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Rat stoppt Pläne für Hühnerfarm

Keine Massentierhaltung im Birresborner Gewerbeareal - Grund für Absage: Bürgerproteste

(Birresborn) Der Ortsgemeinderat Birresborn hat am Montagabend in nicht öffentlicher Sitzung die Pläne für eine Mega-Hühnerfarm im Gewerbegebiet vor den Toren des Dorfes gekippt. Grund waren die andauernden Proteste zahlreicher Bürger gegen das agrarindustrielle Vorhaben des niederländischen Investorenpaars im Kylltal.

03.12.2013
Mario Hübner
Birresborn. "Der Gemeinderat hat sich mit großer Mehrheit gegen die Ansiedlung der Hühnerfarm im Gewerbegebiet ausgesprochen, weil sie auf absehbare Zeit nicht realisierbar erscheint. Der Protest der Bevölkerung gegen das Vorhaben ist zu groß. Bei einem Genehmigungsverfahren wären mit Sicherheit noch etliche Klagen hinzugekommen." Das sagte Birresborns Ortsbürgermeister Michael Zander auf TV-Anfrage. Ansonsten wollte er zur aktuellen Entscheidung vorerst nicht mehr viel sagen, sondern "erstmal alles sacken lassen". Denn, so Zander weiter: "Die Sache hat mich viele Nerven gekostet. So etwas brauche ich nicht noch einmal."
Hans Nieder, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) gegen die Hühnerfarm, wurde vom TV über die aktuelle Entscheidung informiert. In einer ersten Stellungnahme sagte er: "Ich bin froh und sehr erleichtert und zolle dem Gemeinderat großen Respekt für diese für ihn sicherlich nicht einfache Entscheidung."
Nieder ist sich sicher, dass die "intensive Arbeit der BI in den vergangenen sechs Wochen für Aufklärung und ein Umdenken im Gemeinderat gesorgt hat". Vor der Sitzung hatte er Zander noch eine dicke Unterschriftenliste von 3421 Bürgern gegen die Ansiedlung überreicht und ihn darüber informiert, dass in einer Internet-Petition bereits 23 000 Stimmen gegen die Pläne zusammengekommen seien.
Jetzt will er erst einmal seine Mitstreiter über die aktuelle Entscheidung informieren - und dann zu einer weiteren Zusammenkunft einladen. Er sagte: "Ich denke, ein Gläschen Sekt ist jetzt angebracht."
Sacken lassen wollte die Entscheidung, über die er gestern per E-Mail informiert worden war, auch erst einmal der potenzielle Investor Pieter Smits aus den Niederlanden. Schließlich habe er in das Vorhaben "sehr viel Zeit und auch schon weit mehr als 100 000 Euro gesteckt - aber das ist mein unternehmerisches Risiko". Dem TV sagte er dennoch: "Ich bin sehr überrascht und finde es auch traurig, dass sich der Gemeinderat in nur sechs Wochen von der Bürgerinitiative so hat unter Druck setzen lassen. Denn bei der Versammlung am 21. Oktober habe ich so gut wie keinen Protest gehört."

Nichts Konkretes, aber Ideen


Und Smits sehe auch keine stichhaltigen Argumente gegen das Vorhaben: "Der Gemeinderat war in unserer Hühnerfarm in den Niederlanden und wusste also genau, was wir vorhatten". Zudem sei alles nach deutschen Richtlinien geprüft. "Bei einem Vorabtermin mit allen maßgeblichen Behörden vor einigen Monaten hat es keine Einwände gegeben", sagt der Unternehmer.
Wie es mit dem seit fünf Jahren brachliegenden Gewerbegebiet Auf dem Boden, für das die Ortsgemeinde Birresborn jährlich 36 000 Euro Schuldendienst leistet, nun weitergeht, steht in den Sternen. Ortsbürgermeister Zander sagte: "Einen Plan B haben wir zwar nicht in der Tasche, aber einige Ideen schon. Es ist nicht so, als ob wir fünf Jahre lang geschlafen hätten." Näher eingehen wollte er auf seine Vorstellungen momentan aber nicht. BI-Sprecher Nieder wiederum sagte dem TV: "Wir haben zwar keine Lösung parat, sehen es aber jetzt auch als unsere Aufgabe an, Ideen für das Gewerbegebiet zu entwickeln - wenn der Gemeinderat das wünscht."
Meinung
Einmischen lohnt sich!

Die Bürgerinitiative hat es geschafft: Nicht mit Krawall, sondern mit sachlichen Argumenten und Aktionen ist es ihr gelungen, den Ortsgemeinderat für ihre Ängste zu sensibilisieren und letztlich vom Hühnerfarm-Projekt abrücken zu lassen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, für seine Interessen einzustehen. Also ein Stück gelebte Demokratie, wie sie so oft vor allem in der Kommunalpolitik vermisst wird. Dass der Gemeinderat darauf eingegangen ist, ist sicherlich für den Investor nach all der Vorarbeit und den vielen Abstimmungen mit der Gemeinde enttäuschend. Und es könnte für künftige Interessenten abschreckend wirken. Für den Dorffrieden war dieses Umschwenken jedoch unerlässlich. Für die Zukunft lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens: Wären die Bürger früher in die Pläne eingeweiht worden, hätten viel Zeit und Geld gespart und Ärger vermieden werden können. Zweitens: Jetzt lautet die Devise: Abhaken und gemeinsam nach Lösungen fürs Gewerbegebiet suchen. Das gilt für den Gemeinderat und die Hühnerfarm-Gegner. m.huebner@volksfreund.de
Extra
Pieter Smits betreibt bereits einen Legehennenbetrieb in Gilze en Rijen, der niederländischen Partnerstadt Gerolsteins, sowie im niedersächsischen Vechta. Gemeinsam mit seinem Bruder Johann, Inhaber einer großen Baumschule, wollte er das gesamte 35 000 Quadratmeter große und seit fünf Jahren brachliegende Gewerbegebiet Auf dem Boden nahe Birresborn kaufen und dort eine Mega-Hühnerfarm für 330 000 Legehennen aufbauen und betreiben. Täglich sollten dort rund 300 000 Eier produziert werden. Für Produktionshelfer sollten je acht Arbeitsplätze in Voll- und in Teilzeit entstehen. mh

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