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Vorfall im Hermeskeiler Freibad schlägt hohe Wellen im Netz – Keine Familienkarte für lesbisches Paar mit Kind

(Hermeskeil) Massive Kritik im Internet und Homophobie-Vorwürfe hat das Verhalten einer Kassiererin im Hermeskeiler Freibad ausgelöst. Ende August verweigerte sie einem lesbischen Paar mit Kindern den Familienrabatt. Inzwischen ist die Antidiskriminierungsstelle des Landes eingeschaltet. Die Verwaltung will ihr Gebührensystem überdenken.

14.10.2016
Christa Weber
Das Freibad in Hermeskeil hat seine Saison längst beendet. Ein Vorfall von Ende August wird allerdings aktuell im Internet heftig diskutiert. Ein Onlineportal mit Nutzern aus ganz Deutschland hat darüber berichtet. Und eine Berliner Stiftung hat die Landes-Antidiskriminierungsstelle eingeschaltet.

Was ist passiert? Eine junge Frau aus dem Saarland wollte am 28. August mit ihrer Lebensgefährtin, deren leiblicher Tochter und einer minderjährigen Schwester der Partnerin das Freibad in Hermeskeil besuchen. Sie fragten nach einer Familienkarte. Die Kassiererin wollte wissen, wo denn der Mann sei, berichtet eine der Betroffenen dem TV. Die 21-Jährige möchte „aus beruflichen Gründen“ anonym bleiben.
Nachdem sie der Kassiererin erklärt habe, dass sie, ihre Freundin und die zwei Kinder die Familie seien, habe die Mitarbeiterin gesagt: „Frau und Frau, Mann und Mann geht hier nicht.“ Die Vier hätten daraufhin den normalen Eintrittspreis gezahlt. „Wir waren alle sehr schockiert.“

Verbreitung per Internet: Im sozialen Netzwerk Facebook machte die 21-Jährige ihrem Ärger Luft. Ihr Beitrag wurde fast 500 Mal geteilt. Die junge Frau schreibt darin, dass „Mutter-Vater-Kind“ heutzutage „nicht mehr die einzige Form von Familie“ sei. Dazu zählten auch gleichgeschlechtliche Elternpaare und Alleinerziehende.
Der „homophobe Kommentar“ der Freibad-Kassiererin zeige, „dass die Gesellschaft das leider nicht so sieht“. Es mache „fassungslos“, dass homosexuelle Paare „nach wie vor in der Öffentlichkeit mehr geduldet als wirklich akzeptiert“ seien.

Reaktion des Badbetreibers: Bei Michael Hülpes, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Hermeskeil, die Träger des Bads ist, hat sich die 21-Jährige per E-Mail beschwert. Der VG-Chef antwortete ihr schriftlich und erklärt gegenüber dem TV, dass die Mitarbeiterin „etwas spontan reagiert“ habe. Man dürfe dies „nicht überbewerten“.
Laut Hülpes wurde die Familienkarte schon häufiger „nachweislich missbraucht“. Der Vorfall habe nun gezeigt, „dass unser Gebührensystem überholt ist“. Man werde es überarbeiten und „vermutlich die Familienkarte abschaffen“. Büroleiter Werner Haubrich ergänzt, dass die Schwimmbadsatzung den Begriff „Familie“ nicht definiere und das Personal „keine Einweisung“ erhalte, wie es damit umzugehen habe. Der Familienbegriff habe sich „gewandelt“, auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften seien einzubeziehen, sagt Haubrich. Man wolle nun das Tarifsystem insgesamt „vereinfachen, damit die Mitarbeiter gar nicht erst in Konfliktsituationen geraten“.

Diskussion geht weiter: Für die junge Saarländerin geht das jedoch „am Thema vorbei“. Der Bürgermeister habe nicht verstanden, worum es ihr gehe. „Anstatt sich zu entschuldigen“, rate er ihr in seiner E-Mail, die Reaktion der Kassiererin „mit einer gewissen Gelassenheit und Schmunzeln“ hinzunehmen.
Die Internetseite queer.de, betrieben von Queer Communications in Köln, hat den Vorfall unter dem Titel „Familienkarte nur für Heteros“ aufgegriffen. Leser des Artikels hinterließen darunter 105 Kommentare. Die Meinungen reichen von harscher Kritik am Badbetreiber („widerliche Homophobie“) bis zu gewissem Verständnis für die Kassiererin („Ich kann es verstehen, dass man misstrauisch wird, wenn keine reguläre Familie an der Kasse steht“).
Der Text, der ohne Rücksprache mit den Betroffenen verfasst wurde, erwähnt, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld die Antidiskriminierungsstelle des Landes Rheinland-Pfalz informieren wolle.

Stiftung schaltet sich ein: „Das haben wir“, bestätigt Jörg Litwinschuh, geschäftsführender Vorstand der Berliner Stiftung, die sich für die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung einsetzt. Er sei in seinem Heimatort Weiskirchen (Saarland) auf den Fall angesprochen worden, sagt Litwinschuh. Die Reaktion an der Freibadkasse stimme ihn „traurig“. Sie zeige, dass bei Kommunen noch „Nachholbedarf“ bestehe, damit sie ihre Mitarbeiter für vielfältige Gesellschaftsformen sensibilisierten. Er habe den Vorfall nach Rücksprache mit den beiden Frauen an die Antidiskriminierungsstelle in Mainz weitergegeben.

Hinweise aus Mainz: Das im Familienministerium angesiedelte Referat Antidiskriminierung und Vielfalt hat der Stiftung mitgeteilt, dass es über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) aufkläre, aber „keine direkte Hilfe“ zur Durchsetzung damit verbundener Rechte leiste.
Laut AGG dürfe niemand aufgrund von Rasse, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion oder sexueller Identität benachteiligt werden. Das Gesetz greife gegenüber Arbeitgebern und Privaten, aber nicht bei „staatlichem Handeln“ in öffentlichen Einrichtungen wie dem Hermeskeiler Freibad. Das Referat verweist stattdessen auf den Landes-Bürgerbeauftragten, Dieter Burgard, der bei Fehlverhalten von Behörden weiterhelfe. Die betroffenen Frauen müssten sich dort aber persönlich melden. Darüber hinaus fördere das Ministerium das landesweite Projekt QueerNet. Die Koordinatoren versuchten, „auf Verwaltungen zuzugehen und über gesellschaftliche Vielfalt aufzuklären“. Mitstreiter aus Trier hätten Kontakt zum Hermeskeiler Rathaus aufgenommen.

Fazit der Betroffenen: Sie freue sich über die erhaltene Unterstützung, sagt die 21-Jährige. „Ich hätte aber nicht gedacht, dass mein Beitrag solche Kreise zieht.“ Sie sei „so verärgert“ gewesen, dass sie den Vorfall „der Welt nicht vorenthalten wollte“.
 

Meinung

Zweimal schlecht reagiert
Die Frau an der Freibadkasse hat falsch reagiert. Sie hätte, nachdem die beiden Frauen ihr ganz offen ihre Familienverhältnisse erklärt hatten, die Familienkarte ausstellen müssen.
Ihr zu unterstellen, dass sie sich bewusst diskriminierend verhalten hat, sollte man jedoch unterlassen. Das ist in einigen Internet-Kommentaren geschehen.
Offenbar ist die Mitarbeiterin von der ungewohnten Situation schlicht überrascht und überfordert gewesen. Dasselbe gilt wohl auch für die Verbandsgemeinde-Verwaltung, der man sicher nicht vorwerfen kann, mit ihrem Tarifsystem eine homophobe oder diskriminierende Haltung zu vertreten.
Kritisieren kann man aber durchaus, was im Anschluss passiert ist und noch geschehen soll. Statt des Ratschlags an die Betroffenen, sie sollten den Vorfall „mit einem Schmunzeln hinnehmen“, wäre eine Entschuldigung ganz sicher angebracht gewesen.
Fraglich ist auch, ob die Verwaltung sich und den Familien einen Gefallen damit tut, wenn sie nun den Familienrabatt ganz abschaffen möchte. Besser wäre sicherlich, sich mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen und eine weniger radikale Lösung zu suchen. c.weber@volksfreund.de 

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