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Archäologen bergen zwei tote Soldaten bei Oberzerf (Fotos/Video)

(Oberzerf) Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende tauchen in Oberzerf die Gräber zweier Soldaten auf. Ein Expertenteam hat die sterblichen Überreste am Samstag freigelegt. Die aufwendige Arbeit der Fachleute hat damit aber erst begonnen.

11.11.2017
Florian Blaes
Es ist fast kein Durchkommen am Samstag in der Dorfmitte von Oberzerf, dem kleinen Ortsteil von Zerf. Nahe der Kirche parkt ein Polizeiwagen. Eine Menschenmenge hat sich dort versammelt und blickt auf ein wenige Meter breites Stück Wiese, um das rot-weißes Absperrband gespannt ist. Dahinter knien Männer in orangefarbenen Overalls auf dem Boden und graben.

Der Hintergrund ist eine Entdeckung, die ein Privatmann am 9. Januar an genau dieser Stelle im Dorf gemacht hat. Der Hobby-Archäologe fand in dem Einmündungsbereich zur Kapellenstraße zwei Gräber von Soldaten, die vermutlich während des Zweiten Weltkriegs bei Zerf gekämpft hatten. Der junge Mann informierte die Polizei in Saarburg – und die rief die entsprechenden Fachleute hinzu.

Am Samstagmittag machen sich nun zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins zur Bergung deutscher Gefallener in Ostdeutschland (siehe Info) daran, die sterblichen Überreste der beiden Soldaten fachmännisch freizulegen und schließlich auch zu bergen. Vor leichtem Regen schützt ein Zelt, das über der Fundstelle aufgebaut wurde. Mit Schaufeln und Spaten beginnen die Männer, vorsichtig die Erde rund um die Grabstelle abzutragen. Je näher sie an die Knochen herankommen, desto langsamer geht es voran. Statt mit großem Werkzeug geht es dann mit der kleinen Handschaufel weiter – Zentimeter für Zentimeter. 

Kriminalhauptkommissar Werner Krewer erklärt den anwesenden Medienvertretern, dass es im März 1945 in Oberzerf mehrere Notbestattungen gegeben habe. In dieser Zeit marschierten die Amerikaner in Richtung des Höhenzugs zwischen Zerf und Niedersehr. Dabei kam es zu heftigen Gefechten zwischen der 94. US-Infanteriedivision und der sechsten SS-Gebirgsdivision. Laut Krewer zogen die Bauern aus dem Hochwaldort damals mit ihren Pferdefuhrwerken los und sammelten die Leichen der Gefallenen ein. Im gesamten Umfeld von Zerf habe man in der Vergangenheit schon Soldatengräber entdeckt, viele bloß mit einem schlichten Holzkreuz markiert.

Viele Grabstätten wurden allerdings auch übersehen, die heute dank neuer technischer Möglichkeiten besser aufzufinden seien. 1955 wurden bereits die Überreste von zwölf Soldaten auf den Ehrenfriedhof in Kastel-Staadt (Verbandsgemeinde Saarburg) umgebettet. Wie viele Tote und Vermisste womöglich noch unter Erde liegen, wisse man nicht, sagt Krewer. Man gehe aber von weiteren Funden im Bereich Oberzerf aus.

Immer häufiger würden Kriegsgräber von Laien entdeckt, die sich mit einem Metalldetektor auf die Suche machten, weiß Michael Schwaab von der Direktion Landesarchäologie Rheinland-Pfalz. Dabei würden die Grabstellen nicht selten beschädigt oder gar zerstört. Der Bevölkerung sei oftmals nicht klar, dass das Graben auf eigene Faust gesetzlich verboten sei. Auch nach 70 Jahren müsse zudem die Kriminalpolizei eingeschaltet werden. Im konkreten Fall sei alles ideal verlaufen. Der Laie alarmierte die Polizei und diese wiederum den Verein, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die Direktion Landesarchäologie Rheinland Pfalz. Alle drei haben zum Bergungstag Vertreter in den Hochwald geschickt.

Zum Bergungsteam zählt auch Guido Lewandowski. Er sei von schwierigen Bedingungen ausgegangen, sagt er, weil der Hobbysucher bereits an der Stelle gegraben hatte. Es dauert mehrere Stunden, bis die Überreste freigelegt sind. „Wir haben zuerst einen Schädel gefunden, später dann Arme und Beine“, berichtet Lewandowski am Nachmittag, als es bereits dunkel wird. Und dann verkündet er noch eine Überraschung: Es wurden Knochen von einem dritten Soldaten entdeckt. 

Alle geborgenen Überreste werden der Kriminalpolizei übergeben. Sie startet nun aufwendige Recherchen, um die Toten zu identifizieren und möglicherweise noch lebende Angehörige zu finden. „Das ist zwar schwierig, aber nicht unmöglich“, sagt Kriminalbeamter Krewer. Ringe, persönliche Initialen darauf oder auch die Zähne könnten Aufschluss über die Identität der Männer geben. Wenn alle Arbeiten abgeschlossen sind, werden die toten Soldaten vermutlich im Frühjahr 2018 in Kastel-Staadt beigesetzt. Archäologe Schwaab ist sicher: „Viele Leute schöpfen jetzt wieder Hoffnung, dass ihre Angehörigen gefunden werden können.“ Und Bettina Hörtner vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ergänzt: „Hinterbliebene haben jetzt die Möglichkeit, würdig Abschied zu nehmen. Ihnen wird eine Last vom Herzen fallen.“
 
200 freiwillige Helfer bergen Gefallene
Der Verein zur Bergung deutscher Gefallener in Ostdeutschland (VGBO) mit Hauptsitz in Hamburg nimmt ehrenamtlich Bergungen von gefallenen Soldaten in ganz Europa vor. Derzeit hat der Verein mehr als 200 freiwillige Helfer in Deutschland, Österreich, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden. In der Regel wird der Verein von der Polizei über Funde von Gräbern informiert. Gemeinsam wird dann die Bergung vorbereitet und umgesetzt. Der zweite Vorsitzende Hans- Peter Jung stammt aus Dillingen im Saarland. Er appelliert an alle Menschen, die auf alte Kriegsgräber stoßen, sich bei dem Verein zu melden. Kontakt zur Geschäftsstelle: Telefon 040/85418970, E-Mail:  info@vbgo.de