region/hochwald

Spielend Deutsch lernen mit Memory und Smileys - Zerfer Lehrerin entwickelt System für Schüler aus Flüchtlingsfamilien

(Zerf/Kell am See) Die deutsche Sprache ist der Schlüssel für eine schnelle Integration. Um die Kinder aus Flüchtlingsfamilien besser fördern zu können, greift die Realschule plus in Zerf/Kell am See auf ein dreistufiges Kurssystem zurück. Dass dabei viel Kreativität und Einsatz gefragt ist, davon hat sich der TV bei einem Besuch überzeugt.

17.02.2016
Christa Weber
In die Mitte der Tafel hat Claudia Roth mit Kreide das Wort Familie geschrieben. Pfeile zeigen auf weitere Begriffe: die Mutter, der Vater, das Baby, die Großeltern. Passend dazu wirft die Lehrerin per Diaprojektor Bilder an die Wand. "Wer ist das?", fragt sie und deutet auf das Bild einer jungen Frau. Ein Dutzend Finger schnellt in die Höhe. "Die Tochter", ruft Ali.

Elf Stunden pro Woche

In dem Klassenraum der Realschule plus in Zerf läuft gerade der DaZ-Unterricht (Deutsch als Zweitsprache). Hier lernen Kinder aus nach Deutschland zugewanderten Familien Deutsch. Elf Stunden in der Woche erhalten sie diese besondere Sprachförderung, in der übrigen Zeit besuchen sie ihre regulären Klassen. Der Unterricht bei Claudia Roth ist ein sogenannter Basiskurs. Hier lernen Kinder der Jahrgangsstufen sieben bis zehn, die gar nicht oder kaum Deutsch sprechen.

Der Basiskurs ist die erste Etappe eines dreistufigen Kurssystems, das die Schule selbst entwickelt hat. "Wir haben gemerkt, dass das Lernniveau einfach zu unterschiedlich ist, um alle in einem Kurs zu unterrichten", erläutert Schulleiter Bernd Staudt das Konzept, das seit diesem Schuljahr umgesetzt wird. Laut Staudt gibt es aktuell 18 Schüler im Zerfer Basiskurs, zehn am zweiten Schulstandort in Kell am See. Sie stammten überwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Haben die Kinder ausreichende Vorkenntnisse, steigen sie in den Grundkurs auf. Dort arbeiten sie mit Texten, lernen die Grammatik. Dann folgt ein Aufbaukurs zu Geografie, Politik und gesellschaftlichen Regeln: "Da erklären wir, wie man sich bei uns verhält", sagt Staudt.

Im Kurs von Claudia Roth geht es zunächst um einfachere Dinge. "Die arabisch sprechenden Schüler schlagen ihr Heft falsch herum auf", gibt sie ein Beispiel. "Sie lernen erst mal, dass wir nicht hinten anfangen." Es gebe zwar ein Lehrbuch mit "tollem Material", aber damit könne sie nicht sofort arbeiten, sagt die Lehrerin. Um den Kindern die Wörter für Gefühle beizubringen, habe sie Karten gebastelt mit Smiley-Gesichtern, die weinen, lachen oder schmollen. Vieles erkläre sie auch anhand der eigenen Person, damit sich die Kinder "die Dinge besser vorstellen" könnten: "Man muss sich einfach was einfallen lassen."

Heute hat sie ein Memory-Spiel dabei. Mit Hilfe der Bilder auf den Karten sollen sich die Schüler die Begriffe für die Familienmitglieder einprägen. In Dreiergruppen sitzen sie nun am Tisch und decken abwechselnd die Karten auf. "Die Großeltern", sagt Nour mit Blick auf das abgebildete ergraute Paar. Stimmt - sie darf die Karte behalten. Wer am Ende die meisten hat, gewinnt. "Anfangs geht es nur auf spielerische Weise - und mit viel Wiederholen, Aufschreiben und Rollenspielen", sagt Claudia Roth. Vom Eifer ihrer Schützlinge ist sie begeistert: "Sie wollen unbedingt schnell lernen. Mit manchen kann ich mich schon nach kurzer Zeit richtig unterhalten - das ist enorm."

Ein solches Talent ist auch die 13-jährige Aida. Sie lebt seit dem vergangenen Sommer mit ihrer Familie in Waldweiler, besucht aber bereits den Aufbaukurs. Weil ihr Lehrer heute krank ist, macht sie bei den Basisschülern mit. "Es macht Spaß", sagt Aida. In ihrer neunten Klasse verstehe sie im Deutschunterricht längst nicht alles: "Deshalb ist es wichtig, dass ich noch mehr lerne."

Bedarf seit Sommer gestiegen

Vor kurzem wurde der Schule, an der zurzeit die Anmeldungen fürs nächste Schuljahr laufen, eine weitere Lehrkraft für den DaZ-Unterricht bewilligt. "Damit kommen wir jetzt auf 36 Lehrerwochenstunden", freut sich der Rektor. Sechs weitere Stunden steuere die Caritas bei. Der Bedarf sei seit dem Sommer "rasant gestiegen". Inzwischen gebe es 37 DaZ-Schüler. "Bei 40 ist aber Schluss, weil sonst die Integration in den Klassen nicht mehr funktioniert", sagt Staudt. Auch die nötigen Arbeitsmittel könne man auf Dauer nicht aus dem Schuletat stemmen: "Wir werden beim Kreis anfragen, ob es noch irgendwo Fördertöpfe gibt."

Vom Erfolg des Kurssystems ist der Rektor überzeugt: "Ich bin mir sicher, dass es rasch zur Integration der Kinder führt." Zudem übertrage sich deren Eifer auf die Eltern, was der Zuspruch für die Volkshochschul-Kurse zeige. Langfristig will Staudt zusätzlich zum Deutschunterricht Lernpaten einführen, die ihre ausländischen Mitschüler in der Klasse gezielt unterstützen.

Empfehlungen

Kommentare