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Selbsthilfe wirkt!

(Darscheid/Daun) Bei einer von den Median Kliniken Daun auf der Thommener Höhe ausgerichteten Tagung stand die Zusammenarbeit von Suchtselbsthilfe und beruflicher Suchthilfe im Mittelpunkt. Und es wurde ein Ehrenpreis verliehen.

08.09.2017
Brigitte Bettscheider
Darscheid/Daun Jahrelanger Konsum von Alkohol oder anderen Drogen, bis hin zur Abhängigkeit, verschüttet die Persönlichkeit vieler Menschen oftmals bis zur Unkenntlichkeit.
Auf diese Herausforderung reagieren die berufliche Suchthilfe, wie sie die Median Kliniken Daun mit ihren Standorten Altburg (Schalkenmehren), Am Rosenberg (Daun) und Thommener Höhe (Darscheid) leisten, und bundesweit die rund 9000 Selbsthilfegruppen (SHG) für von Sucht Betroffene und Angehörige. Wie die Zusammenarbeit von beruflicher Suchthilfe und Sucht-SHG funktioniert und genutzt werden kann, war das Thema der Fachtagung mit 150 Teilnehmern, die aus der Region und aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland kamen.
Suchtselbsthilfe sei keine Therapie, wenngleich sie heilsame Effekte ("das Wunder der Gruppe") habe. Sie könne vor, während, nach oder anstatt einer Therapie erfolgen, erklärte Wiebke Schneider, Geschäftsführerin und Suchtreferentin der Guttempler Deutschland (siehe Hintergrund). Viele Betroffene versuchten viel zu lange, allein von der Sucht loszukommen, warnte sie.
Doch Suchtselbsthilfe bedeute Aufbau von Beziehung zu anderen und zu sich selbst. Soziale Isolation könnte überwunden, Erfahrungen könnten geteilt werden.
Die größte Herausforderung für die von Sucht Betroffenen sei, die Freiheit auszuhalten anstatt Alkohol zu besorgen, zu verstecken, zu konsumieren, Leergut zu entsorgen. Die am besten geeignete Abhilfe sei, selbst in der Suchthilfe aktiv zu werden, empfahl sie. "Mein Credo lautet: Suchtselbsthilfe schafft Veränderung, sie wirkt", sagte Wiebke Schneider. Sie räumte mit dem Mythos auf, dass Abstinenz Voraussetzung für die Teilnahme an einer SHG sei und dass Rückfall oder fortgesetzter Konsum geächtet würden und zum Ausschluss aus der Gruppe führten. "Im Gegenteil", sagte Schneider - "die Gruppe fängt auf und stützt." Die Referentin räumte ein: "Die Akzeptanz von Suchtselbsthilfe nimmt zwar zu, aber sie ist immer noch ein hochschwelliges Angebot." An die berufliche Suchthilfe appellierte sie, die Patienten möglichst passgenau an eine SHG zu vermitteln.
Neben Wiebke Schneiders Vortrag und Workshops fand im Rahmen der Fachtagung auch eine Premiere statt. Erstmals wurde von dem Förderverein "WIR Thommener" der mit 1000 Euro dotierte Renate-Kürsch-Preis verliehen, benannt nach der Ehefrau eines ehemaligen Patienten, die dem Verein einen Teil ihres Vermögens gestiftet hat. Preisträger ist die Redaktion der Zeitschrift "Trokkenpresse". Sie erscheint seit dem Jahr 2001 zweimonatlich in Berlin - "für Abhängige und für Unabhängige", wie es im Untertitel heißt. Die Zeitschrift sei Selbsthilfe auf Augenhöhe, betonte Winfried Haug von den Median Kliniken Daun in seiner Laudatio. Ihre wichtigste Aufgabe hätten schon die Gründer in der Unterstützung von SHG gesehen.
Das Blatt sei sympathisch gemacht mit seinen Beiträgen von Betroffenen und Fachleuten, es verbreite Mut, Hoffnung und Zuversicht, sagte Haug bei der Verleihung an den stellvertretenden Chefredakteur der "Trokkenpresse", Torsten Hübler.
Extra: SEKIS STEHT BETROFFENEN ZUR SEITE

Betroffene oder Angehörige, die eine SHG im Landkreis Vulkaneifel suchen oder sich informieren möchten, können die Selbsthilfe- Kontakt- und Informationsstelle Trier (Sekis) anrufen. Kontakt: Balduinstraße 6, Trier, Telefon 0651/141180 oder per E-Mail: Kontakt@sekis-trier.de
Extra: GUTTEMPLER SETZEN SICH FÜR ENTHALTSAMKEIT EIN

Die Guttempler Deutschland mit Sitz in Hamburg sind der größte nichtkonfessionelle Suchtselbsthilfeverband bundesweit. Sie sind Teil einer internationalen Organisation, die sich für Enthaltsamkeit von Alkohol und bewusstseinsverändernden Drogen sowie für Solidarität und Frieden einsetzt. Wiebke Schneider ist Geschäftsführerin und Suchtreferentin sowie Zweite Vorsitzende der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Sie hat mit Vertretern weiterer großer Verbände im Rahmen eines Bundesprojekts die Zusammenarbeit zwischen beruflicher Suchthilfe und Suchtselbsthilfe erforscht. Die Ergebnisse stehen in der Broschüre "Chancen nahtlos nutzen - konkret" unter www.guttempler.de