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Auf dem Marktplatz der Illusionen

Gelungene Neudeutung: Premierenpublikum feiert ungewöhnliche Produktion der "Verkauften Braut"

(Trier) Mutig: Da setzt das Trierer Theater mitten in die Debatte über seine Zukunft eine Produktion der "Verkauften Braut", die nichts, aber auch gar nichts mit der gefälligen Folklore zu tun hat, die das Publikum gemeinhin so liebt. Und die Risikofreude wird mit einem Riesen-Erfolg belohnt.

02.06.2013
Dieter Lintz
Trier. Schon die Bebilderung der Ouvertüre zeigt einen völlig neuen Blickwinkel auf Smetanas Oper: Zu sehen ist ein heruntergekommener Festplatz der Gegenwart, gefeiert wird der "Tag der Heimat 2013", zwischen Pommesbuden, Billig-Discountern und zerschlissenen Reklame-Tafeln.
Gleich in den ersten Minuten lernt man Wenzel kennen, einen jungen Mann, den man in politisch weniger korrekten Zeiten einen Dorftrottel genannt hätte. Stotternd, linkisch in seinen Bewegungen, von einer starken Brille verunziert, stromert er über den Festplatz, von seinen Altersgenossen gemobbt - das beredte Porträt eines Außenseiters. Gezeichnet von dem grandiosen Luis Lay, der das Kunststück schafft, einen behinderten Menschen zu spielen, ohne ihn zu denunzieren.

Superb: Wenzel Luis Lay


Komisch und tragisch, mit einer enormen körperlichen Präsenz, anrührend, nah und trotzdem fremd. Dass ein Sänger auf diesem Niveau spielt, kommt nur alle Jubeljahre vor. Es ist sein Abend.
Regisseur Thomas Münstermann erzählt die ganze böhmische Dorf-Komödie um einen geleimten Heiratsvermittler, der im Auftrag von Wenzels reichen Eltern die arme Marie als dessen Ehefrau einkaufen soll, aus der Warte des gedemütigten und nicht ernst genommenen Wenzel. Die immer wieder sichtbare heile Dorf-Welt ist seine Illusion, der elende Marktplatz eine Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte.
Das klingt kompliziert, aber Münstermanns hochintelligente szenische Ideen, das so originelle wie wandlungsfähige Bühnenbild von Dirk Steffen Göpfert und die pittoresken Kostüme von Ruth Groß schaffen es gemeinsam, die Vermischung von Fantasie und Realität so plausibel und nachvollziehbar zu zeigen, dass man sich nicht entziehen kann. Auch am Ende nicht, wo es bitter wird, weil Wenzel angesichts aller Herabsetzungen und geplatzten Träume durchdreht. Das Happy End bekommt riesige Fragezeichen, und das letzte, was man vor dem sich schließenden Vorhang sieht, ist der blinkende Zeitzünder einer Bombe, versteckt in einem Teddybären.
Solche Neudeutungen gehen oft schief. Dass es hier funktioniert, liegt daran, dass Münstermann nicht gegen die Musik inszeniert, sondern genau hinhört. Alles lässt sich auf Smetana zurückführen: Die Verzweiflung bei Wenzel, das latent Gewalttätige bei Heiratsvermittler Kecal (Alexander Trauth gestaltet ihn gekonnt als schmierigen Zuhälter-Typen), der Widerstandsgeist bei der "verkauften Braut" Marie (stimmlich absolut souverän und sehr schön zwischen Zartheit und Zorn angesiedelt bei Joana Caspar).
Carlos Aguirre singt mit viel sonorem Schmelz, aber verbesserungsbedürftiger Wortverständlichkeit Wenzels Bruder Hans, Wenzels Vorbild und Maries Wunsch-Ehemann - auch er eine Fantasie-Figur, einem Werbeplakat entstiegen. Liebevoll und engagiert gestaltet das Ensemble (Laszlo Lukacs, Kristina Stanek, Pawel Czekala, Evelyn Czesla, Fernando Gelaf, Regine Buschmann, Tim Heisse) alle Rollen, Chor und Extrachor hängen sich mächtig rein. Letztere sind auch szenisch permanent gefordert, als Darsteller und Tänzer - verzichtet Münstermann doch auf gekünstelte Ballett-Einlagen und setzt auf eine authentische Gestaltung des Dorffestes. Bei so viel Bewegung bleibt der Gesang dennoch präzise, das Tempo hoch. Eine starke Leistung.
Superber Einstieg als Operndirigent auch für Kapellmeister Joongbae Jee. Er lässt mit den Philharmonikern die unterschiedlichen musikalischen Farben blühen, macht Dampf, vermeidet jede Betulichkeit, ist ähnlich analytisch klar und facettenreich wie die Regie. Und vor allem hält er im komplexen Geschehen alles sicher beisammen. Langer, einhelliger Jubel am Schluss, vor allem für Lay und Caspar, aber auch für das Regieteam. Und vielleicht für den Mut der Intendanz.

 

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