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Große Resonanz, mächtiger Widerstand

Veranstaltung zur geplanten Deponie in der Strohner Grube - Diskussion dauert fünf Stunden

(Strohn) Rund 350 Zuhörer sind am Mittwoch zu einer Infoveranstaltung gekommen, um die umstrittenen Pläne für eine Abfalldeponie in der Lavagrube Wartgesberg bei Strohn zu diskutieren. Von vielen wird eine Befragung der Einwohner gefordert, was auch die Bürgerinitiative anstrebt.

07.11.2013
Stephan Sartoris
Strohn. "Nein, wir können leider niemanden mehr reinlassen", sagt ein Helfer am Eingang des Strohner Bürgerhauses. Es ist Schauplatz der Informationsveranstaltung, zu der die Gemeinde wegen der geplanten Einrichtung einer Deponie in der Lavagrube eingeladen hat.
Das Interesse ist riesig: Gut 350 Zuhörer haben sich eingefunden, für die, die keinen Platz mehr bekommen haben, werden die Fenster geöffnet, damit sie von draußen die von Rechtsanwalt Ralf Herbener (Bitburg) moderierte Veranstaltung zumindest akustisch verfolgen können.
Ortsbürgermeister Alois Pohlen stellt sich mit Landrat Heinz-Peter Thiel, Hans-Peter Felten (Nabu), Norbert Leinung (BUND), Axel Römer (Bürgerinitiative gegen die Deponie), Professor Gerhard Rettenberger (Trier) und Jörg Scherer (Scherer Baustoffe GmbH) den Fragen des Publikums. Der Unternehmer schaut auf das Publikum und sagt: "Angesichts des vollen Hauses gibt es offensichtlich noch Redebedarf."

Fünf Stunden wird diskutiert


Gut erkannt: Am Ende hat die Veranstaltung gut fünf Stunden gedauert, aber viele Fragen sind vor allem aus Sicht der Deponiegegner nach wie vor ungeklärt. Viele von ihnen haben sich gründlich vorbereitet, haben große Ordner auf dem Schoß, haben die Unterlagen, die Scherer mit dem Genehmigungsantrag eingereicht hat, genau gelesen und sich auch mit Experten ausgetauscht. Sie befürchten Gesundheitsschäden durch Feinstaub oder Lärm, eine Beeinträchtigung des Tourismus und sehen auch das Trinkwasser gefährdet, wenn tatsächlich gefährliche Stoffe auf der Deponie abgelagert werden sollten und nicht mehr wie bisher nur Bauschutt und Erdaushub.
Viel Kritik gibt es, dass die Gemeinde die Bürger nicht ausreichend über mögliche Gefahren informiert hätte. Der Ortsbürgermeister wehrt sich, es habe keine "Heimlichtuerei" gegeben, "jeder konnte sich ein Bild machen". Scherer springt ihm bei und sagt, es sei alles "von Anfang an alles offen gestaltet und nichts verschleiert worden."

Eindeutige Stimmung


Aber die beiden haben an diesem Abend einen schweren Stand. Der Unternehmer beklagt mehrfach, dass die Diskussion aus seiner Sicht nicht an der Sache orientiert, sondern von Emotionen geprägt sei. Landrat Thiel verweist wie Pohlen darauf, dass der Bedarf für eine solche Deponie vorhanden sei. Nicht allein für den Kreis Vulkaneifel, sondern für weitere Kreise im nördlichen Rheinland-Pfalz. Wie die Stimmung im Publikum ist, wird schnell klar: Nein zur Deponie. Wenn Naturschützer Leinung erklärt, eine solche Deponie vertrage sich nicht mit dem Gesundland und dem Natur- und Geopark Vulkaneifel, bekommt er großen Beifall. Applaus auch für den BI-Vorsitzenden, wenn er sagt: "Es kann nicht sein, dass hier gefährliche Stoffe bei uns deponiert werden." Norbert Otten, Landwirt und Direktvermarkter aus Strohn, appelliert direkt an den Ortsbürgermeister: "Alois, lehne die Deponie grundsätzlich ab, denk dabei an deine Enkel."
Eifel-Vulkan-Experte Professor Georg Büchel von der Uni Jena sieht durch die Deponie das Geopotenzial für Strohn gefährdet. Irene Sartoris, Leiterin des Vulkanhaus Strohn, dankt für die langjährige gute Zusammenarbeit mit Scherer und appelliert an den Unternehmer: "Lassen Sie uns gemeinsam etwas anderes gestalten, hier in Strohn können wir noch viel mehr machen in Sachen Geotourismus - ohne Deponie!"
Immer wieder wird von Zuhörern der Gemeinderat angesprochen. Den wohl stärksten Beifall bekommt dabei Erwin Reinert: "Die Ratsmitglieder sollen heute nach Hause gehen, sich besinnen und geheim noch mal über das Projekt abstimmen." Anderen geht das nicht weit genug: Sie wollen eine Befragung der Bürger, ob sie die Deponie befürworten.
Jörg Scherer gibt sich unbeeindruckt: "Eine Deponie ist die Grube schon seit lange und verfüllt wird auch weiterhin."
Meinung
Bürger haben nun das Wort

Welch ein denkwürdiger Tag für Strohn: Am Mittwoch ist im proppenvollen Bürgerhaus deutlich geworden, wie sehr die geplante Deponie die Menschen mittlerweile bewegt. Im Dorf, aber längst auch schon weit darüber hinaus. Wer die Veranstaltung verfolgt hat, kann nur zu einem Fazit kommen: Der Widerstand ist so massiv, dass der Ortsbürgermeister und der Gemeinderat gut beraten sind, das nicht zu ignorieren und die bereits gefällte Entscheidung noch einmal zu überdenken. Aber damit nicht genug: Es ist nicht damit getan, dass sich der Rat mit der umstrittenen Thematik beschäftigt, hier ist nun in erster Linie die Meinung der Bürger von Strohn und seinen Ortsteilen Trautzberg und Sprink gefragt. Angesichts der Brisanz müssen die Bürger gefragt werden, ob sie für oder gegen die Deponie sind. Am Ende ist es auch nicht von großem Belang, ob das als "einfache" Bürgerbefragung oder als richtiges Bürgerbegehren gemacht wird. Bleibt die Meinung der Bevölkerung weiter außen vor, ist - wie auch in der Versammlung mehrfach prognostiziert - ein Riss durch das Dorf zu befürchten, der wohl kaum mehr zu kitten wäre. Ortsbürgermeister, Rat und Unternehmer Scherer müssen sich nun fragen: Ist es ihnen das wert? s.sartoris@volksfreund.de
Extra
Darum geht es: Auch schwach belasteter Abfall - wie auch Bauschutt - darf nur an besonderen Orten abgeladen werden darf: in Deponien der Klasse I. Wird eine solche für Strohn genehmigt, muss der Boden mit Folien abgedichtet werden, es müssen Drainagen und Kanäle gelegt werden, damit das Grundwasser nicht mit dem Abfall in Berührung kommt. In vier Abschnitten soll die Grube bis zum Jahr 2068 gefüllt werden. Geschätzte Investitionskosten: fast 28 Millionen Euro. Der am Mittwoch präsentierte und von Gemeinde und Unternehmer vereinbarte Katalog der Stoffe, die künftig gelagert werden dürfen, umfasst vieles, was bislang schon in der Grube landet. Neu sind unter anderem: asbesthaltige Baustoffe, Dämmmaterial, Rost- und Kesselaschen sowie Schlacken. So geht es weiter: Das Planfeststellungsverfahren läuft bereits. Zuständig ist die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord in Koblenz, die entscheidet, ob die Deponie in Strohn genehmigt wird. Es hat zwei Einwendungen gegen das Verfahren gegeben. Für Anfang Dezember will die SGD einen - im Verfahren vorgeschriebenen - Erörterungstermin anberaumen. Dann werden die Einwände gegen das Projekt erörtert. Solche Termine sind meist nicht öffentlich. Wann die SGD endgültig entscheidet, steht noch nicht fest. Die Bürgerinitiative prüft, ob gegen den Beschluss des Gemeinderats pro Deponie ein Bürgerbegehren gestartet werden kann. sts