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Großes Interesse am Alltag der Flüchtlinge: 1000 Menschen besuchen die Aufnahmeeinrichtung in Hermeskeil

(Hermeskeil) Wie leben die Flüchtlinge in der Aufnahmeeinrichtung in Hermeskeil? Wie läuft dort der Alltag ab? Und wo wird Hilfe benötigt? Über all das haben sich am Samstag rund 1000 Besucher beim Tag der offenen Tür informiert.

14.02.2016
Christa Weber
Auf dem Flur der Notaufnahme sammeln sich die Besucher vor einer Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). "Hier kommen die Flüchtlinge teilweise nachts um 2 Uhr mit Bussen von der bayerischen Grenze an", erklärt die junge Frau und zeigt ein Päckchen mit Zahnbürste und Waschlappen, das den Ankömmlingen ausgehändigt werde. Dann lässt sie die Gäste einen Blick in die Zimmer werfen, in denen die Menschen ihre erste Nacht in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) Hermeskeil verbringen. Sechs Etagenbetten stehen darin. "Warm und sauber", stellt eine ältere Dame fest.

Sie ist zum Tag der offenen Tür in die Afa Hermeskeil gekommen, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie die Flüchtlinge dort leben. "Erst dachte ich, das ist voyeuristisch. Aber man will ja dem dummen Gerede, das man so hört, etwas entgegensetzen können." So denken offenbar auch viele andere. Denn trotz Schnee und Regen lassen sich am Samstag etwa 1000 Besucher über das Gelände der ehemaligen Hochwaldkaserne führen, auf dem zurzeit rund 700 Menschen leben (siehe Extra).

Begleitet von DRK-Mitarbeitern erfahren sie, wie der Alltag der Flüchtlinge aussieht, wo sie essen, schlafen, ihre Zeit verbringen und medizinisch versorgt werden. Besichtigen können sie auch die Registrierungsstelle, wo die Flüchtlinge fotografiert werden und ihre Identität per Fingerabdruck geklärt wird.

Vor dem Eingang zum Freizeitraum grüßen junge Männer die Besucher lächelnd mit "guten Tag". Im Zimmer liegt das Wochenprogramm aus: Ausgabe des Badepasses fürs Hallenbad, Zumba, Filmabende und Vorträge zum Leben in Deutschland. Ob man den Flüchtlingen die Gleichberechtigung der Frau verdeutliche, will ein Besucher wissen. Die DRK-Mitarbeiterin bestätigt das. In welcher Sprache sie mit ihren Schützlingen kommuniziere, wird sie gefragt: "Oft auf Englisch, aber auch mal mit Händen und Füßen."

Viel Lob für die Helfer


Vor dem Start der Führungen waren die Besucher im Speisesaal begrüßt worden. Das Programm gestalteten Flüchtlingskinder mit Musik und Tänzen mit. Dagmar Barzen, Präsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), die für die Hermeskeiler Afa zuständig ist, freute sich über das "große Interesse" der Bürger. Den haupt- und ehrenamtlichen Helfern sprach sie "ein dickes Lob" aus.

Auch Landes-Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) zählte neben zahlreichen Vertretern der Kommunalpolitik zu den Gästen: "Wir wollen Sie einladen, auch über diesen Tag hinaus Kontakte zu den Menschen in der Afa zu knüpfen", forderte sie die Besucher auf. Die Afa habe sich "toll entwickelt" seit ihrem Start im August 2015 als zunächst vom Roten Kreuz geführte Außenstelle der Afa Trier. Alt erinnerte an die "schwierige Zeit", als die Menschen im Herbst in Zelten untergebracht waren. "Wir sind sehr froh, dass nach kurzer Zeit nun alle ein Dach über dem Kopf haben."
Die Ministerin betonte auch, dass die Zahl der Flüchtlinge, die aus den 26 Afas im Land auf die Kommunen verteilt würden, zurückgehe. Im Januar seien es wöchentlich 1500 gewesen, inzwischen liege man bei 500. Das entlaste die Kommunen.

Im Schnitt acht Wochen verweilten die Menschen momentan in Hermeskeil, erklärte Afa-Leiter Stefan Ding. Er gab den Gästen einen Überblick über die Struktur der Einrichtung, die gemeinsam von DRK, der Ermittlungsgruppe Migration der Polizei, ADD und der Ausländerbehörde des Landkreises Trier-Saarburg geführt wird. Ding ermunterte die Gäste, "nicht mit Fragen, sondern mit Antworten nach Hause zu gehen".
 

Kinderwagen benötigt


Diese Antworten lieferten die beteiligten Institutionen auch an Infoständen im Speisesaal. Dort warb DRK-Mitarbeiter Arno Rohleder um weitere ehrenamtliche Unterstützung: "Wir suchen immer Helfer. Für die Freizeitgestaltung der Flüchtlinge, aber auch in der Kleiderausgabe."

Dort endeten am Samstag die Führungen. Von Ottmar Muno erfuhren die Besucher, dass an Männer im Januar 564 Jeans und 584 Winterjacken ausgegeben wurden - alle gespendet. Obwohl Bürger und Vereine "sehr großzügig" seien, gebe es immer wieder Engpässe. "Größe S, Schuhe, Kinderwagen und Koffer brauchen wir dringend", gab Muno den Gästen mit auf den Weg.
Meinung
Wichtiges Signal der Bürger

Der große Andrang beim Tag der offenen Tür in der Afa ist vor allem für die Verantwortlichen und die vielen ehrenamtlichen Helfer eine tolle Bestätigung, dass ihre Arbeit geschätzt und gewürdigt wird. Aber auch darüber hinaus ist das Interesse der rund 1000 Besucher ein wichtiges Signal. Nämlich dafür, dass der überwiegende Teil der Bürger der Flüchtlingseinrichtung und den dort lebenden Menschen offen gegenübersteht. Schön, dass sich so viele selbst vor Ort ein Bild vom Alltag der Afa-Bewohner machen wollten. Denn wer selbst den Kontakt sucht und sich informiert, kann Vorurteilen und Hetze noch sehr viel entschiedener und wirkungsvoller entgegentreten. c.weber@volksfreund.de
 
Extra
Die Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (Afa) Hermeskeil ist im August 2015 als Außenstelle der Afa Trier auf dem Gelände der ehemaligen Hochwaldkaserne an den Start gegangen. Damals wurden etwa 400 Flüchtlinge in Zelten untergebracht. Parallel lief die Sanierung der Unterkunftsgebäude, so dass im November 2015, als die Afa offiziell eröffnet wurde, zwischenzeitlich mehr als 1000 Menschen beherbergt werden konnten. Laut Afa-Leiter Stefan Ding leben aktuell etwa 700 Flüchtlinge in der Afa, davon sind 59 Prozent Syrer, 30 Prozent Afghanen, vier Prozent Iraner. Mazedonien, Eritrea und Serbien sind weitere Herkunftsländer. Etwa ein Drittel der Bewohner sei zwischen 21 und 30 Jahre alt, nur 20 Prozent seien alleinreisende junge Männer. Belegt sind drei Unterkunftsgebäude, ein viertes soll bald bezugsfertig sein. Auf dem Gelände sind laut Ding 110 Arbeitsplätze entstanden. In der Afa Hermeskeil ist auch eine Registrierungsstelle von Land und Bund eingerichtet. Dort werden die Flüchtlinge mit Foto und Namen erfasst und ihre Fingerabdrücke mit europaweiten Datenbanken abgeglichen. Seit Oktober 2015 wurden laut dem Afa-Leiter 6800 Menschen in Hermeskeil registriert. 

 

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