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Brasilien: Hunsrücker Platt wird zweite Amtssprache

(Hunsrück) In Brasilien sprechen fast zwei Millionen Menschen das Riograndenser Hunsrückisch, vor allem in Orten, die von deutschen Einwanderern gegründet wurden. Der Dialekt wird in Schulen gelehrt und ist teilweise als zweite Amtssprache anerkannt. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.
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Hunsrück. "Hunsrickisch wód de énsiche chprooch, wo ich wust chpreche bis ich in di chuhl gang sinn", erklärt ein junger Mann aus Brasilien. Riograndenser Hunsrückisch nennt sich sein Dialekt, der sich aus Teilen des um Morbach, Idar-Oberstein, Rheinböllen, Simmern und Kastellaun gesprochenen "Hunsrücker Platts" zusammensetzt.
Dieser Dialekt hat mittlerweile eine ans Portugiesische angelehnte Schreibweise, wird in Schulen gelehrt und teilweise sogar als zweite Amtssprache anerkannt. Doch bis dahin musste Zeit vergehen.

Initiative hat Erfolg


Für viele Kinder ist das Riograndenser Hunsrückisch die erste Sprache, die sie zu Hause durch ihre Eltern oder Großeltern lernen. In der Schule müssen sie allerdings Portugiesisch sprechen, was für sie wie eine Fremdsprache erscheint.
Um das Hunsrückisch zu unterstützen, bildete sich im Jahr 2004 die Initiative "Option für Hunsrückisch" um Solange Hamester Johann, Autorin des Lehrbuchs "Mayn Eyerste 100 Hunsrik Werter". Zusammen mit Professor Mabel Dewes lud sie 2004 deutsche Spezialisten und Wissenschaftler nach Brasilien ein, um an einer neuen Orthografie des Dialekts zu arbeiten. Diese sollte mehr an die Aussprache des Portugiesischen angepasst sein, um die Schreibweise des Riograndenser Hunsrückisch an die Art des Schreibens in den lateinamerikanischen Gebieten anzugleichen.
So sollte die Sprache gestärkt und für weitere Generationen erhalten bleiben, erklärt Dewes. Die neue Schreibweise wird mittlerweile in lokalen Zeitungen, Zeitschriften und Comics für Kinder verwendet.

Muttersprachliche Lehrer


2009 gelang es der Initiative, Unterricht auf Hunsrückisch in Grundschulen der Gemeinde Santa Maria do Herval in Rio Grande do Sul durchzusetzen. Professor Ursula Wiesemann, die als Spezialistin an der neuen Orthografie mitgearbeitet hat, erklärt, dass es das gute Recht der Kinder der deutschen Einwanderer ist, in ihrer Muttersprache alphabetisiert zu werden. Die Hälfte des Unterrichts und ein Teil der Erstalphabetisierung finden nun auf Riograndenser Hunsrückisch statt. Das stärkt das Selbstvertrauen der Kinder, die auch auf dem Pausenhof hauptsächlich im Dialekt reden.
Der Erfolg der Initiative lässt sich aber auch in anderen Bereichen erkennen: In mehreren Lokalzeitungen schreibt Hamester Johann mittlerweile eine eigene Hunsrückseite, drei Lokalradios bringen mehrere Sendungen auf Hunsrückisch, und der katholische Pastor der Gemeinde predigt im Dialekt und motiviert damit sogar Mitbrüder aus anderen Gemeinden.
In einem Nachbarbundesstaat ist man sogar so weit gegangen, Hunsrückisch als zweite Amtshilfssprache einzuführen. Dort wird nun im Unterricht und im öffentlichen Dienst Portugiesisch und Dialekt gesprochen. Der nächste Schritt wird sein, den Hunsrückisch-Unterricht auch über die vierte Klasse hinaus anzubieten und muttersprachliche Lehrer auszubilden. Denn Hunsrückisch ist die meistgesprochene germanische Sprache in Rio Grande do Sul und wird dennoch in den Volkszählungen nicht berücksichtigt, so Hamester Johann. Das sollte sich in nächster Zeit ändern.
Nachdem nun aber eine dem Portugiesisch angepasste Schreibweise besteht, geht das Hochdeutsch in Brasilien immer weiter verloren. Mittlerweile ist Portugiesisch die Grundlage, um Riograndenser Hunsrückisch zu sprechen, Hochdeutsch ist überflüssig geworden. Deutsche Muttersprachler werden sich schwer tun, den Dialekt zu lesen und zu verstehen.
Damit koppelt sich das brasilianische Hunsrückisch von dem in Deutschland gesprochenen Hunsrückisch immer weiter ab. Deshalb formiert sich jetzt auch Widerstand in Brasilien: Der Sprachwissenschaftler Cléo Altenhofen galt bislang als Spezialist für Hunsrückisch und verlangt eine mehr an der deutschen Orthografie orientierte Schreibweise des Dialekts.
Trotzdem hat die Initiative "Option Hunsrückisch" große Erfolge erlangt. Mittlerweile gibt es in Brasilien sogar den Trend, auch andere Sprachen, die aus der Einwanderung hervorgingen und noch stark gesprochen werden, in einigen Gemeinden als Ko-Amtssprache zu verwenden. Die Toleranz gegenüber Dialekten aus der Einwanderungsphase steigt.
Unter dem Motto "Das ist unsere chprooch!" gibt es auf www.hunsrickisch.blogspot.com einen Blog über Riograndenser Hunsrückisch zu lesen, mit kleinen Texten auf Hunsrückisch und Portugiesisch und Grammatikübungen.

 


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