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Thalfang ehrt bedeutenden Rabbiner Samuel Hirsch

Das Gelände neben dem Haus der Begegnung heißt ab sofort Samuel-Hirsch-Platz

(Thalfang) Der Nachfahre des Thalfanger Rabbiners Samuel Hirsch hat den Hunsrückort zur Einweihung des Samuel-Hirsch-Platzes besucht. Dort soll ein Ort des Nachdenkens und der Erinnerung geschaffen werden.

28.01.2016
Hans-Peter Linz
Es fühlt sich an, als würde man nach Hause kommen", sagt Emil G. Hirsch aus Naples/Florida (USA). Der 89-Jährige ist tief beeindruckt und gerührt, denn er besucht erstmals den Ort, in dem sein Urgroßvater Samuel Hirsch vor 200 Jahren geboren wurde. Die Gemeinde hatte ihn als Ehrengast zur Einweihung des Samuel-Hirsch-Platzes eingeladen. Damit ehrt Thalfang einen bedeutenden Mann. Samuel Hirsch hat nach dem Studium in Leipzig und weiteren Städten in den USA das Reformjudentum begründet und wurde damit weltweit bekannt. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten setzte er sich für eine moderne Religionsausübung im Einklang mit Freiheit, Toleranz und Humanität ein (siehe Extra).

Auf dem Friedhof in Chicago erinnert ein zehn Meter hohes Monument an ihn. Der Thalfanger Elmar Ittenbach hat die Geschichte der Familie Hirsch erforscht und sich maßgeblich dafür eingesetzt, einen Gedenkraum für Hirsch in Thalfang zu schaffen. Dafür wurde er am Montag in Berlin ausgezeichnet (der TV berichtete am 25. Januar). Auch die Schüler der Realschule plus in Thalfang haben sich mit der jüdischen Geschichte beschäftigt und dabei das Monument aus Chicago nachgebaut.

Höhepunkt ihrer Projektarbeit war der Besuch von Emil G. Hirsch am Donnerstagmorgen im Unterricht. Hirsch sagt: "Es war bewegend, mit den jungen Menschen über die Geschichte zu sprechen." Aus einer geplanten Unterrichtsstunde wurden so schnell zwei Stunden, ergänzt Schulleiterin Sabine Becker.

Thalfangs Bürgermeister Burkhard Graul sagte gestern, dass Thalfang ein bedeutender Ort für die jüdische Geschichte sei. Im Ort seien auch 21 Stolpersteine verlegt worden. Graul: "Wir wollen die Erinnerung an die jüdischen Schicksale in Thalfang wachhalten."

Außerdem sei geplant, ein Gegenstück zum Moment in Chicago in Thalfang aufzubauen. Auf dem Samuel-Hirsch-Platz soll bald eine mannshohe Stele stehen. Dazu seien Mittel aus einem EU-Förderprogramm beantragt worden. Eine Sitzmöglichkeit soll das Ensemble dann abrunden, einen Platz zum Nachdenken schaffen. Elmar Ittenbach betont, dass die Ideen von Samuel Hirsch auch heute noch wichtig sind. Dabei zitiert er seinen Lieblingssatz von Hirsch: "Die Religion der Liebe und Toleranz ist ganz gewiss die Religion der Zukunft." Dieser Satz habe gerade in der heutigen Zeit, ein besonderes Gewicht. Emil G. Hirsch dankte den Thalfangern dafür, dass sie das Andenken an seine Familie bewahren: "Das war ein bedeutender Tag für die jüdische und für die deutsche Kultur, die miteinander verbunden sind. Am Samstag fliegen wir nach Florida zurück, wo es viel wärmer ist. Mit der Erinnerung an einen kalten Winter, aber sehr warmherzige Menschen in Deutschland."
Extra
Samuel Hirsch wurde am 8. Juni 1815 in Thalfang geboren. Er starb am 14. Mai 1889 in Chicago. Hirsch war Rabbiner, Religionsphilosoph und Vertreter des Reformjudentums zunächst in Deutschland, dann in den USA. Er studierte an den Universitäten Bonn und Berlin, erhielt seine rabbinische Ausbildung in Metz (Frankreich) und dann in Mainz. Er war ab 1839 Rabbiner. Schon zu dieser Zeit arbeitete er an der "Religionsphilosophie der Juden", dem ersten Band einer umfangreichen Forschungsarbeit. 1842 legte er an der Universität Leipzig seinen Doktortitel ab. Von 1843 bis 1866 war er Großrabbiner des Großherzogtums Luxemburg und schloss sich einer Freimaurerloge an. Er heiratete Louise Micholis und wurde Vater dreier Söhne. 1866 erhielt er einen Ruf als Rabbiner der Reformgemeinde in Philadelphia und wanderte in die USA aus. Hirsch unternahm den Versuch, zwischen einem "bleibenden ideellen Kern" und einem der Tagesnotwendigkeit unterliegenden "äußerlichen Ritus" zu unterscheiden. Hirschs Leitspruch "Verständigung ist das Losungswort unserer Zeit" war die Grundlage seiner Lehre. hpl
Extra
Die jüdische Religion ist schon sehr alt. Sie ist älter als das Christentum oder der Islam. Deshalb hat sie sehr alte Bräuche, die nicht mehr immer in die moderne Zeit passen. Samuel Hirsch hat versucht, das zu ändern, zu reformieren. So ist der wichtigste Ruhetag im Judentum der Sabatt, der Samstag. Aber bereits vor 200 Jahren und auch heute müssen viele Menschen am Samstag arbeiten. Stattdessen ist Sonntag nun Ruhetag. Hirsch hatte deshalb die Idee, auch den jüdischen Ruhetag am Sonntag zu begehen. hpl

 

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