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Autor: Stefan Heinz Kommentare: Kommentare zeigen Ort: Trier Drucken

Seehunde, Pferdestärken und Mandelsuppe

Die Wiederentdeckung des Heiligen Rocks im Jahr 1512 ist zunächst ein Randereignis gewesen. Das eigentliche Spektakel war der Reichstag, zu dem sich damals Prominenz aus ganz Europa in Trier traf. Der Trierer Kunsthistoriker Stefan Heinz erzählt von den sonderlichen Begebenheiten rund um Reichstag und Rock-Zeigung.
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Festgelage, Waffenübungen und große Politik: In der damals ungefähr 6000 Einwohner zählenden Stadt Trier fand 1512 ein Spektakel statt, das vieles in den Schatten stellte, was bisher gewesen war und auf lange Sicht sein sollte: der Trierer Reichstag. Mit heutigen Weltwirtschaftsforen oder G-20-Gipfeln vergleichbar, trafen sich vor Ort die wichtigen Fürsten des Reiches und Botschafter aus ganz Europa zu politischen Gesprächen. Neben den offiziellen Verhandlungen gab es ein sogenanntes Rahmenprogramm, welches den Trierern ein höfisches Leben veranschaulichte, das für den Durchschnittsbürger alles andere als alltäglich war.
Besonders interessant sind dazu die Aufzeichnungen des Trie rer Archivars Peter Maier von Regensburg, der sorgsam zahlreiche große und kleine Ereignisse rund um den Reichstag protokollierte. So berichtet er von verschiedenen Jagdausflügen des Kaiser Maximilians, der mehrfach zur Falkenbeize (der anspruchsvollen Jagd mit Falken) ausritt. Die skurrilste Unternehmung stellte sicherlich die Hatz auf den Seehund in einem Weiher in Trier-Süd dar. Der Seehund war allerdings nicht gewillt, erlegt zu werden und im Wasser den kaiserlichen Jagdhunden haushoch überlegen. So musste man zu höchst unsportlichen Mitteln greifen und das Wasser aus dem Teich ablassen.
Peter Maier ist zudem Kronzeuge für die zahlreichen Gastmähler, die beim Trierer Reichstag abgehalten wurden. Der Chronist hatte ein beeindruckendes kulinarisches Interesse und liefert genaueste Aufstellungen, was verzehrt wurde. Und das war nicht wenig. So wurden bei einem Gastmahl des Kölner Erzbischofs 18 verschiedene Gänge gereicht. Die Köche standen jedoch vor einer weiteren Herausforderung: Der Reichstag fiel in die Fastenzeit, und es durfte kein Fleisch aufgetischt werden. Stattdessen wurden sehr viele Varianten von Fisch gegessen, viel Gemüse und Mandeln in verschiedenen Zubereitungen, oft als Mandelsuppe.
Auch die Anreise der Gäste ist überliefert: Kaiser Maximilian beispielsweise kam per Schiff und legte moselaufwärts mehrere Zwischenstopps ein. Es ist dabei üblich, dass der Kaiser jeweils Geldgeschenke überreicht und Gegengaben erhält, in Koblenz ein Fass Wein und in Bernkastel 20 Hechte sowie einige Forellen.
Entlang des Ufers ritt das Gefolge des Kaisers. Die Größe des Kontingents war eine Statusfrage: je bedeutender oder geltungsbewusster der Anführer, desto größer sein Tross. Während der Kaiser mit nicht weniger als 400 Pferden anreiste, hatte der Kölner Erzbischof immerhin noch 108 Pferde in der Gefolgschaft. Die 60 Pferde des Trierer Kurfürsten Richard von Greiffenklau nahmen sich dagegen regelrecht bescheiden aus.
Was Peter Maier seltsamerweise nicht überliefert, wissen wir aus einer anderen Quelle: Der spätere Weihbischof Johannes Enen berichtet, wie Kaiser Maximilian 1512 eine Kanone der Stadt Trier dazu verwendete, die römischen Ruinen im Süden der Stadt zu beschießen. Das habe dem Römerturm, wie Enen schreibt, "nur eine kleine Erschreckung" verpasst. Dem an antiker Kultur interessierten Kaiser darf man dabei keinen Vandalismus unterstellen. Mit seiner Tat verfolgte er einerseits höfisch-repräsentative Demonstrationszwecke und wollte andererseits die Bedeutung der antiken Baukunst - ihre Festigkeit und Altehrwürdigkeit - unterstreichen.
Das aus heutiger Sicht wichtigste Ereignis des Reichstags, die Entdeckung des Heiligen Rocks, erwähnt Peter Maier nur nebenbei und meint leicht despektierlich, dieser sei, "wie es heißt, ein wenig verschimmelt und zerrissen" gewesen. Auch hier ist es wiederum Johannes Enen, der ausführlicher berichtet, wie der Kaiser aus alten Büchern erfahren habe, dass im Dom der Heilige Rock aufbewahrt würde. Daher habe er an den Erzbischof und das Domkapitel die Anordnung ausgesprochen, die Tunika zu suchen. Nur zögerlich gab man dem Begehren nach. Nach einer ersten Zeigung im kleinen Kreis wollte nun auch das Volk den wiederentdeckten Rock sehen, so dass man sich zu einer öffentlichen Zeigung entschloss.
Ob man sich damals bereits bewusst war, damit eine 500-jährige Tradition zu gründen? Immerhin hat dieses Ereignis eine deutlich nachhaltigere Wirkung erzielt als alle Jagdausflüge, Gastmähler und Kanonenschüsse zusammen.

Stefan Heinz, Kunsthistoriker an der Universität Trier




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