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Die Opfer nicht vergessen und die Täter beim Namen nennen

Zwei von 24 Autoren des Buches "Die Nazis aus der Nähe" stellen ihre Beiträge aus dem Werk in der Gedenkstätte Hinzert vor

(Hinzert-Pölert) In der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert haben Autoren des Buches "Die Nazis aus der Nähe" einzelne Beiträge daraus vorgestellt. Unter den etwa 30 Zuhörern waren auch Angehörige früherer Hinzert-Häftlinge aus dem Saarland.

08.04.2014
Hinzert-Pölert. Das Gemeinschaftswerk von 24 Autoren lenkt den Blick nicht auf den deutschlandweiten Terror des Nationalsozialismus. Die Historiker und Heimatforscher widmen sich vielmehr Denunziationen und Demütigungen, Folter und Tod in der Region. Dafür brauchte es willfährige Vollstrecker, ohne die ein Machtapparat wie der von Adolf Hitlers NSDAP nicht funktioniert hätte. Ihre Spurensuche führt vom St. Wendeler Land zwangläufig zum SS-Sonderlager/KZ Hinzert und nach Hermeskeil, ins einstige Gau-Musterdorf.
Klaus Zimmer nimmt in "Die Nazis aus der Nähe" (Extra) dessen Gründer Gustav Simon, den "Giftzwerg aus Hermeskeil", ins Visier. Seit 1931 war er Leiter des Gaus Koblenz-Trier, zu dem ab 1941 Luxemburg gehörte. Wegen seines brutalen Vorgehens dort wurde er auch "Gustav der Schreckliche" genannt. Als Giftzwerg galt er, weil er klein, krankhaft ehrgeizig, geltungssüchtig und anmaßend war. Simon trat schon 1925 der NSDAP bei und gründete 1926 die NSDAP-Ortsgruppe Hermeskeil. Geboren in Saarbrücken wurde der frühere Gusenburger Volksschullehrer nach dem Krieg bei Hannover verhaftet und beging eine Woche später im Dezember 1945 Selbstmord.
Autor Edgar Schwer folgte den Spuren eines Mutigen, der sich mit Worten widersetzte: Josef Ebertz, von der Mosel stammender Pfarrer in Nonnweiler. Als er 1935 gegen Judenhetze und den Boykott von Geschäftsleuten in Hermeskeil predigte, wurde er verhaftet: Wegen Kanzelmissbrauchs - eine Anklage, mit der aufbegehrende Priester rechnen mussten - verbüßte er eine Haft und wurde aller linksrheinischen Gebiete verwiesen. Nach dem Krieg kehrte er zurück, lehnte es aber ab, seine Denunzianten zu beschuldigen.
Günter Heidt, ehemaliger Lehrer am Gymnasium Hermeskeil, befasste sich mit der "Vorhölle Hinzert" (Extra). An Einzelschicksalen junger Saarländer zeigte er die Mechanismen des Systems auf. So seien Verhaftungen wie wegen angeblicher Arbeitsbummelei politisch, ideologisch, sozial oder auch persönlich motiviert gewesen. Umso tragischer, dass viele der Inhaftierten die NS-Zeit nicht überlebten. Wer nicht im KZ umkam, fiel im Krieg oder starb infolge von Repressalien. Denn die Gestapo behielt alle im Blick. Überlebende litten zeitlebens und sprachen kaum über das Erlebte, verschwiegen oft sogar ihre Haft.
Angehörige ehemaliger Hinzert-Häftlinge, die Gedenkstättenleiterin Beate Welter begrüßte, bestätigten das. So wie Albert Nagel aus Oberthal. Sein Onkel war 56 Tage im Lager. Kaum entlassen, musste er als Soldat nach Griechenland und wurde wenig später vermisst. "Das war eine ganz schlimme Zeit, und vieles wurde verschwiegen", sagt Nagel. Daher sei es wichtig, die Erinnerung wach zu halten - vor allem bei Jüngeren. Besucherin Monika Metzler aus Trier interessiert das Thema generell. Es komme immer auf den Einzelnen an: "Wichtig ist, dass der nicht vergessen wird und dass auch der einzelne Täter genannt wird." Zeitzeuge Paul Schmitz (81) führten Kindheitserlebnisse her. Als Zehnjähriger sah er, wie mit Häftlingen umgegangen und wie sie geschlagen wurden. "Das lässt einen nicht mehr los." Sein heutiges Engagement für die Schillinger Dorfchronik führt er darauf zurück: "Ich will helfen, dass das nicht vergessen wird."
"Die Nazis aus der Nähe":
Das 480 Seiten umfassende Buch (ISBN 9783941095151) ist zum Preis von 39,90 Euro im Buchhandel erhältlich oder über den Verlag in Marpingen-Alsweiler (www.edition-schaumberg.de). Verleger: Thomas Störmer; Herausgeber sind die Autoren Klaus Brill (Journalist), Bernhard W. Planz, Inge Plettenberg und Klaus Zimmer. Kontakt zum Verlag: Telefon 06853/502380, E-Mail info@edition-schaumberg.de urs
Extra
Von 1939 bis 1945 kamen nachweislich mindestens 321 Menschen im "SS-Sonderlager/KZ Hinzert" ums Leben. Tatsächlich waren es aber wohl weit mehr Menschen aus Luxemburg, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Polen, die dort ermordet wurden oder an den Folgen von Lagerterror, Krankheit, Entkräftung oder Hunger starben. Ab 1940 diente Hinzert als "Durchgangslager" für Deportationen nach Buchenwald, Dachau und Natz weiler (Frankreich). An die Opfer erinnern Ehrenfriedhof, Kapelle und Kreuz sowie das Mahnmal des ehemaligen luxemburgischen Häftlings Lucien Wercollier sowie seit 2005 das Dokumentations- und Begegnungshaus. urs

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