", sagt Jan Pauls ins Mikrofon. Die Genossen der SPD-Wahlkreiskonferenz in der Karolingerhalle in Prüm klopfen auf die Tische, klatschen in die Hände. Selten gab es für ein solches Eingeständnis so viel Applaus. Doch wenn ihm auch noch der Masterplan in der Tasche fehlt, eine Meinung hat der 32-Jährige trotzdem zu allen Fragen, die ihm die Genossen an diesem Abend stellen. Und dass der Nordeifeler sich nicht scheut, diese auch klar zu äußern - in einfachen Worten, nicht im üblichen Politiker-Sprech - das kommt offenbar an bei den Sozialdemokraten. Ceta? ("Erst unterschreiben, wenn alle Zweifel ausgeräumt sind."), Verkehr? ("Weg von der Straße, rauf auf die Schiene."), AFD und Rechtspopulisten? ("Nicht immer gleich die Nazikeule schwingen.").
Mehr als die Hälfte der Delegierten hatte der Maschinenbauingenieur am Freitag hinter sich. Und zwar im ersten Wahlgang. 36 der 66 Genossen machten ihr Kreuzchen für ihn. Sein Konkurrent Antonio Giarra-Zimmermann erhielt 18, der Dauner Tobias Geisbüsch elf Stimmen. Pauls wird also nächstes Jahr für die SPD als Direktkandidat bei der Bundestagswahl im Wahlkreis 202 (siehe Extra) antreten.

Bundestagswahl 2017


Er war einer der beiden Kandidaten, die als Sieger aus der bundesweiten Stellenausschreibung der Partei hervorgegangen sind (der TV berichtete). Aus 118 Bewerbern waren er und Giarra-Zimmermann ausgewählt worden. Dieses Verfahren, eine Idee des Landtagsabgeordneten Nico Steinbach, sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit, aber auch für Kritik - teils aus den eigenen Reihen. So meinte in Prüm beispielsweise der Delegierte Fritz Seibel aus Seiwerath: "Ich kenne die Kandidaten nur aus der Zeitung." Er verstehe nicht, warum die Partei stattdessen nicht - auf die übliche Weise - ein bekanntes Gesicht nominiert habe. Agnes Tillmann Steinbuß, SPD-Politikerin aus Speicher, sieht das anders: "Durch die Ausschreibung haben wir viel mehr Bewerber erreicht." In einer schwierigen Situation wie dieser müsse man alles versuchen. Was sie damit meine? Niemals hat es ein Direktkandidat der SPD aus dem Bitburger Wahlkreis geschafft, in den Bundestag einzuziehen.
Steht Pauls also auf verlorenem Posten? "Nein", sagt er, "es ist alles offen." Wahlergebnisse seien heute doch längst nicht mehr so vorhersehbar - das zeigten schon die Ergebnisse der AfD und Donald Trumps. Er jedenfalls werde alles daran setzen, zu gewinnen. Und warum sollten die Eifeler ihn wählen? Weil er eben kein Polit-Profi sei, sagt er. Genau das könnte es sein, was die Sozialdemokraten an Antonio Giarra-Zimmermann abgeschreckt hat. Denn der Berliner Politikwissenschaftler präsentierte sich in der Karolingerhalle so, als ob er auf Anne Wills Sofa sitzen würde. Fachlich kompetent - ja, aber auch sehr technisch und vorsichtig in seiner Ausdrucksweise. Hinzu kommt: Giarra-Zimmermann hat schon Wahlkämpfe geleitet, kennt die Partei-Spitze. Er gehört also im Gegensatz zu Pauls zum Establishment.
Immerhin kann man ihm nicht vorwerfen, dass er keine Erfahrung hat. Im Gegensatz zum dritten Kandidaten Geisbüsch, den die Vulkaneifler auf die übliche Weise nominiert hatten. Dem 26-jährigen Landschaftsarchitekten aus Daun, der auf der Bühne noch etwas unsicher wirkte, haben die meisten Genossen das Amt wohl noch nicht zugetraut.
Und wie geht es jetzt für Pauls weiter? Erst einmal werde er mit seiner Familie ein besinnliches, ruhiges Weihnachtsfest feiern, sagt der Gewinner. So lange müsse der Wahlkampf noch warten. Den Besuch in der Südeifel, anlässlich der Wahlkreiskonferenz, hatte der ehemalige Bundeswehr-Offizier gleich genutzt, um sich eine Wohnung in der Tiergartenstraße anzusehen.
Extra
Der Wahlkreis 202 umfasst neben dem Eifelkreis Bitburg-Prüm den Landkreis Vulkaneifel sowie große Teile des Landkreises Bernkastel-Wittlich. Die etwa 166 000 Wahlberechtigten haben sich seit 1965 stets für Direktkandidaten der CDU entschieden. Gegenwärtig sitzt Patrick Schnieder für die Eifeler im Bundestag und ist auch für 2017 erneut von der CDU zum Direktkandidaten gewählt worden. Er erhielt bei der Bundestagswahl 2013 mehr als 50 Prozent der Erststimmen, der SPD-Kandidat Jens Jenssen 26 Prozent. cha