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Senioren am Steuer eines Autos: Mit 66 ist noch lange nicht Schluss

(Daun) Polizei und Verkehrswacht haben in Daun einen Verkehrssicherheitstag für Senioren veranstaltet. Nicht nur für die "Fahrschüler" war der ein Gewinn.

23.10.2017
Jürgen C. Braun
"Übermorgen", sagt Walburga Willems, und dabei schwingt berechtigter Stolz in ihrer Stimme, "übermorgen sind es genau 50 Jahre her, dass ich meinen Führerschein bekommen habe." Und dann blickt sie herausfordernd auf die Dame, die neben ihr auf dem Beifahrersitz Platz genommen hat und fragt: "Wollen wir?" Es ist Fahrlehrerin Jacqueline Degener. Und dann geht es auch schon los ins Dauner Verkehrsgewürge an diesem trüben Samstagvormittag.

Walburga Willems ist eine von knapp 20 Teilnehmer(inne)n eines sechsstündigen Verkehrssicherheitstrainings für Senioren "Ü 65", das die Verkehrswacht Vulkaneifel in Zusammenarbeit mit der Dauner Polizei im Verkehrsgarten anbietet. Und Fahrlehrerin Jacqueline Degener fungiert als Nachhilfelehrerin, helfende Hand und einfühlsame Tippgeberin.

Dass Bedarf und Interesse bestehen, ist offensichtlich. "Wir waren ruck, zuck ausgebucht. Aber mehr als 20 Personen funktionieren hier oben nicht", berichtet Natascha Raab-Sauer. Die Polizeioberkommissarin ist Verkehrssicherheitsberaterin der Dauner Polizei.

"Dreimal pro Jahr", sagt sie, wolle man diese aktive Nachhilfe, bestehend aus Theorie und Praxis, in Zukunft in Daun anbieten. Wieder, weil das Projekt "für einige Zeit auf Eis lag."

Die Damen und Herren an diesem Tag, die ihren Führerschein gemacht haben, als deutsche Bundeskanzler Erhard, Kiesinger oder Brandt hießen, lauschen den Referenten Hans Esten und Heiner Wirf. Beide informieren zu komplexen Themenbereichen: Gesundheit, Wechselwirkungen von Medikamenten, deren Auswirkungen im Verkehr. Oder technische Neuerungen an fahrzeugen wie Assistenzsysteme.

Überwindung, sich anzumelden, habe es sie nicht gekostet, erzählt Walburga Willems. Falsche Eitelkeit nach dem Motto "Brauche ich doch nicht" sei nicht angebracht. "Ich wollte erfahren, was es Neues gibt, noch einmal mit einem Fahrlehrer unterwegs sein, der mir Tipps gibt. In einem halben Jahrhundert hat sich ja eine Menge verändert."
"Einen Heidenrespekt" vor den Leuten, die teilnähmen, habe sie, sagt Natascha Raab-Sauer und fügt hinzu: "Wir möchten, dass die Menschen auch im Alter mobil bleiben. Sicher mobil." Es gehe überhaupt nicht darum, die Fahrkompetenzen der Teilnehmer infrage zu stellen. Gerade in ländlichen Bereichen wie der Vulkaneifel sei das Auto oft der einzige Weg, um soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. "Wie wollen Leute auf dem Dorf sonst zum Arzt, zum Einkaufen oder zu Freunden kommen?"

Walburga Willems genießt die Zeit mit der Fahrlehrerin an ihrer Seite. Sie ist wissbegierig und erzählt auch selbst. "Ich habe mich durchgesetzt gegen meinen Mann, als es um unser neues Auto ging. Ich wollte eines mit Automatik haben. Da kann ich mich voll auf den Verkehr konzentrieren."

Dann kommt ihr persönliches Aha-Erlebnis an diesem Tag: "Ich wollte schon immer wieder hinter einem Auto am Straßenrand einparken üben." "Gerne", sagt Jacqueline Degener. Mit viel Fingerspitzengefühl, Ruhe und Umsicht leitet sie ihre Schülerin an: Blickkontakt zur Seite, dann zur B-Säule des eigenen Fahrzeugs, schließlich zur Motorhaube. Nicht zu früh lenken, dann eineinhalb volle Umdrehungen."

Und wie von Geisterhand parkt die Dame, die vor 50 Jahren ihren "Lappen" bekommen hat, - ("Ich war in der Fahrschule Reicherts in Daun") - ihren schmucken Peugeot 308 korrekt an den Straßenrand. "Passt, super!" lobt die Fahrlehrerin. Die Probandin strahlt. "Toll. Davor hab ich mich oft gedrückt."

Mit einem guten Gefühl fahre sie heute nach Hause: "Der Verkehr ist dichter geworden, die Fahrzeuge zwar bequemer, aber auch anspruchsvoller." Und dann gibt sie den Jüngeren noch einen mit: "Viele kennen das Wort Rücksicht auf der Straße nicht mehr."

Wovon an diesem Tag im Dauner Verkehrsgarten keine Rede war. Bei einem Termin, der allen, gleich welchen Alters, Freude bereitet hat und von dem alle profitierten. Frei nach Udo Jürgens ist nämlich auch hinter dem Steuer "mit 66 noch lange nicht Schluss".
Kommentar
Meinung
Fortsetzung wünschenswert
Ruck, zuck ausgebucht! Das hohe Interesse zeigt, dass Polizei und Kreisverkehrswacht mit ihrem Schulungsangebot für Senioren voll ins Schwarze getroffen haben. Dass Bedarf besteht, zeigen erstens die Zahlen der jährlichen Unfallstatistik, in der ältere Verkehrsteilnehmer relativ oft als Unfallverursacher auftreten. Zweitens werden künftig prozentual immer mehr Senioren hinter dem Steuer sitzen. Solange sie dazu körperlich in der Lage sind, ist das auch gut und richtig so. Ihnen durch das Auffrischen von Wissen und praktischen Tipps wieder mehr Sicherheit beim Autofahren zu geben, ist exakt der richtige Ansatz, um für mehr Sicherheit auf den Straßen zu sorgen. Das Angebot sollte daher dauerhaft aufrechterhalten werden. Dafür muss die Polizei aber auch die Kapazitäten erhalten. m.huebner@volksfreund.de
Extra: BILANZ DER "AUTO-SENIOREN"
Ältere Autofahrer tauchen in der Unfallstatistik seltener auf als jüngere. Allerdings sind Pkw-Fahrer, die älter als 75 Jahre sind, häufiger Verursacher, wenn es zu Unfällen kommt, besagt eine Statistik des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR). Im Bereich der Polizeiinspektion Daun lag der Anteil von Unfallbeteiligten über 65 Jahren von 2012 bis 2016 zwischen 11,57 und 16,19 Prozent. Der Anteil von Personenschäden lag dabei zwischen 14,4 (2012) und 8,6 (2016) Prozent. Hauptursache von Unfällen, an denen Senioren beteiligt waren, waren "Fehler beim Wenden und Rückwärtsfahren".