Abends um sechs am Hauptmarkt. Ein einsamer Mann sitzt auf der Wallfahrtsbühne und singt in "Losing my Religion" über den Verlust des Glaubens. Komisch. Pilgermusik hatte ich mir anders vorgestellt. Aber egal.
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Denn: Da sind gar keine Pilger. Außer einer Handvoll Passanten, die ebenso verdutzt gucken wie ich, ist da überhaupt niemand. Trier ist tot. Deshalb falle auch ich langsam vom Glauben ab: Das Bistum hat mir doch 500 000 Besucher versprochen! Ja, wo sind sie denn? Haaaallo, bin daaaaaa, wer nooooch?! Im Infozelt sind sie jedenfalls nicht. Sieben Augenpaare blicken erwartungsvoll auf, als ich eintrete. Die freundlichen Helfer lächeln: Ein Pilger! Auf der Suche nach Hilfe! Doch nein, es ist nur eine Kolumnistin auf der Suche nach Anekdötchen. Stattdessen gibt es betrübtes Kopfschütteln: wenig Pilger, noch weniger Anekdötchen. Selbst der Anblick, der sich mir vor dem Dom bietet, ist viel zu traurig für eine Kolumne. Überall stehen Menschen in roten Jacken, deren beschriftete Rückseiten mir verzweifelt die Worte "Ich helfe!" entgegenschleudern. Ich kann nicht alle Jacken von hinten sehen. Aber ich weiß, was draufsteht: "Ich helfe auch!" "In jeder Pilgerlebenslage!" "Auch bei ernsthaften Problemen!" "Ich kenne die saubersten Klos!" "Bitte, lass mich helfen!!" "Und zwar sofort!!!" Selbst die vorbeischlendernden Polizisten wirken geknickt: Nix los. Ob ich das nicht mal schreiben könnte, damit sich die Leute wieder nach Trier trauen? Gerne: Liebe Bausendorfer, Träger, Strohner, Kalenborn-Scheuerner, Damfloser, Breiter, Biewerer, Merterter, Heckhuscheider und all ihr Menschen aus Gesotz! Kurz: Liebe Eifeler, Hunsrücker, Moselaner und Trie rer: Das können wir nicht zulassen! Diese Menschen haben sich monatelang aufs Helfen gefreut! Sie brauchen uns! Ich schlage vor: Alle, die zum Rock wollen, machen das sofort. Und alle, die nicht zum Rock wollen, auch (mehrfach wöchentlich nach 17 Uhr) und überlegen sich auf dem Hinweg ein hübsches Problem, bei dem die Helfer helfen können: Hunger, Bauchweh, Amnesie (wo war noch der Dom?) oder eine akute, religiöse Sinnkrise. Alles kein Problem. In Trier werden Sie geholfen. In ihrer Kolumne "Trier rockt" macht sich unsere Redakteurin ihre eigenen Gedanken über die Heilig-Rock-Wallfahrt.
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