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Geisfelder beunruhigt: Schlangen im Keller und auf Wanderwegen

Geisfelder melden immer häufiger Begegnungen mit Reptilien - Fachmann beruhigt: Wahrscheinlich harmlose Ringelnattern

(Geisfeld) Auf der Straße, am Feldweg, sogar im Haus: In Geisfeld sind in den vergangenen Wochen vermehrt Schlangen im und rund um den Ort aufgetaucht. Der Ortsbürgermeister will nun klären, ob es sich um heimische und damit harmlose Arten handelt. Die Polizei hat einen Fachmann aus Gusenburg eingeschaltet.

03.09.2016
Christa Weber
Geisfeld. "Ich dachte, ich wäre über eine Radkappe gefahren", berichtet der Geisfelder Ortsbürgermeister Theo Palm von einer ungewöhnlichen Begegnung auf einem Feldweg an der Grillhütte. Denn beim Blick in den Rückspiegel habe er festgestellt, dass er mit den Reifen seines Wagens keine Radkappe, sondern eine zusammengerollte Schlange gestreift hatte. "Sie ist dann schnell im Feld verschwunden."

"Auffällig blau geschimmert"


Als Palm beim Dorf-Stammtisch davon erzählte, berichteten ihm mehrere Dorfbewohner von ähnlichen Vorfällen in jüngster Zeit. "Einige haben Schlangen auf Wanderwegen gesehen, bei zwei Familien waren sogar welche im Keller." Die Betroffenen hätten die Tiere verscheucht, aber ihre Beschreibungen ähnelten sich stark, sagt Palm. Die Schlangen seien zwischen einem Meter und 1,5 Meter lang und "ungewöhnlich dick vom Durchmesser" gewesen. Zudem hätten sie "auffällig blau geschimmert".

Der Ortschef hat darauf reagiert und im sozialen Netzwerk Facebook einen Aufruf veröffentlicht. Darin fordert er die Geisfelder auf, bei einer Begegnung mit einer Schlange das Reptil nicht einzufangen, aber nach Möglichkeit "zur Identifizierung" ein Foto zu schießen und ihn zu kontaktieren. Bislang habe allerdings noch niemand ein "brauchbares Bild" gemacht, sagt Palm, der definitiv klären will, ob es sich um heimische und damit ungiftige Tiere handelt.
Mirjam Räntsch sind zwar Handy-Aufnahmen gelungen. Sie hat Anfang Juli aus dem Auto heraus in der Straße Auf der Reisheck eine Schlange fotografiert. Um die Art zu identifizieren, sind die Bilder jedoch zu unscharf (siehe Bild). "Die Schlange war locker 1,20 Meter lang", sagt Räntsch. Panik habe sie nicht gehabt. Auch die Nachbarn, denen sie die Fotos gezeigt habe, hätten "normal" reagiert.

Gelassen ist auch Günter Knippel. Er hat bei einem Spaziergang am Ortsrand nach einem vermeintlichen "Knüppel" gegriffen: "Da ist dann plötzlich eine Schlange vor mir in die Höhe geschossen." Er habe sich zwar erschreckt, gehe aber davon aus, dass es eine harmlose Ringelnatter gewesen sei: "Die gab es hier ja früher schon."

Ortschef will Gewissheit


Die Vermutung könnte stimmen, sagt auch Theo Palm. Er wolle aber sicher gehen, dass für die Bürger keinerlei Gefahr besteht. "Wenn doch etwas passieren würde, hätte ich ein schlechtes Gewissen." Deshalb hat er Dietmar Weidinger von der Polizei Hermeskeil kontaktiert. Der verweist auf einen Schlangenkenner in Gusenburg, der die Polizei bei Funden unterstützt. Mit seiner Hilfe wolle man feststellen, um welche Art von Schlange es sich bei den Geisfelder Exemplaren handelt.
Auch Dietmar Weidinger rät davon ab, die Tiere einzufangen: "Die Leute sollten uns anrufen, Ort und Zeitpunkt mitteilen - dann können wir ein Bewegungsprofil erstellen. Und idealerweise machen sie ein Foto für den Fachmann."
Dieser Fachmann ist Dieter Blatt. Der Gusenburger hat 40 Jahre lang im Zoofachhandel gearbeitet und kennt sich "in der Terrarianer-Szene bestens aus", sprich dem Kreis von Menschen, die Reptilien zu Hause in Terrarien halten. Die bläulich-graue Farbe der in Geisfeld aufgetauchten Tiere weise "ziemlich deutlich" auf Ringelnattern hin, sagt Blatt. Die Färbung sei ein charakteristisches Merkmal dieser Art, die im Hunsrück heimisch und "völlig harmlos" sei (siehe Extra). Die Weibchen könnten allerdings bis zu 1,50 Meter lang werden: "Das ist schon imposant und erschreckt sicher manche Menschen, die sich mit Schlangen nicht auskennen."

Die Möglichkeit, dass es sich in Geisfeld um ausgesetzte, giftige Exemplare handeln könnte, schließt Blatt nahezu aus: "Das wäre höchst unwahrscheinlich." Eine exotische Giftschlange, sagt er, hätte "spätestens nachts bei zehn Grad ein Problem zu überleben". Um "ganz sicher" zu sein, müsse er die Schlange allerdings sehen.

Zahl der Funde nimmt zu


Laut Blatt hat die Zahl der Schlangenfunde im Hochwald, auch in Gusenburg, "in den letzten drei Jahren zugenommen". Die Polizei habe ihn etwa acht Mal zu Funden gerufen, auch in der Nachbarschaft seien schon Ringelnattern im Haus aufgetaucht.
Warum die Reptilien sich wieder näher an die Dörfer heranwagen, sei nicht geklärt, sagt Blatt. Er hat jedoch ein paar Vermutungen: Dass Grundstücke an den Ortsrändern "nicht mehr intensiv bewirtschaftet werden", könne die Tiere anlocken. Auch gebe es mehr Weiher und Komposthaufen in Gärten: "Die Ringelnattern brauchen ein feuchtwarmes Umfeld, um ihre Eier abzulegen zu können."
Extra
Heimische Schlangen: Wer im Hochwald auf eine Schlange trifft, der hat es laut Reptilienkenner Dieter Blatt aus Gusenburg in der Regel mit einer Ringelnatter oder einer Schlingnatter zu tun. Diese beiden Arten sind im Hunsrück heimisch - und sind garantiert ungiftig. Im Hunsrück gibt es laut Blatt keinerlei Giftschlangen. Die Ringelnatter ist in der Region am weitesten verbreitet.

Laut Blatt ist sie an ihrer blau-grauen Färbung zu erkennen und an einem "markanten halbmondförmigen Fleck auf beiden Seiten des Kopfes, meist gelb oder weiß". Außerdem sind ihre Schuppen in der Mitte gekielt, sprich geteilt wie bei einem Blatt. Ringelnattern werden bis zu 1,50 Meter lang und leben in Teichen und Seen, aber auch an Steinbrüchen, wo sie sich von Eidechsen und anderen Amphibien ernähren können.

Schlingnattern sind deutlich kleiner. Sie sind eher braun und haben ein schwarzes Muster auf dem Rücken und dunkle seitliche Augenstreifen. Laut Blatt werden sie häufiger mit Kreuzottern verwechselt. Diese Giftschlangen seien aber in der Region ausgestorben. Schlingnattern hielten sich von Dörfern eher fern, sagt Blatt. Anders als die Ringelnatter, die sich bei Kontakt mit Menschen "tot stelle", hätten sie aber einen "Beißreflex". Das Resultat seien harmlose Wunden "ähnlich wie eine Schürfwunde". Wer auf eine Schlange trifft, sollte nicht versuchen, sie einzufangen oder zu nah ranzugehen, rät Blatt. Wenn die Tiere nicht von selbst verschwinden, sollte man die Polizei oder die Feuerwehr rufen. cweb