Wie würde sich ein Nationalpark im Hochwald und Hunsrück entwickeln? Die Naturwaldreservate auf dem Erbeskopf und bei Mandern in der Verbandsgemeinde Kell geben darüber jetzt schon Aufschluss. In den Schutzzonen wachsen die Bäume seit bis zu 30 Jahren ohne menschliches Zutun.
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Ein dreieckiges Schild mit Hirschkäfer markiert das Naturwaldreservat, wo besondere Regeln für die Menschen gelten. Sie müssen beispielsweise auf den Wegen bleiben und dürfen kein Holz entnehmen. TV-Fotos (3): Hannah Schmitt
Erbeskopf/Mandern. Schon lange haben Menschen hier nicht mehr gewirtschaftet: In den Naturwaldreservaten Gottlob und Springenkopf auf dem Erbeskopf gelten eigene Regeln - und das bereits seit 30 Jahren. Spaziergänger müssen auf den Wegen bleiben, Hunde angeleint sein. Zudem ist Blumen pflücken, Pilze sammeln und Holz mitnehmen verboten. Der Mensch ist in diesen Waldgebieten nur noch Beobachter. Ganz wie es irgendwann in einem Nationalpark in Rheinland-Pfalz der Fall sein könnte. Nur ab und zu schauen die Mitarbeiter des Forstes vorbei und prüfen, ob noch alles in Ordnung ist. Dann würden auch mal Bäume umgelegt, die sonst umzufallen drohten, sagt Hans-Jürgen Wagner, Leiter des Forstamts Dhronecken. Weggeräumt werden die Bäume jedoch nicht.
Wissenschaftliches Projekt
1982 wurden die 17 und 14 Hektar großen Schutzzonen eingerichtet, in denen es auch für Wild und Menschen nicht zugängliche Kernzonen gibt. Insgesamt sechs gibt es im Forstamt Dhronecken, 56 in ganz Rheinland-Pfalz. Dort wird untersucht, wie sich der Wald entwickelt - wenn die Menschen nicht eingreifen. Markiert sind sie durch ein dreieckiges Schild mit grünem Rand, auf dem ein Hirschkäfer zu sehen ist.
Gottlob und Springenkopf wurden laut Wagner ausgewählt, weil es dort besonders viele alte Buchen gibt. Sie sollten geschützt werden, bevor sie irgendwann verschwunden wären, sagt Wagner. Zudem seien die Standorte aufgrund der extremen Wetterbedingungen interessant. Schließlich liegen beide fast auf 800 Metern Höhe.
Viele Tiere und Pflanzen
Begleitet wird das Langzeitprojekt von der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt. Wie wachsen die Bäume? Was passiert in der Tier- und Pflanzenwelt? Das sind Fragen, mit denen sich die Forscher beschäftigen. Fragen, die mit der Debatte um einen Nationalpark in Rheinland-Pfalz aktueller denn je sind.
"Die Naturwaldreservate können Einzelfallbeispiele dafür sein, wie sich ein Nationalpark entwickeln könnte", sagt Patricia Balcar, wissenschaftliche Leiterin der Trippstädter Forschungsanstalt. Auch wenn die Flächen wesentlich kleiner seien als ein möglicher Nationalpark. Wagner geht sogar einen Schritt weiter: Die reinen Buchenwälder der Gebiete Gottlob und Springenkopf könnten fast als gewünschte Endstufe eines Nationalparks bezeichnet werden.
Doch nicht jedes Naturwaldreservat wird detailliert untersucht. Genau gemessen haben die Forscher in der Region bislang nur im Gebiet Himbeerberg bei Mandern (VG Kell am See). Das Reservat besteht seit 1991; ein Sturm hatte damals viele Bäume entwurzelt, die aber liegen geblieben sind. Auf der Fläche sei durch das viele Licht und die Wärme die Anzahl der Pflanzen und Tiere explodiert, sagt Balcar. "Auch im Totholz siedeln sich spezielle Pflanzen, Käfer und Fliegen an." Darunter auch seltene Arten wie Edelschar- oder Hornissenkäfer, der in Vogelnestern lebt. Zudem wird laut der Wissenschaftlerin deutlich: Die Buche verdrängt in der Regel andere Baumarten.
Welchen Einfluss der Borkenkäfer auf einen Nationalpark haben könnte, dazu kann Balcar hingegen nichts sagen. Er hatte zum Beispiel im Nationalpark Bayerischer Wald große Schäden angerichtet. In der Region gibt es laut der Wissenschaftlerin aber nur sehr wenige Naturwaldreservate mit vielen Fichten, die am häufigsten von den gefährlichen Borkenkäfern befallen werden.
Extra
In den geschützten Gebieten soll sich die Natur auf 75 Prozent der Fläche ohne menschliche Eingriffe entwickeln können. Deshalb lautet das Motto "Natur Natur sein lassen". Spätestens 30 Jahre, nachdem der Park ausgewiesen wurde, soll dieses Ziel erreicht sein. Besucher dürfen in einem Nationalpark auf ausgewiesenen Wegen Rad fahren oder wandern. Brennholz oder Pflanzen mitzunehmen, ist dagegen verboten. In Deutschland gibt es derzeit 14 Nationalparks. hsc
Extra
Naturwaldreservate sind besondere Schutzzonen, in denen der Wald sich ohne Eingriffe der Menschen entwickeln soll. Die ersten bekannten Reservate wurden laut der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Mitte des 19. Jahrhunderts in Böhmen und Frankreich eingerichtet. Alte Waldbestände lange zu erhalten, war zunächst das Ziel. Inzwischen geht es aber auch darum, die Natur zu erforschen. In Rheinland-Pfalz gibt es 56 Naturreservate mit einer Fläche von etwa 2000 Hektar. Das entspricht circa 2000 Fußballfeldern. Sie liegen in den wichtigsten Waldlandschaften wie dem Pfälzerwald, dem Hunsrück, der Eifel oder im Westerwald und repräsentieren alle besonderen regionaltypischen Waldgesellschaften beziehungsweise bedeutende typische Standorte. hsc
Abgestorbene Bäume bleiben in den Naturwaldreservaten liegen. Dort bilden sie die Lebensgrundlage für viele Pflanzen und Tiere, zum Beispiel Baumpilze (kleines Bild oben). Bild unten: Tote Bäume können jederzeit auf den Boden fallen. Deshalb sollten Besucher im Reservat auf den Wegen bleiben.
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